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Nordlichter sind Tagesausflugs-Meister

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Trotzdem verdienen sie mit dieser oft übersehenen Tourismus-Sparte im bundesweiten Vergleich mit am wenigsten Geld

shz.de von
erstellt am 25.Jan.2016 | 07:52 Uhr

In keinem anderen Bundesland unternehmen die Einheimischen so viele Tagesausflüge wie in Schleswig-Holstein. Das hat das Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut für Fremdenverkehr (dwif) aus München in einer Grundlagenstudie zum Tagestourismus herausgefunden. Rein rechnerisch kommen die Schleswig-Holsteiner auf 37,5 Tagestrips pro Kopf und Jahr. Beim Zweitplatzierten Rheinland-Pfalz sind es 33, im Bundesdurchschnitt lediglich 30,3 Ausflüge.

Ebenfalls als Spitzenreiter erweist sich das Land zwischen den Meeren bei einer zweiten Kennziffer – der Tagesreise-Intensität. Dabei geht es um den Anteil der Einwohner, die innerhalb eines Jahres mindestens einmal einen Tagestrip unternommen haben. Er liegt in Schleswig-Holstein bei 87,1 Prozent, im deutschlandweiten Mittel bei 83,7 Prozent. Auf Rang zwei liegt Baden-Württemberg mit 85,5 Prozent.

„Das zeigt eine besonders hohe Mobilität der Schleswig-Holsteiner“, sagt dwif-Geschäftsführer Michael Zeiner. Beachtlich seien die Werte nicht zuletzt im Hinblick auf die vergleichsweise geringe Einwohnerzahl. Er sieht bei der hohen Begeisterung für Tagesausflüge durchaus einen Zusammenhang mit den vielen attraktiven Angeboten des touristisch geprägten Nordens und im Sommer auch mit den Verlockungen der Strände. Aber dies sei nicht unbedingt die einzige Erklärung. Zeiner verweist auf den hohen Anteil von Einwohnern im ländlichen Raum. „Da ist auch die Notwendigkeit zu Ausflügen höher als wenn ich alles Mögliche zur Freizeitgestaltung im direkten Umfeld habe“, meint der Forscher.

Von den 108,8 Millionen jährlichen Tagesreisen, die das dwif für Schleswig-Holstein registriert hat, führen 49 Millionen an die Ostsee, nur 12,8 Millionen an die Nordsee und 47 Millionen an sonstige Ziele. Dass die Nordsee weit hinterherhinkt, liegt an den vergleichsweise weiten Wegen von den dichter besiedelten Gebieten des Landes, insbesondere auf die Inseln.

Bei aller Blüte des Tagesausflugsverkehrs in Schleswig-Holstein – ganz schlecht schneidet das Land zwischen den Meeren ab, wenn es darum geht, mit dem Tagestourismus Geld zu verdienen. Während ein Tagesreisender im Bundesdurchschnitt 28,30 Euro ausgibt, blättert er in Schleswig-Holstein nur 24,10 Euro hin. Nur in den ostdeutschen Bundesländern außer Sachsen lassen die Tagesgäste so wenig Geld wie in Schleswig-Holstein. Am besten sind die Hamburger, wenn es darum geht, Tagestouristen Geld aus der Tasche zu ziehen: 38,30 Euro und damit über 14 Euro mehr als im Land zwischen den Meeren.


Bewegung in freier Natur steht im Mittelpunkt


Als größter Profiteur erweist sich der Einzelhandel: 11,20 Euro pro Tagesausflügler bleiben in Schleswig-Holstein in Cafes und Restaurants. 7,40 Euro fließen in die Gastronomie, 2,50 in Unterhaltungsangebote im weitesten Sinne, drei Euro in Sonstiges. Das kann Strandeintritte, Tickets für Schiff- oder Kutschfahrten, Wellness oder die Benutzung eines Taxis sein.

Tourismusforscher Zeiner findet die Ergebnisse für das nördlichste Bundesland „logisch“. Sie deuteten keineswegs zwingend auf im Vergleich „zu niedrige“ Preise hin. „Die Motive für Ausflüge in Schleswig-Holstein haben viel mit Bewegung in freier Natur zu tun. Da steht das Geldausgeben nicht im Mittelpunkt“, resümiert Zeiner. Offenbar werde durch die Freude an der Natur auch besonders häufig gepicknickt, mutmaßt der Münchner mit Blick auf die mauen Umsätze der Gastronomie. Sie fallen nur in Thüringen und Sachsen-Anhalt noch schlechter aus.

Grundsätzlich seien in den Metropolen mit deren buntem Strauß die Gelegenheiten zum Geldausgeben von Shoppen über Essengehen bis hin zum Theater- oder Musicalbesuch deutlich größer, gibt Zeiner zu bedenken. Auch für Schleswig-Holstein sieht der Wissenschaftler aber durchaus noch unausgeschöpfte Möglichkeiten für höhere Umsätze mit Tagesgästen. „Man könnte Öffnungszeiten und Serviceleistungen erweitern“, schlägt Zeiner beispielsweise vor. „Man muss den Gästen schlicht die Chance geben Geld auszugeben.“ Die Herausforderung reiche bis hin zu politischen Entscheidungen, etwa, wieviele verkaufsoffene Sonntag zugelassen werden.

Zentrale Bedeutung misst der dwif-Geschäftsführer einem „gesonderten tagestouristischen Marketing“ bei. Dieses müsse Publikum viel kurzfristiger ansprechen als die allgemeine Fremdenverkehrswerbung. Es müsse etwa mit hoch aktuellen Informationen, etwa über besondere Events, spielen. Wichtig seien auch Kombi-Angebote, die zum wiederholten Besuch eines Ortes anregen – etwa mit Rabatt-Pässen, wenn man dort mehrere Sehenswürdigkeiten oder Freizeiteinrichtungen ansteuert.

Als Tagesreise definiert die Studie jedes Verlassen des Wohnumfelds, das nicht berufs- oder schulbedingt ist, nicht dem Decken des täglichen Bedarfs dient und auch sonst keiner gewissen Routine oder Regelmäßigkeit unterliegt.

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