zur Navigation springen

Brand im Hochhaus : Nach dem Feuer in London wird ein besserer Brandschutz gefordert

vom

Experten und Feuerwehren aus Deutschland und dem Vereinigten Königreich üben Kritik an Brandschutzmaßnahmen.

London/Berlin | Die Ursache des Brandes im Londoner Hochhaus Grenfell Tower ist noch unbekannt. Aber die Kritik an den Brandschutzmaßnahmen wird lauter. Bewohner des Hauses berichteten in britischen Medien, es habe in dem Haus keinen Feueralarm gegeben. Einige Mieter wurden demnach erst durch Rauchmelder in den Wohnungen wach. Das Gebäude wurde erst vor Kurzem modernisiert.

Beim Feuer um Grenfell Tower am Mittwoch starben 17 Menschen, zahlreiche weitere wurden schwer verletzt. Das Feuer breitete sich rasend schnell in dem Hochhaus aus. Das Gebäude brannte lichterloh.

Jetzt werden Stimmen laut, die den Brandschutz im Grenfell Tower bemängeln, aber auch die allgemeinen Brandschutzregeln. Die britische Feuerschutzvereinigung (FPA) schrieb in einer Stellungnahme, dass grundsätzlich einige Dämmmaterialien zu leicht entflammbar seien. Dadurch könne ein Brand vom Erdgeschoss eines Hochhauses bis zum Dach übergreifen. Ob das auch für den Grenfell Tower gelte, sei nicht klar. Nach Ansicht der FPA sind aber die baulichen Vorschriften in Großbritannien derzeit generell nicht ausreichend, um Brände zu verhüten.

Einen schärferen Ton schlug Jon Hall an, ein britischer Brandschutz-Experte. Er nannte den Brand im Grenfell Tower einen Unfall, wie er in der „Dritten Welt“ vorkomme. „Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements“ müssten versagt haben, vermutete er auf Twitter.

 

In Deutschland nicht denkbar

Auch Dieter Räsch, Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, zeigt sich verwundert über das Ausmaß des Außenbrandes. „Die Außenfassade brennt offensichtlich sehr stark ab. „Bei Hochhauskonstruktionen, wie wir sie hier in Deutschland haben, wäre das eher nicht zu erwarten.“

Die deutsche Brandschutz-Professorin Sylvia Heilmann hält es für unverantwortlich, dass möglicherweise brennbare Materialien in einem Hochhaus eingesetzt worden sein könnten. „In Deutschland dürften brennbare Dämmplatten an Hochhäusern nicht verbaut werden“, sagt Heilmann, die auch an der TU Dresden lehrt. Die Folgen wären ansonsten verheerend. „Wenn es in einem Hochhaus einen Brand gibt und der auf die brennbare Dämmung übergreift, ist eine unkontrollierte Brandausbreitung zu befürchten.“ Hierzulande gebe es deshalb ein Prüfsystem: ein Ingenieurbüro sei für die Planung und die Ausführung zuständig, ein davon unabhängiger Prüfingenieur für die Kontrolle im sogenannten Vier-Augen-Prinzip.

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: Nachbessern von Hochhäuser aus den 80ern und 90ern

Trotz der Prüfsysteme und deutschen Gesetzen fordert der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) jetzt schärfere Vorschriften für ältere Gebäude. In seiner Stellungnahme bemängelt der GDV, dass die strengen deutschen Brandschutzbestimmungen nur für Neubauten gelten. „Angesichts immer wieder auftretender Brände sollten sie jedoch auch für bestehende Hochhäuser gelten“, fordert der GDV. „Die baurechtlichen Vorschriften sollten entsprechend angepasst werden.“

In der Muster-Hochhaus-Richtlinie, an der sich das Baurecht der 16 Bundesländer orientiert, heißt es unter anderem, dass an den Außenwänden keine brennbaren Bau- oder Dämmstoffe verwendet werden dürfen oder dass sie zumindest mit nicht brennbaren Materialien umschlossen sein müssen. Die Regelungen waren früher allerdings großzügiger und wurden erst im Laufe der 80er und 90er Jahre verschärft.

Berliner Feuerwehr: Schärfere Brandschutzvorschriften für niedrige Gebäude

Die Berliner Feuerwehr drängt zudem auf schärfere Vorschriften beim Brandschutz auch für niedrigere Gebäude. Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling wies am Donnerstag im RBB-Inforadio darauf hin, dass bei Häusern mit einer Höhe von weniger als 22 Metern brennbares Dämmmaterial erlaubt sei. „Das bemängeln wir als Feuerwehr, weil wir da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben - nicht hier in Berlin, aber schon in anderen Städten.“ Bei Hochhäusern über 22 Metern sei ein solches Material nicht erlaubt, sagte Gräfling. Sie seien deshalb sicher.

Die Berliner Feuerwehr versuche, „den Gesetzgeber dazu zu bewegen, dass er dieses brennbare Material als Dämmmaterial nicht mehr zulässt, sondern nur noch mineralisches Material, das nicht brennen kann und damit die Brandausbreitung über die Fassade nicht ermöglicht“. Die Feuerwehr finde aber nicht immer Gehör.

Des Weiteren wurde heute ein Positionspapier von der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren, vom Deutschen Feuerwehrverband und von der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes verabschiedet - nach eigenen Angaben zufällig kurz nach der Brandkatastrophe von London. D

Die Experten drängen darauf, dass der Brandschutz an Fassaden mit Blick auf Beschädigungen und Wettereinflüsse dauerhaft robust sein müsse, „da Fassadensysteme für Jahrzehnte am Bauwerk verbleiben“. Anders als in Deutschland gebe es in Österreich und Frankreich sogenannte Brandriegel, die verhinderten, dass sich ein Feuer ausbreiten könne, hieß es. Die Experten fordern zudem, dass Müllcontainer, Sperrmüll und Fahrzeuge entweder ausreichenden Abstand zu Fassaden haben müssen oder nicht brennbar „eingehaust“ werden.

zur Startseite

von
erstellt am 15.Jun.2017 | 15:44 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen