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Moskau : Nemzow-Mitarbeiter: Festnahmen sollen Rolle des Kremls verschleiern

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Fünf Verdächtige haben die russischen Ermittler festgenommen. Einer davon hat seine Beteiligung an der Tat gestanden.

shz.de von
erstellt am 07.Mär.2015 | 11:34 Uhr

Moskau | Nach ersten Festnahmen im Mordfall des Kremlkritikers Boris Nemzow haben Weggefährten des Oppositionspolitikers massive Zweifel an einem angeblichen islamistischen Tatmotiv geäußert. Die „schwachsinnige Version“ diene dazu, die Rolle des Kremls herunterzuspielen, teilte Nemzows langjähriger Mitarbeiter Ilja Jaschin am Montag in Moskau mit. Er forderte die Ermittler auf, Präsident Wladimir Putin „als Zeugen“ zu vernehmen. „Ich kann ihn nicht direkt beschuldigen, aber es ist offenbar, dass die Hintermänner in den Machtstrukturen zu suchen sind“, sagte er.

Der 55-jährige Oppositionspolitiker Nemzow war am 27. Februar auf einer Brücke in Sichtweite der Kremlmauer von einem Unbekannten hinterrücks erschossen worden. Nemzows 23-jährige Begleiterin Anna Durizkaja blieb unverletzt. Als Hauptzeugin durfte die Ukrainerin Russland nach intensiver Befragung der Ermittler verlassen. Am Dienstag wurde Nemzow auf einem Moskauer Friedhof beerdigt.


Einer der Verdächtigen im Mordfall des Kremlkritikers Boris Nemzow hat eine Beteiligung an der Tat zugegeben. Saur D. habe ein Geständnis abgelegt, sagte die Moskauer Richterin Natalja Muschnikowa am Sonntag in Moskau russischen Agenturen zufolge. Der Verdächtige muss vorerst bis zum 28. April in Untersuchungshaft, wie eine Gerichtssprecherin zuvor mitgeteilt hatte.

Saur D. war in der Teilrepublik Inguschetien im islamisch geprägten Nordkaukasus gefasst worden. Das war am Samstag bekannt geworden. Insgesamt nahmen die Ermittler fünf Verdächtige mit Verbindungen in den Nordkaukasus fest. Alle wurden am Sonntag einer Haftrichterin vorgeführt.

Ihnen wird vorgeworfen, an der Organisation und Ausführung der Tat beteiligt gewesen zu sein. Die vier übrigen Verdächtigen wiesen die Anschuldigungen nach Angaben des Gerichts zurück.

Die drei namentlich genannten Verdächtigen sind Saur D. und die Brüder Ansor und Schagid G. Ihre Familien sollen in den 1960er Jahren aus der Nordkaukasusrepublik Tschetschenien ins benachbarte Inguschetien übergesiedelt sein. Saur D. wurde in der Regionalhauptstadt Magas in der Teilrepublik Inguschetien gefasst, wie ein Behördensprecher der Agentur Interfax sagte. Ansor G. sei auf dem Weg zu seiner Mutter im Norden von Inguschetien festgenommen worden.

Saur D. und Ansor G. besitzen den Angaben zufolge eine Wohnung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Beide sollen einen Hintergrund bei den Sicherheitskräften haben. So soll Saur D. rund zehn Jahre im Bataillon „Sewer“, einer Spezialeinheit des tschetschenischen Innenministeriums, gearbeitet und einen Führungsposten innegehabt haben. Ansor G. arbeitete Berichten zufolge für eine private Sicherheitsfirma in Moskau. Über Schagid G. sowie die zwei weiteren Festgenommenen war zunächst nichts Näheres bekannt.

Im Nordkaukasus kommt es immer wieder zu Anschlägen von Extremisten. Eine der Theorien der Behörden zum Mordmotiv ist ein islamisch-extremistischer Hintergrund, weil Nemzow Drohungen aus diesem Milieu erhalten haben soll. Auch im Fall der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja gab es nach Angaben der Ermittlungsbehörden eine Spur in den Kaukasus.

Für die Opposition und auch die Familie Politkowskajas ist der Fall der Journalistin auch nach fast zehn Jahren nicht abschließend aufgeklärt. Ein Moskauer Gericht hatte fünf Männer wegen Verwicklungen in die Tat zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Auftraggeber des Mordes sind weiterhin unbekannt.

Im Mordfall Nemzow verlautete aus Ermittlerkreisen, das mutmaßlich genutzte Fluchtauto sei relativ schnell gefunden worden. Spuren in dem Fahrzeug hätten bei der Suche nach den Verdächtigen geholfen. Zudem hätten die Ermittler aus dem Bildmaterial der Überwachungskameras in der Nähe des Tatorts scharfe Fotos filtern können.

Dennoch sei es zu früh, von einem Durchbruch in dem Mordfall zu sprechen, warnten Beobachter und Oppositionelle. „Wir hoffen, dass Menschen festgenommen wurden, die tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun haben, dass dies kein Fehler ist, sondern das Ergebnis einer guten und qualitativen Arbeit der Sicherheitsorgane“, sagte der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin. Die Hintermänner der Tat müssten gefunden werden, forderte er.

Kritiker vermuten die Verantwortlichen im Umfeld des Kremls. Nemzow galt als einer der wichtigsten Anführer der russischen Opposition und ein entschiedener Gegner von Präsident Putin.

Der in Moskau ermordete Regierungskritiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten Politiker Russlands.

- Am 9. Oktober 1959 wird er als Sohn eines hohen Sowjetfunktionärs in der russischen Schwarzmeerstadt Sotschi geboren.

- Nach Scheidung der Eltern wächst er bei der Mutter, einer Ärztin, in Gorki (heute: Nischni Nowgorod) auf.

- 1981 Abschluss des Studiums der Radiophysik an der Universität Gorki.

- 1990 Wahl in den Obersten Sowjet der Russischen Föderation.

- 1991 Ernennung zum Verwaltungschef der Region Nischni Nowgorod

- 1997 wird Nemzow Energieminister und Vize-Regierungschef.

- 1998 gründet er die Bewegung „Junges Russland“; der mit anderen Parteien gebildete Block SPS kommt bei der Wahl 1999 auf 8,5 Prozent.

- Bei der Wahl 2003 verfehlt SDS mit Nemzow als Spitzenkandidat den Einzug ins Parlament

- 2009 scheitert er bei der Wahl zum Bürgermeister von Sotschi.

- 2010 wird Nemzows Streitschrift über Wladimir Putin beschlagnahmt; der Kremlkritiker wird auf Kundgebungen mehracht verhaftet.

- 2011 verweigern Behörden seiner neuen Partei Parnas die Zulassung.

- Am 27. Februar 2015 wird Nemzow nahe des Kreml erschossen.

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