Prozess in München : Mutmaßlicher Hoeneß-Erpresser: „Wie die Abgabe eines Lottoscheins“

Der Mann, der Uli Hoeneß vor Haftantritt erpresst haben soll, steht vor Gericht. Auslöser sei das milde Urteil gegen den Ex-Bayern-Manager gewesen.

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15. Dezember 2014, 14:32 Uhr

München | Thomas S. und Uli Hoeneß haben etwas gemeinsam: die Justizvollzugsanstalt in Landsberg am Lech. Dort, wo der Ex-Präsident des FC Bayern München derzeit seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verbüßt, saß S. in den 1980er Jahren wegen Betrugs ein. Es sollte die erste Haftstrafe in einer Reihe von weiteren werden. In diesem Jahr dann kreuzten sich die Wege der beiden.

S. schrieb am 8. Mai 2014 einen Erpresserbrief an Hoeneß, wie er am Montag vor dem Landgericht München einräumte. Als „Mister X“ drohte er dem Ex-Fußball-Funktionär und Steuersünder Probleme während seiner Haftzeit in Landsberg an - und verlangte 215.000 Euro. S. ist ein unscheinbarer Mann. Der 51-Jährige trägt einen beigen Pullover und eine weiße Hose und versteckt sein Gesicht hinter einem Schreibblock, als er in den Gerichtssaal kommt und in das Blitzlichtgewitter tritt.

„Das Schlimmste haben wir hinter uns, Herr Angeklagter“, sagt der Vorsitzende Richter Oliver Ottmann, als die Fotografen den Saal verlassen. Ob das stimmt, ist allerdings fraglich. Dem Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft für die versuchte Erpressung. Weil er festgenommen wurde, als die Bewährungszeit für seine jüngste Strafe noch nicht einmal abgelaufen war, sitzt er derzeit schon in Haft.

Zu Beginn der Verhandlung legt er ein umfassendes Geständnis ab. „Ich befand mich damals in einer absolut verzweifelten Situation“, gibt er in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung an. Die Übernahme eines Lotto-Geschäftes habe ihn und seine Freundin finanziell ruiniert. Er selbst habe rund 340.000 Euro Schulden - und habe auch seine Partnerin in den Schulden-Sumpf gezogen. „Die Schulden häuften sich, es kam zu Pfändungen bei meiner Lebensgefährtin.“

Der an Diabetes erkrankte Mann habe sich die Krankenversicherung nicht mehr leisten können. Und dann habe er die Berichterstattung über den Fall Hoeneß verfolgt und die Verurteilung des Steuersünders zu dreieinhalb Jahren Haft. Das sei ihm im Vergleich zu einer seiner eigenen Strafen „ungeheuer“ vorgekommen. Hoeneß war im März wegen Steuerhinterziehung von 28,5 Millionen Euro verurteilt worden. „Es fällt Ihnen mit Sicherheit nicht schwer, sich von einem Betrag von 215.000 Euro zu trennen“, heißt es in dem Drohbrief an Hoeneß, den das Gericht am Montag verliest. „Sollte es nicht dazu kommen, können Sie versichert sein, dass ihre Haftzeit kein Zuckerschlecken wird.“ Das Schreiben schließt mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen und uns alles Gutes. Möge dieses Scheißgeschäft so ruhig wie möglich über die Bühne gehen.“ Hoeneß' Frau Susanne brachte den Brief sofort zur Polizei. „Ich habe das Schreiben sehr ernst genommen“, zitiert der Vorsitzende Richter Ottmann aus ihrer Zeugenvernehmung.

„Die Idee kam spontan, ausgelöst durch meine völlig desolate Lage“, heißt es in der Erklärung des Angeklagten. Er habe völlig allein gehandelt und gar nicht ernsthaft damit gerechnet, die Summe auch wirklich zu bekommen. „Es war wie die Abgabe eines Lottoscheins“, sagt der 51-Jährige, der bei der fingierten Geldübergabe in München am 10. Mai festgenommen wurde. Er fiel dabei vom Fahrrad und brach sich das Schlüsselbein. Für Hoeneß und seine Frau war der Brief offenbar ein harter Schlag. „Das hat bei mir ein Gefühl der Hilflosigkeit ausgelöst“, zitiert das Gericht aus der Zeugenvernehmung des 62-Jährigen, der diesmal nicht erscheinen muss. „Ich habe ich den Nächten danach nicht ruhig geschlafen.“

Ehefrau Susanne betonte damals: „Ich habe mich persönlich sehr bedroht gefühlt - insbesondere in Bezug auf meine Kinder und Enkelkinder.“ Thomas S. hat Hoeneß, der zu Weihnachten Ausgang bekommt, mit seiner Familie feiern darf und schon im Januar auf Freigang hoffen kann, inzwischen in einem Brief um Verzeihung gebeten. „Ich hab mich bei der Familie und dem Herrn Hoeneß entschuldigt“, betont er. Doch der Ex-Nationalspieler betonte bereits zuvor: „Für mich ist diese Straftat ein schwerer Vorwurf und kein Kavaliersdelikt“. Er habe nicht einfach zur Tagesordnung übergehen wollen.

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Was wollte Hoeneß mit seiner Selbstanzeige erreichen?

Hoeneß hatte im Januar 2013 eingeräumt, Kapitalerträge auf einem Konto in der Schweiz nicht versteuert zu haben. Er hatte auch eine recht hohe Abschlagszahlung ans Finanzamt überwiesen, um auf Nummer sicher zu gehen. Zuvor war das Steuerabkommen mit der Schweiz gescheitert. Hoeneß wollte daher reinen Tisch machen, um straffrei aus der Sache herauszukommen. Eine rechtzeitige und lückenlose Offenbarung durch den Steuerbetrüger ist aber äußerst kompliziert. Fehlt auch nur ein noch nicht verjährtes Detail, klappt es nicht mit der Strafbefreiung per Selbstanzeige.

Warum wurde im Juli 2013 Anklage erhoben?

Dass das Ganze nicht einfach werden wird, zeigte bereits der Haftbefehl, der gegen eine Kaution außer Vollzug gesetzt wurde. Schon die Hausdurchsuchung nach der Selbstanzeige galt als ungewöhnlich. Womöglich gab es handwerkliche Fehler. Finanzbehörden und Staatsanwaltschaft könnten auch zu der Einschätzung gelangt sein, dass bereits Entdeckungsrisiko bestand. Die Meinungen gehen aber darüber auseinander, wann ein Steuerbetrüger etwas geahnt oder gewusst haben müsste und wann er sich zu spät angezeigt hat. Die Anklage wurde am 4. November 2013 zugelassen.

Wie hoch waren die Steuerschulden des Uli Hoeneß?

Anfang März 2014 lagen die umfangreichen, damals noch lückenhaften Unterlagen über seine Geschäfte in der Schweiz, dem Landgericht München II vor. 3,5 Millionen Euro soll der Bayern-Manager hinterzogen haben, hieß es noch Ende Februar 2014. Gleich am ersten Prozesstag, dem 10. März gesteht Hoeneß eine Steuerschuld von 18,5 Millionen Euro. Am 11. März belastet eine Steuerfahnderin Hoeneß erneut. 28,5 Millionen soll der 62-Jährige hinterzogen haben.

Wie kam es zu der hohen Steuerschuld?

Hoeneß jonglierte bei Devisen-Spekulationen ab Anfang des Jahrtausends für einige Jahre mit fast unvorstellbaren Summen. An einem einzigen Tag soll er einmal 18 Millionen Euro verzockt haben. 155 Millionen Euro hatte er als Höchstsumme auf seinem Schweizer Konto. Den Grundstock dafür bildeten 20 Millionen D-Mark, die er vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus bekommen hatte. Die Gewinne von mehr als 130 Millionen Euro hätte Hoeneß versteuern müssen, auch wenn er später nur noch Verluste machte. Das hat er aber nicht getan.

Wann geht ein Steuerbetrüger nach Selbstanzeige straffrei aus?

Wenn alle Vorgaben erfüllt sind. Wer pro Jahr und Steuerart mehr als 50.000 Euro hinterzogen hat, muss auch fünf Prozent Zuschlag zahlen - neben Hinterziehungssumme und Zinsen. Strafrechtlich verfolgt werden können Steuerbetrüger für fünf Jahre. In schwereren Fällen - die Summe der verschwiegenen Steuern eines Jahres liegt bei 100.000 Euro und mehr - verjährt Steuerhinterziehung erst nach zehn Jahren. Mit einer Geldstrafe kommt man ab dieser Summe kaum davon, eine Haftstrafe wird aber oft zur Bewährung ausgesetzt.

Warum war das bei Uli Hoeneß nicht der Fall?

Laut Bundesgerichtshof wird Gefängnis in der Regel fällig, wenn mehr als eine Million Euro Steuern hinterzogen und eine strafbefreiende Selbstanzeige abgelehnt wurde. Es sei denn, andere Gründe sprechen dagegen, ein Geständnis etwa. Eine misslungene Selbstanzeige kann eine Strafe zumindest lindern. Ist die Selbstanzeige voll wirksam, geht ein Steuerbetrüger straffrei aus - selbst wenn er Milliarden am Fiskus vorbei geschleust haben sollte.

Wie lautete das Urteil gegen Uli Hoeneß?

Der Münchener Richter Rupert Heindl sprach eine Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten aus. In der Urteilsbegründung hieß es: „Ein Freispruch war zu keinem Zeitpunkt zu erwarten. „Es ist keine missglückte Selbstanzeige, sondern eine unzureichende Selbstanzeige“, sagte Heindl. Für das Gericht war es allerdings kein besonders schwerer Fall der Hinterziehung, dann wäre die Strafe höher ausgefallen. Am 17. März ist das Urteil rechtskräftig.

Wie viel Geld muss Uli Hoeneß zurückzahlen?

Er muss die hinterzogenen Steuern zurückzahlen. Zu den 28,5 Millionen Euro kommen Säumniszuschläge von sechs Prozent und Zinseszinsen sowie eine mögliche Strafzahlung. Überschlagsmäßig wird eine Summe zwischen 40 und 50 Millionen Euro genannt. Mit seiner Selbstanzeige hatte Hoeneß bereits 10 Millionen Euro überwiesen. Mittlerweile habe Hoeneß gut 30 Millionen Euro an das Finanzamt Miesbach überwiesen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ im September unter Berufung auf Kreise der Steuerverwaltung.

Woher stammt das Vermögen von Hoeneß?

Sein Vermögen verdankt Hoeneß neben seiner Tätigkeit beim FC Bayern München auch der florierenden Wurstfabrik HoWe in Nürnberg, die er 1985 mit dem Metzgermeister Werner Weiß gründete. HoWe wird inzwischen von Hoeneß-Sohn Florian geleitet. Angaben zum Umsatz macht das Unternehmen nicht.

Warum war das für ein Erpresserbrief?

In einem mehrseitigen Erpresserschreiben wurden Hoeneß für seine bevorstehende Haft erhebliche Schwierigkeiten angedroht. „Die Drohungen hatten schon Hand und Fuß“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern in Rosenheim im Mai. „Darum haben wir sie auch so ernst genommen.“

Der Verfasser des Briefes habe angegeben, er habe Einfluss auf den Haftverlauf, egal in welchem bayerischen Gefängnis Hoeneß die Haft verbüßen müsse. Der Erpresser verlangte einen sechsstelligen Bargeldbetrag. Der Brief war in Hoeneß' Haus in Bad Wiessee eingegangen. Die Familie informierte die Polizei. Diese nahm den mutmaßlichen Erpresser bei der geplanten Geldübergabe am Samstagabend in München fest. Der Ermittlungsrichter erließ Haftbefehl. Der 50-Jährige sitzt nach Polizeiangaben in Untersuchungshaft. Wie die Staatsanwaltschaft München mitteilte, ist der Mann vorbestraft.

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ schrieb, dass der 62-jährige Hoeneß seine Haft nicht in der JVA Landsberg, unweit von München verbüßen möchte. Der Grund: Der von der Anstaltsleitung für die Medien organisierte „Tag der offenen Tür“ habe seine Privatsphäre verletzt. Ob das Erpresserschreiben eventuell mitverantwortlich für die Wendung gegen die JVA Landsberg ist, blieb unklar.

Über einen Rechtsberater habe Hoeneß bei der Staatsanwaltschaft Einwände dagegen erhoben, seine Strafe in dem oberbayerischen Gefängnis abzusitzen. Zusätzlich gebe es auch Sicherheitsbedenken. Demnach könnten Wärter oder Häftlinge in Landsberg mit Geld geködert worden sein, um Infos über Hoeneß an die Medien weiterzugeben.

Gibt es Kritik an den Haftbedingungen?

Ja. Immer wieder ist die Rede von einer Zweiklassengesellschaft im Gefängnis sowie einer Vorzugsbehandlung von Hoeneß. Bereits seine Haft trat er bereits durch den Hintereingang an und einige Tage zu spät.

Für Kritik sorgte ein Aufenthalt in einer Privatklinik am Starnberger See, für die Hoeneß die JVA Landsberg verlassen hatte. Der Grund: Herzprobleme. Der 62-Jährige musste sich einer Katheder-Behandlung unterziehen. Warum dies in einer Privatklinik passierte, sorgt für Verwunderung.

Später klagt ein Mithäftling, Uli Hoeneß sei „Der König von Landsberg“. Häftling Oliver K. nach stünden dem Ex-Manager des FC Bayern zahlreiche Privilegien offen. Neben der schönsten Zelle, verfüge Hoeneß über ein separates Klo und eine Nasszelle, die er bei Bedarf nutzen könne. Außerdem hätte der Ex-Manager warmes Wasser. Oliver K. sitzt wegen Betrugs und beschwert sich beim Stern über die Zweiklassengesellschaft. Hoeneß müsse sich ebenfalls nicht bei der Essensausgabe anstellen, darf Zeitungsabos beziehen und habe andere Besuchsregeln als seine Mithäftlinge. Die Aussagen des Oliver K. wurden jedoch dementiert.

Wann kann Hoeneß mit Hafterleichterungen rechnen?

Zunächst muss Hoeneß seine Strafe im sogenannten geschlossenen Vollzug absitzen. Der offene Vollzug beginnt üblicherweise 18 Monate vor dem voraussichtlichen Haftende. Hoeneß könnte bei guter Führung nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe entlassen werden, also nach zwei Jahren und vier Monaten. Das wäre im Herbst 2016. Zieht man davon die 18 Monate ab, dürfte Hoeneß bereits nach rund 10 Monaten geschlossenem Vollzug, also im nächsten Frühjahr, mit spürbar gelockerten Haftbedingungen rechnen.

Nach mehr als drei Monaten in Landsberg bekam der Ex-Präsident des FC Bayern am 20. September das erste Mal Freigang. Das bayerische Strafvollzugsgesetz sieht Freigang, Ausgang und Urlaub als Hafterleichterungen vor. Sowohl Weihnachten als auch Silvester darf Hoeneß laut einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zuhause verbringen und darf dort sogar übernachten.

Freigänger können tagsüber außerhalb des Gefängnisses arbeiten und müssen nur zum Schlafen hinter Gitter. Mehrtägige Abwesenheiten oder gar Auslandsreisen kommen allerdings nicht infrage. Freigang wird nur Ersttätern ermöglicht. Wann Hoeneß Freigänger wird, kommentieren die Justizbehörden nicht.

Bekommt Hoeneß wieder eine Anstellung beim FC Bayern?

„Es ist beabsichtigt, dass Uli Hoeneß in unserem Nachwuchsbereich beschäftigt wird, sobald er Freigang bekommt“, bestätigte Vereinspräsident Karl Hopfner in einem Interview der „Welt am Sonntag“ vom 16. November. Seit Monaten war bereits spekuliert worden, dass der 62-Jährige bald wieder tagsüber bei seinem ehemaligen Club arbeitet. Hoeneß war bis zu seinem Rücktritt Mitte März 2014 Vereinspräsident und Aufsichtsratschef der ausgegliederten Profi-AG beim FC Bayern. Man hoffe, dass er im Januar beginnen könne. „Da freuen wir uns alle drauf. Ich glaube, das ist für ihn eine unwahrscheinliche Erlösung, wenn er hier wieder in einen anderen Rhythmus reinkommt und auch wieder unter uns sein kann“, meinte Hopfner.

Im Gefängnis arbeitet der ausgebildete Metzger in der Fleischerei der JVA. Er verdient 1,12 Euro pro Stunde.

 
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