Pro und Contra zum Karneval : Narren mit Tiefsinn – Nordlichter mit Tiefgang?

Karneval: Für die einen nur bunte Pappnasen und Konfetti, für die anderen viel mehr.

Karneval: Für die einen nur bunte Pappnasen und Konfetti, für die anderen viel mehr.

Schleswig-Holstein, Land der Karnevalsmuffel? Die shz.de-Redakteure Dieter Schulz und Kay Müller im Schlagabtausch.

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12. Februar 2018, 13:14 Uhr

Ich mag Karneval – feiere aber in Schleswig-Holstein nicht

Ein Kommentar von Chefreporter Dieter Schulz

Es gibt vieles, was den echten Norden lebens- und liebenswert macht. Nur eines gehört ganz gewiss nicht dazu: Karneval. Der ist nämlich mehr als nur Fasching und ein bisschen verkleiden, der ist mehr als bunte Pappnasen und viel Konfetti und der ist auf jeden Fall mehr als literweise Pils und Korn. Ja, Karneval ist eine Kunst. Die Kunst, die Mächtigen zu kritisieren und Missstände so aufzuspießen, dass man (und natürlich auch Frau) herzlich darüber lachen kann.

Narrenmund tut Wahrheit kund, hieß es im Mittelalter. Später, während der napoleonischen Besatzung des Rheinlandes, verspotteten die Narren mit ihren Uniformen die Franzosen und zu DDR-Zeiten wurde in der Bütt die ganz feine Klinge geschlagen, um Kritik an den Genossen und den Zuständen im selbsternannten „ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ zu üben.

Der leider 2015 verstorbene Ernst-Jürgen Dietz steht für diese politische Fastnacht. Seit 1987 stand er als der „Bote vom Bundestag“ auf der Mainzer TV-Bühne und rechnete mit der großen und kleinen Politik ab. Zumeist mit Sätzen, deren wahre Bedeutung sich erst mit dem letzten Wort erschloss: „Nie wieder Krieg! Nie wieder krieg – ich so ein Job“, spottete er einst über den glücklosen Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Um dann dessen Rochade ins Innenministerium zu bewundern: „Wenn ich sehe, wie problemlos die von einem ins andere Ressort wechseln – das können nur Ungelernte!“

Ja, eine Prunksitzung hat wenig mit platten Witzen und Zoten zu tun und noch weniger mit einer Disco, auf der ein paar Verkleidete – um hier nicht das große Wort Kostüm zu verwenden – sich einfach nur die Kante geben. Eine Sitzung mit viel Prunk beginnt bei der prunkvollen Kleidung – die Herren im Frack, die Damen in großer Ballrobe. Sie ist ein Zeichen des Respektes gegenüber den Künstlern auf der Bühne, den Rednern in der Bütt und allen Gästen, die diesen Abend zu einer Gala machen. Es geht um im wahrsten Sinne des Wortes prunkvolle Unterhaltung. Das hat übrigens auch das Fernsehen wiederentdeckt. Nach jahrelangem „Abfilmen“ immer platterer Zwangsbelustigungen setzen zumindest die Macher der Kultsendung „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“ auf geschliffene Zungen kluger politischer Köpfe. Und werden von den Einschaltquoten belohnt.

Ich bin Karnevalist, doch hier im Norden bleiben Frack, Kappe und Orden sorgsam auf dem Bügel im Kleidersack verwahrt. Karneval – sorry, das können Nordlichter einfach nicht.

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Ich mag Karneval nicht – feiere ihn aber gerade deshalb

Ein Kommentar von Kay Müller, Mitglied unserer Schleswig-Holstein-Redaktion

Ja, ja, ja – natürlich muss alles einen tieferen Sinn haben in dieser Welt. Doch ist es nicht ein bisschen übertrieben, dass hinter dem karnevalistischen Treiben immer die durchdringende Idee, das große politische Statement, die fulminante Gesellschaftskritik stehen muss? Nein, denn in einer sich entpolitisierenden Welt müssen die Leute nicht gezwungen werden, der fein geschwungenen politisch-kabarettistischen Klinge zu folgen. Karneval ist dazu da, den Menschen Spaß zu machen. Wem das nicht passt, der kann dem entgehen – sei es in Köln, Düsseldorf oder Marne.

Der größte Segen, aber auch der größte Fluch des Karnevals hat einen Namen: Alkohol. Denn offenbar geht das närrische Treiben nicht ohne Bier und Schnaps. Es gehört wohl dazu, wenn man im wahrsten Sinne des Wortes aus der Rolle fällt.

Dabei machen sich die Jecken einen Teil ihres Spaßes und ihrer Tradition kaputt, wenn sie die Verkleidung nur nutzen, um sich dahinter hemmungsloser die Kante zu geben als sie es im Alltag tun würden. Natürlich ist Karneval ein Rollenwechsel, die Verkleidung gibt Schutz, sie ermöglicht es Erwachsenen, einmal im Jahr jemand anders zu sein – ohne dafür schief angesehen zu werden. „Das Kostüm funktioniert als Schutzpanzer“, hat der Kölner Karnevals-Philosoph Wolfgang Oelsner gesagt. Da kann der Schüchterne als Cowboy verkleidet hemmungslos den Draufgänger mimen. Die erfolgreiche Managerin, die sonst souverän Chef spielen muss, kann sich als Gespenst verstecken. Und die Putzfrau wird plötzlich zur Primaballerina. Es sind kleine Fluchten aus der Mühsal des Alltags, die vielleicht für viele Menschen den Reiz des Karnevals ausmachen. Und gerade in Zeiten, in denen viele in der Arbeitswelt unter immer stärkerem Druck stehen, können solche Fluchten wichtiger denn je werden.

Doch die funktionieren meist nur, wenn sie unpolitisch sind. Denn zuerst ist der Karneval etwas Privates, so kurios das klingen mag. Denn natürlich trifft man sich mit Gleichgesinnten, aber das Kostüm an sich gehört jedem Jeck allein. Und wer den Karneval ernst und nicht nur als Vorwand nimmt, um sich zu betrinken, der sollte darauf achten, was er oder sie trägt. Denn es sagt ja etwas über einen aus, hinter welcher Maske man sich verbirgt. Dann ist der Karneval auch nicht zwangsläufig nur lautes Gebrüll, denn im Ursprung gab es viele melancholische und traurige Elemente, die mit der Verkleidung zusammentrafen. Erst wenn das wieder gelebt wird, bekommt der Karneval wieder einen tieferen Sinn. Bis dahin sollte man ihn einfach leben und feiern. Zumindest der, der es mag.

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