Totschlag : Mutter erdrosselt den kleinen Juri – achteinhalb Jahre Haft

Ramona R. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht.
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Ramona R. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht.

Der Junge aus Eutin wurde mindestens drei Minuten lang stranguliert. Ramona R. (34) nahm das Urteil ohne Regung auf.

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01. März 2017, 13:17 Uhr

Eutin | Als die Angeklagte den Gerichtssaal betritt und die Kameras der Reporter sieht, lächelt sie. Es ist eine Regung, die nicht passt zu diesem Moment, der Realität ist und keine TV-Show. Das Lächeln, vielleicht aus Verlegenheit, sorgt für Raunen im Publikum, und Ramona R. (34) verbannt es aus ihrem Gesicht. Von diesem Moment an bleibt es ausdruckslos, selbst als das Urteil gesprochen wird.

Das ist härter, als die sechs Jahre Haft, die der Staatsanwalt gefordert hat: Wegen Totschlags muss die Mutter des kleinen Juri aus Eutin für achteinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Lübecker Landgericht hat keinen Zweifel daran, dass sie ihren Sohn am 14. April 2016 mit seinem Schlafsack erdrosselte.

Für die Urteilsbegründung nimmt sich der Vorsitzende Richter Christian Singelmann über eine Stunde Zeit. „Die zentrale Frage, ob diese stille, in sich gekehrte Frau ihr Kind umgebracht hat, ist während der Verhandlung klar beantwortet worden“, sagt er. Für einen Unfall gebe es ebenso wenig Anhaltspunkte wie für einen anderen Täter. „Die Angeklagte aber hatte ein Motiv und sie hat zwei Gesichter.“ Nur unter Beobachtung habe Ramona R. die liebende Mutter gegeben. „Tatsächlich sprach sie meist im Befehlston mit ihrem Sohn, nannte ihn Missgeburt oder Miststück.“ Als er einmal kuscheln wollte, habe sie ihm eine Ohrfeige gegeben und mit den Worten „Verpiss dich“ weggeschubst. „Die Angeklagte hat Juri oft gedemütigt und misshandelt“, sagt der Richter. „Wenn sie behauptet, die Tat läge nicht in ihrer Natur, dann deckt sich das nicht dem Verhalten, das die Zeugen hier beschrieben haben.“

Motiv war laut Staatsanwaltschaft die Angst von Ramona R., ihren Lebensgefährten zu verlieren – weshalb sie Juri als „größten Stressfaktor“ beseitigte. Die Kammer folgte dieser Argumentation. „Juri war geistig und körperlich zurückgeblieben, gleichzeitig ein sehr lebhaftes, fast hyperaktives Kind“, so Singelmann. „Das hat die Beziehung belastet, sie stand kurz vor dem Ende. Das belegt der WhatsApp-Chat des Paares am Abend von Juris Tod.“ Und auch die Aussage der Angeklagten, es sei ein ganz normaler Abend gewesen, zeige, dass sie bewusst verhindern wollte, dass ein Motiv sichtbar wird.

In dem Chat gab es eine Pause von 19.57 bis 20.40 Uhr. „In dieser Zeit hat die Angeklagte ihren Sohn mit seinem Schlafsack erdrosselt.“ Nach Aussage des Gutachters sei Juri nach 20 bis 30 Sekunden bewusstlos geworden, stranguliert wurde er aber mindestens drei Minuten lang. Darin sieht das Gericht einen direkten Tötungsvorsatz, Mordmerkmale hingegen konnte die Kammer nicht erkennen. Singelmann: „Wenn man sein Kind tötet, um die Partnerschaft zu retten oder Ruhe zu haben, sind das zwar niedrige Beweggründe, es bestehen aber Zweifel, ob sie für den Tatabend greifen. Die Angeklagte fühlte sich mit der Erziehung überfordert und allein gelassen, fürchtete, der Wohnung verwiesen zu werden. Das hat existenzielle Ängste ausgelöst, die zu einer hohen psychischen Belastung führten und in einer Spontantat mündeten.“ Laut des psychiatrischen Gutachtens ist Ramona R. in ihrer Entwicklung auf dem Stand einer Zwölfjährigen stehengeblieben, leidet unter einer emotionalen Persönlichkeitsstörung. Eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit, wie sie die Sachverständige für möglich hält, sahen die Richter bei ihr jedoch nicht. Singelmann: „Nach der Tötung ging die Angeklagte zur Tagesordnung über, las im Internet das Buch ,Wege zum Glück‘.“

Ramona R., der die ersten beiden Kinder wegen Erziehungsunfähigkeit vom Jugendamt entzogen worden waren, bestreitet, ihren Sohn getötet zu haben. In ihrem Schlusswort hatte sie unter Tränen gesagt: „Seit Juris Tod steht die Welt für mich still, ich vermisse meinen kleinen Engel.“ Dennis Lemburg (38), der leibliche Vater von Juri, sagt dazu auf dem Gerichtsflur: „Ich vermute, dass Ramona die Tat so stark verdrängt, dass sie selbst daran glaubt, es nicht gewesen zu sein.“ Für ihn sei das Urteil gerecht. „Es entspricht meinen Erwartungen und hilft mir, meinen Frieden zu finden. Gerade, weil von ihr keine Entschuldigung gekommen ist.“ Andre Vogel, Rechtsanwalt von Ramona R., erklärt: „Es ist ein sehr strenges Urteil, das müssen wir erst einmal sacken lassen. Ich werde mit meiner Mandantin besprechen, ob wir in Revision gehen.“

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