zur Navigation springen

Kommentiertes Buch : Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ erscheint und ist sofort vergriffen

vom

Die Historiker wollen mit dem Buch die Ansichten des Diktators kritisch kommentieren. Die Neuauflage ist umstritten.

shz.de von
erstellt am 08.Jan.2016 | 12:55 Uhr

München | Ein Buch macht Karriere: 70 Jahre nach Adolf Hitlers Tod erscheint am Freitag seine Hetzschrift „Mein Kampf“ als kommentierte Neuauflage. Das Institut für Zeitgeschichte stellt die knapp 2000 Seite dicke kritische Edition vor. Bereits jetzt ist das Buch im Handel vergriffen, wie „Die Welt“ berichtet.

Die erste Auflage des Buches „Mein Kampf“ liegt bereits über 85 Jahre zurück. Die Hetzschrift zählt zu den bekanntesten Büchern der Welt.
Laut Amazon ist die Neuauflage bereits nicht mehr erhältlich.

Laut Amazon ist die Neuauflage bereits nicht mehr erhältlich.

Foto: Screenshot Amazon/Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition

Ein Sprecher des Instituts erklärte, von der Nachfrage überrascht zu sein, berichtet „Die Welt“. Weitere Auflagen seien geplant, eine zweite bereits für den 18. Januar 2016. In der Amazon-Kundeninformationen zum Buch ist zu lesen, dass die Erlöse aus dem Verkauf an Organisation gehen, die sich zu Gunsten von Opfern des Nationalsozialismus engagieren. Das Buch kostet im Handel 59 Euro.

Die Historiker wollen damit die Ansichten des Diktators kritisch kommentieren und widerlegen. „Es gilt, Hitler und seine Propaganda nachhaltig zu dekonstruieren und damit der nach wie vor wirksamen Symbolkraft dieses Buchs den Boden zu entziehen“, schreibt das Münchner Institut auf seiner Internet-Seite. Auf diese Weise lasse sich einem ideologisch-propagandistischen und kommerziellen Missbrauch entgegenwirken.

Hintergrund: Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“

Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hat Adolf Hitler, in der Festung Landsberg inhaftiert, 1924 sein Buch „Mein Kampf“ geschrieben. Darin legte er seine politischen Ansichten und Pläne dar. Als fanatischer Antisemit war Hitler Anhänger der „Rassentheorie“, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand und in rechtsnationalen Kreisen in mehreren europäischen Ländern viele Anhänger hatte. In dieser Weltsicht war die sogenannte „arische Rasse“ - deren edelste Vertreter in Hitlers Weltanschauung die germanischen Völker waren - Begründer der menschlichen Kultur. Die Juden hätten eine „verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit“ gespielt.

In der Hetzschrift sind die Grundlagen für Hitlers spätere Eroberungspolitik angelegt, wie manchen Gegnern Hitlers schon früh auffiel. Das Buch wurde zunächst aber aufseiten der demokratischen Parteien nicht ernst genommen. Der erste Band erschien im Juli 1925, der zweite folgte im Dezember 1926. Bis Herbst 1944 erreichte „Mein Kampf“ eine Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren, dann gab es keine Neuauflage mehr.

 
Bibliotheksleiter Daniel Schlögl blättert in den Räumen vom Institut für Zeitgeschichte in München in der Erstausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahr 1925.

Bibliotheksleiter Daniel Schlögl blättert in den Räumen vom Institut für Zeitgeschichte in München in der Erstausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahr 1925.

Foto: Matthias Balk, dpa

Reaktionen auf Neuausausgabe von „Mein Kampf“

Zentralratspräsident der Juden, Josef Schuster, für kritische „Mein Kampf“-Edition

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßt die Veröffentlichung der kommentierten Ausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. „Ich kann mir gut vorstellen, dass diese kritisch kommentierte Auflage einer Aufklärung dient, und dass sie einen gewissen Mythos, der um dieses Buch herrscht, aufzuklären vermag“, sagte Schuster am Freitag dem Radiosender „NDR Info“. Sie könne zeigen, mit welchen völlig falschen und skurrilen Theorien und Thesen Hitler gearbeitet habe.

Dass das Buch dazu beiträgt, solche Ansichten in rechtsextremistischen Kreisen zu verbreiten, hält er für möglich. Gerade vor dem Hintergrund von Rechtspopulismus und Erscheinungen wie Pegida sei es aber wichtig, sich mit Hitlers Propaganda auseinanderzusetzen. „Denn einige Dinge, die wir auch heute wieder hören, finden wir auch in diesem Buch“, warnte Schuster. Die kommentierte Ausgabe, die am Freitag in München vorgestellt wird, sollte deshalb seiner Ansicht nach auch in den Schulen Thema sein.

Besorgnis in Russland über deutsche Neuausgabe von „Mein Kampf“

Russische Politiker und Menschenrechtler äußern sich kritisch über die kommentierte Neuauflage. „Anstelle der Deutschen hätte ich darüber noch einmal nachgedacht“, sagte Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow der Agentur Interfax vor dem Erscheinen der kommentierten Ausgabe. Er verspüre „weder Wunsch noch Notwendigkeit“ nach einer Neuausgabe.

Der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Außenministeriums, Konstantin Dolgow, schrieb bei Twitter: „Eine seltsame Art, gegen die wachsenden neonazistischen Tendenzen in Europa zu kämpfen!“ Die Parlamentsabgeordnete Irina Jarowaja, Vorsitzende des Sicherheitsausschusses in der Staatsduma, bezeichnete das Erscheinen als „unheilvolles Zeichen der Neuauflage des Faschismus in der Welt“.

In Russland ist die Verbreitung extremistischen Materials per Gesetz verboten - darunter fallen auch historische nationalsozialistische Schriften wie „Mein Kampf“. Unter der Hand wird das Buch im größten Land der Erde aber seit vielen Jahren als Antiquität verkauft.

Die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa äußerte Besorgnis, dass das Buch nun im großen Ausmaß nach Russland gelangen könnte. Sie glaube aber nicht, dass sich in Russland Menschen fänden, die „Mein Kampf“ kaufen und lesen wollten, sagte die Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe. Die damalige Sowjetunion hatte mit rund 27 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg die meisten Opfer zu beklagen. Der 9. Mai wird jährlich als „Tag des Sieges“ über den Faschismus mit Militärparaden gefeiert.

Der Originaltext stammt aus dem Jahr 1924. Hitler hatte darin politische Ansichten und Pläne dargelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übertrug die US-Regierung die Urheberrechte an den Freistaat Bayern, der das Buch seitdem unter Verschluss gehalten hatte. Ende vergangenen Jahres, 70 Jahre nach Hitlers Tod, liefen diese Urheberrechte aber aus. Unkommentierte Veröffentlichungen von „Mein Kampf“ bleiben verboten, sind allerdings trotzdem auch übers Internet immer wieder erhältlich. Die kommentierte Edition ist trotzdem umstritten. Kritiker befürchten, rechtsextremes Gedankengut könnte dadurch verbreitet werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen