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Massenkarambolage bei Rostock : Nach tödlichem Sandsturm-Unfall auf A19: Gericht verwarnt 54-Jährige

vom
Aus der Onlineredaktion

Über vier Jahre nach der schweren Massenkarambolage musste sich eine 54-jährige Brandenburgerin vor Gericht verantworten. shz.de hat das tragische Ereignis mit acht Toten noch einmal zusammengefasst.

shz.de von
erstellt am 08.07.2015 | 10:30 Uhr

Rostock | Mehr als vier Jahre nach dem Tod von acht Menschen bei einer Massenkarambolage im Sandsturm hat ein Gericht eine 54-jährige Autofahrerin verwarnt. Eine Geldstrafe in Höhe von 9000 Euro setzte der Richter am Mittwoch zur Bewährung aus. Die Staatsanwaltschaft hatte eine neunmonatige Bewährungsstrafe für die Frau aus Brandenburg gefordert und damit der Höhe des Strafbefehls entsprochen, gegen den die Autofahrerin Widerruf eingelegt hatte. Ihr Verteidiger plädierte auf Freispruch.

Angeklagt war die Autofahrerin aus Brandenburg wegen fahrlässiger Tötung. Das Amtsgericht Rostock sah es als erwiesen an, dass die Brandenburgerin zu schnell in den Sandsturm gefahren war und ein Auto gerammt hatte. Dadurch habe sie den Tod eines Ehepaars mitverursacht und sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. Laut Dekra-Gutachten war die Angeklagte mit einem Tempo von 78 bis 94 Kilometer pro Stunde auf den vor ihr fahrenden Wagen des Ehepaars geprallt, der mit Tempo 25 bis 30 unterwegs war. Dieser sei dann gegen die Leitplanke geschleudert und noch von zwei weiteren Autos gerammt worden. Nach Meinung des Richters war die Frau nicht alleine Verursacherin für den Tod des Paares: „Sie war am Anfang einer Kausalkette.“

Die im Gericht äußerst angeschlagen wirkende Frau war mit fünf Freundinnen in einem Transporter zu einem Wochenendausflug nach Warnemünde unterwegs. Sie hatte angegeben, dass die Sandwolke urplötzlich vor ihr aufgetaucht sei und sie nicht hätte reagieren können. Sichtlich bewegt beteuerte sie nach dem Urteil: „Ich habe die Sandwolke als Wolke nicht gesehen.“ Während des Prozesses hatten mehrere Zeugen unterschiedliche Angaben zur Sichtbarkeit der Wolke gemacht. Die Frau sagte, sie habe sich ein anderes Urteil ohne Schuldspruch gewünscht.

Das Gericht schloss sich den Gutachtern an, dass die riesige Wolke schon mindestens 650 Meter vor der Unfallstelle zu sehen war. Die Autofahrerin hätte entsprechend reagieren müssen. „Sie haben gegen das Sichtfahrtgebot verstoßen“, sagte der Richter. Er räumte aber ein, dass es sich bei dem Sandsturm um ein bis dahin unbekanntes Wetterphänomen handele, was sich strafmildernd ausgewirkt habe.

Die Frau selbst hatte schwerste Verletzungen erlitten, als sie aus ihrem Auto ausstieg und von einem Lastwagen erfasst wurde. Sie leide noch heute stark unter den physischen und psychischen Folgen, sagte der Richter. Er bezeichnete es angesichts des dramatischen Unfallgeschehens und der Schwere der Verletzungen als ein Wunder, dass sie noch Erinnerung an den Unfall habe. „Es ist geradezu tragisch, dass sie diese Erinnerung hat, denn diese wird sie ein Leben lang mit sich tragen müssen.“ Ende August soll noch der Prozess gegen einen Lastwagenfahrer folgen, der ebenfalls für den Tod eines Menschen in der Massenkarambolage auf der A19 verantwortlich sein soll.

Das war passiert:

Es ist der 8. April 2011 – ein Freitag. Der Wochenendverkehr hat gegen 12.30 Uhr gerade eingesetzt, auf der A19 weht kräftiger Wind. Südlich von Rostock verdunkelt sich für zahlreiche Autofahrer plötzlich der Himmel. Kurz nach einem Waldstück fegt der starke Wind mit Böen trockenen Sand und Erde von angrenzenden Feldern auf die Fahrbahn. Hinterher spricht die Polizei von Sichtweiten unter zehn Metern. Experten gehen sogar von noch weniger aus. In beiden Fahrtrichtungen spielen sich kurz darauf dramatische Szenen ab. 

Es kommt zu Zusammenstößen in beiden Fahrtrichtungen, besonders schlimm in Richtung Rostock. 17 Fahrzeuge und drei Lkw geraten in Brand, insgesamt 60 Autos fahren auf dieser Spur ineinander, acht Menschen sterben. In Richtung Berlin sind 23 Autos an dem Unfall beteiligt, mehrere Personen werden verletzt. Am Ende bleibt ein Trümmerfeld. 83 Autos rasen an diesem Nachmittag in Höhe Kavelsdorf ineinander. 131 Menschen werden teils schwer verletzt.

Ein Video zeigt das Ausmaß der Massenkarambolage:

Auch Stunden nach der Massenkarambolage bleibt es unübersichtlich auf der Autobahn A19. Die Bergungsarbeiten dauern am Ende drei Tage. Es entsteht ein Schaden in Millionenhöhe. Die Autobahn muss großflächig ausgebessert werden, da die Brände den Asphalt zerstörten. Für einige Tage wird die Geschwindigkeit an der Unfallstelle begrenzt, danach wird das Tempolimit aufgehoben. An der A19 erinnert danach nichts mehr an das Inferno.

Es ist ein Unfall der wohl hätte verhindert werden können. Denn laut Einschätzungen von Umweltschützern hätten Feldhecken das Aufwirbeln des Sandes zumindest begrenzt. Daran habe sich nichts geändert, sagt Agrarexperte Burkhard Roloff von der Umweltorganisation BUND im Januar 2015. Autofahrer würden heute allerdings vor Sandstürmen gewarnt.

Im April 2013 gibt es erste staatsanwaltliche Ermittlungen gegen 24 Autofahrer. Es geht um fahrlässige Körperverletzung. Die Untersuchungen werden auf die Fahrbahnrichtungen Berlin und Rostock aufgeteilt. Auf der Spur Richtung Hauptstadt wird gegen fünf Autofahrer ermittelt. Auf der Gegenspur, im wesentlich schlimmeren Unfall in Richtung Rostock werde gegen 19 Beschuldigte ermittelt, teilte Behördensprecher Holger Schütt damals mit. Sie stünden im Verdacht, durch zu hohes Tempo den Unfall mitverursacht zu haben. Die Aufarbeitung und genaue Analyse gestalte sich wegen der Vielzahl der Beteiligten und der Dynamik des Geschehens extrem schwierig. Auch wenn die Ursachenermittlungen weitgehend abgeschlossen seien, könne deshalb noch nicht gesagt werden, ob und wann Anklage erhoben wird, heißt es im April 2013 von Seiten der Staatsanwaltschaft. Es sei auch möglich, dass Strafbefehle beantragt oder Verfahren eingestellt werden.

Ein Update folgt im Januar 2015. Die Staatsanwaltschaft hat nach den aufwendigen Ermittlungen gegen insgesamt vier Personen Strafbefehle wegen fahrlässiger Tötung beim Rostocker Amtsgericht beantragt. Zwei weitere Strafbefehle ergingen wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und einer wegen fahrlässiger Körperverletzung, sagt Holger Schütt. Gegen die sieben Strafbefehle sollen drei Beschuldigte Einspruch eingelegt haben. Insgesamt hatte die Staatsanwaltschaft wegen des Massenunfalls gegen 18 Autofahrer ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, davon wurden elf eingestellt, weil ein strafbares Verhalten nicht nachgewiesen wurde.

Am 15. Januar 2015 ist es dann soweit: Der erste Prozess gegen die 54 Jahre alte Frau aus Brandenburg beginnt.

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