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Costa-Concordia-Prozess : Nach Urteil: Schettino-Anwälte legen Berufung ein

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Beim Schiffs-Unglück vor drei Jahren starben 32 Menschen. Kapitän Francesco Schettino wurde am Mittwochabend zu 16 Jahren Haft verurteilt.

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2015 | 16:00 Uhr

Grosseto | Unglückskapitän Francesco Schettino will auch nach der Verurteilung zu 16 Jahren Haft weiterkämpfen. „Ich werde beweisen, dass ich die ,Costa Concordia‘ nicht verlassen habe“, sagte er in der Nacht zu Donnerstag in einer ersten Reaktion auf den Richterspruch. Seine Anwälte legten Berufung ein. Bis das Verfahren durch die weiteren Instanzen gegangen ist, können Jahre vergehen. Schettino bleibt derweil auf freiem Fuß. Hinterbliebene reagierten enttäuscht auf das Urteil. Das Gericht im toskanischen Grosseto hatte den Kapitän des Kreuzfahrtschiffes am Mittwochabend in erster Instanz unter anderem wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung zu 16 Jahren und einem Monat Haft verurteilt.

Die „Costa Concordia“ rammte am 13. Januar 2012 einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio. An Bord: mehr als 4200 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Insgesamt 32 Menschen starben bei der Havarie, unter ihnen waren auch zwölf Deutsche. Kurz nach dem Unglück stellt eine Richterin Schettino unter Hausarrest. Die Vorwürfe: mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung. Die Bergung des Schiffes konnte erst im Juli 2014 abgeschlossen werden. Schettino ist der einzige Angeklagte in dem Prozess. Ihm werden unter anderem mehrfache fahrlässige Tötung und Körperverletzung sowie das Verlassen des Schiffs vorgeworfen. Schettino hatte sich nach dem Unglück zuerst selbst gerettet und Tausende verzweifelte Menschen an Bord des Schiffes zurückgelassen. Als Grund nannte er, in ein Rettungsboot gefallen zu sein.

Das Gericht sprach Schettino in allen Anklagepunkten schuldig, blieb jedoch deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von 26 Jahren und drei Monaten Haft. Darunter sind zehn Jahre für die fahrlässige Tötung von 32 Passagieren und Besatzungsmitgliedern sowie die fahrlässige Körperverletzung von 157 Menschen. Fünf Jahre für das fahrlässige Herbeiführen einer Havarie. Ein Jahr für das vorzeitige Verlassen des Schiffes und ein Monat für falsche Aussagen gegenüber der Küstenwache in der Unglücksnacht. Fünf Jahre Berufsverbot und lebenslanges Verbot, öffentliche Ämter auszuüben.

Die Reederei Costa Crociere muss Schadenersatz in Millionenhöhe an die Nebenkläger zahlen. Darunter: 1,5 Millionen Euro für das italienische Umweltministerium, etwa 30.000 Euro pro Passagier und 300.000 für die Insel Giglio. Die sofortige Haft für Schettino ordnete das Gericht entgegen der Forderung der Staatsanwaltschaft nicht an, weil keine Fluchtgefahr bestehe.

Schettino selbst war bei dem Urteilsspruch nicht anwesend, obwohl er das zuvor angekündigt hatte. Er habe Fieber, erklärten seine Anwälte. „Es ist eine übertriebene Strafe, die viel, viel zu hoch ist. Aber das wichtige ist, dass er nicht verhaftet wurde, das ist eine positive Sache“, sagte Schettinos Anwalt Domenico Pepe, der einen Freispruch für seinen Mandanten gefordert hatte. „Jetzt werden wir sehen, ob dieses Urteil im Berufungsprozess bestätigt wird.“

Überlebende und Opferangehörige zeigten sich nach dem Urteil enttäuscht: „Sechs Monate Strafe für jeden Verstorbenen, aber für die Familien ist es nicht 16 Jahre, sondern für immer. Wie kann ich mich fühlen, ich bin einfach nur traurig“, sagte die Französin Anne Decré. „16 Jahre für 32 Opfer sind gar nichts“, sagte Giovanni Girolamo, der seinen Sohn bei dem Unglück verloren.

Der deutsche Opfer-Anwalt Hans Reinhardt begrüßte hingegen den Schuldspruch. „16 Jahre sind schon eine deutliche Ansage“, sagte der Anwalt aus Marl dem WDR. „Ich deute das so, dass die Richter ein deutliches Zeichen setzen wollten.“ Reinhardt hat in Zivilprozessen 30 der deutschen Opfer des Schiffsunglücks vertreten.

Die Staatsanwaltschaft zeigte sich in einer ersten Reaktion zufrieden. „Die Richter haben entschieden, alle unsere Anklagepunkte anzuerkennen und zu bestätigen“, erklärten sie. Für Sergio Ortelli, den Bürgermeister der Insel Giglio, ist das Urteil ein Teilerfolg. „Wichtige Dinge wurden anerkannt, etwa der Image-Schaden für Giglio und die Verantwortung von (der Reederei) Costa Crociere.“ Die Reederei wurde wie auch Schettino vom Gericht dazu verurteilt, Entschädigungszahlungen an die Nebenkläger zu leisten, darunter auch die Insel Giglio. Die Passagiere sollen mit jeweils 30.000 Euro entschädigt werden. Der Anwalt der Reederei, Marco De Luca, erklärte: „Es ist ein ausgewogenes Urteil, das alle Interessen berücksichtigt.“

Kurz vor dem Urteil hatte der Angeklagte unter Tränen seine Rolle als Sündenbock beklagt. „Mein Kopf wurde geopfert, um wirtschaftliche Interessen zu schützen“, sagte der 54-Jährige.

Schettino hatte in seinen Schlussworten beklagt, er sei in den Medien falsch dargestellt worden. „An diesem 13. Januar 2012 bin auch ich zum Teil gestorben“, sagte er. „Es ist schwierig, das ein Leben zu nennen, was ich lebe.“ Anschließend hatte dem Unglückskapitän die Stimme versagt. Unter heftigem Schluchzen brach er sein Statement ab.

Sein Anwalt Domenico Pepe hatte den Kapitän verteidigt und betont, er sei das schlimmste Opfer des Unglücks. „Er wurde gedemütigt, verspottet, vor Gericht beleidigt und von der Presse verfolgt.“ Der Süditaliener habe seit dem Unglück besonders gelitten. „Er kann sich nicht frei bewegen, er kann nicht ins Restaurant gehen. Diese drei Jahre waren wie eine Haftstrafe von 30 Jahren.“

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