MRSA, VRE und EBSL : Multiresistente Krankenhauskeime: Das müssen Sie über die Bakterien wissen

Das UKSH ist kein Einzelfall. Warum werden Keime resistent? Und um welche geht es in Kiel? Fragen und Antworten.

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26. Januar 2015, 14:51 Uhr

Seit Mitte Dezember kämpft das Universitätsklinikum in Kiel gegen die Ausbreitung eines gefährlichen multiresistenten Keims. Für Intensivpatienten ist er hoch gefährlich. Bei der Bekämpfung setzt die Klinik jetzt auch auf Experten aus Frankfurt. Bis Samstagabend wurden an der Klinik 27 Patienten positiv auf das gegen fast alle Antibiotika resistente Bakterium „Acinetobacter baumannii“ getestet. Was macht Krankenhauskeime so gefährlich? Fragen und Antworten.

Was sind Krankenhauskeime?

Krankenhauskeime verursachen Infektionen, die im Zuge eines Aufenthalts oder einer Behandlung in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung auftreten. Sie werden als „nosokomiale Keime“ bezeichnet. Dabei dürfen laut Definition keine Hinweise existieren, wonach die Infektion bereits bei der Aufnahme in das Krankenhaus vorhanden war. Das bedeutet, dass die Infektionen nicht in Zusammenhang mit der Grunderkrankung des Patienten stehen.

In 71 Prozent der Fälle sind Bakterien für die Erkrankung ursächlich. Bei 21 Prozent sind Viren für Infektionen verantwortlich. Pilze und Parasiten stellen den kleinsten Teil dar.

Sind alle diese Keime gefährlich?

Nein. Die meisten Keime, die in Krankenhäusern für Infektionen sorgen, sind normalerweise harmlose Bakterien, die am oder im Körper des Menschen vorkommen. Sie werden durch das gesunde Immunsystem unter Kontrolle gehalten.

Etwa 90 Prozent der Krankenhausinfektionen rühren von Keimen her, die mit einem Antibiotikum wirksam bekämpft werden können.

Für immungeschwächte Menschen können sie jedoch zur Gefahr werden, wenn die Keime am „falschen“ Ort im Körper auftreten. Gelangen zum Beispiel Darmkeime in eine Operationswunde, besteht für den Patienten die Gefahr einer Infektion.

Was begünstigt Infektionen im Krankenhaus?

Gefährlich wird es, wenn Erreger Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt haben, da sie sich dann nur schwer behandeln lassen. Zusätzlich erhöhen bestimmte Faktoren das Risiko von Infektionen.

  • Alter des Patienten (Rentner, Pflegebedürftige oder Frühchen)
  • Schweregrad der eigentlichen Grunderkrankung, weshalb ein Krankenhausaufenthalt nötig wurde
  • gestörte Organisation im Krankenhaus (viele kranke Menschen auf kleinem Raum, Arbeitsabläufe etc.)
  • mangelhafte Hygiene im Krankenhaus (Desinfektion der Händer und Geräte, Zeitdruck des Personals)

Die Übertragung erfolgt über direkten Körperkontakt oder indirekt über Gegenstände, aber auch über die Luft. Viele Erreger können lange in trockener Umgebung überleben.

Bei Patienten verursachen die Erreger vor allem Wundinfektionen nach Operationen, Harnwegsinfekte und Blutvergiftungen durch Katheter sowie Atemwegsinfektionen.

Wie hoch ist die Zahl der Infektionen in Deutschland?

Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft infizieren sich jedes Jahr 500.000 Klinikpatienten mit multi-resistenten Keimen. Das Robert-Koch-Institut nennt 15.000 Todesfälle im Jahr als Kennzahl.

Der Deutschen Stiftung Patientenschutz zufolge sterben pro Jahr etwa 40.000 Menschen an Krankenhausinfektionen. Davon wären 20.000 durch Hygienemaßnahmen vermeidbar gewesen.

Welcher Erreger ist im UKSH für die Todesfälle verantwortlich?

Im UKSH in Kiel ist der Umweltkeim „Acinetobacter baumannii“ für die Infektionen verantwortlich. Das Bakterium kommt im Wasser und in der Erde vor. Es ist gegen vier Antibiotikagruppen resistent. Der Erreger und andere Arten aus dieser Bakteriengruppe entwickeln derzeit in zunehmendem und besonders ausgeprägtem Maße Resistenzen, weshalb die therapeutischen Möglichkeiten knapp werden. Der Keim löst Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Sepsis (Blutvergiftungen) aus.

Betroffen sind häufig schwer kranke Patienten, die beatmet und katheterisiert sind. Dies sind in den meisten Fällen Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden.

In Deutschland spielt der Keim bisher eine vergleichsweise geringe Rolle. In vielen Ländern zählt er jedoch zu den wichtigsten Krankenhauskeimen überhaupt, vor allem auf Intensivstationen. Als Überträger im UKSH gilt ein Patient, der im Dezember aus dem Mittelmeerraum ins UKSH verlegt worden war. Ausbrüche hierzulande gehen daher häufig auf Patienten zurück, die zuvor im Ausland behandelt wurden.

Welche sind die häufigsten Krankenhauskeime?

Multiresistente Keime werden häufig unter dem Überbegriff MRE-KEime oder „ESKAPE Pathogene“ zusammengefasst. Diese umfassen:

  • Enterococcus faecium
  • Staphylococcus aureus
  • Klebsiella pneumoniae
  • Acinetobacter baumannii
  • Pseudomonas aeruginosa
  • Enterobacter

Darunter sind drei Gruppen, die für die meisten Todesfälle in deutschen Krankenhäusern verantwortlich sind.

Sogenannte MRSA-Keime (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) sind der Sammelbegriff für Staphylococcus-Stämme, die gegenüber Antibiotika resistent sind. Gefährlich werden sie erst, wenn das Immunsystem geschwächt ist. MRSA-Keime sind sehr widerstandsfähig und können ohne Nahrung über Monate infektiös bleiben. Dabei bleiben sie auch auf Gegenständen haften. Sie werden meistens über die Hände übertragen und siedeln sich bevorzugt im Nasen- und Rachenraum sowie der Achsel- und Schamregion an. Das Bakterium zersetzt Gewebe und erzeugt Eiter.

Sogenannte Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) stellen eine weitere Gruppe der resistenten Keime dar. Enterokokken sind Bestandteil der normalen Darmflora und haben ursprünglich keine krankmachenden Eigenschaften. Die Bakterien dieser Gruppe sind stark auf dem Vormarsch. Besonders gefährdet sind Menschen mit schwachem Immunsystem, Krebspatienten und pflegebedürftige Senioren.

Weiterhin existieren sogenannte ESBL-Keime (Beta-Laktamase produzierende Enterobakterien), die in der Lage sind, Antibiotika mithilfe eines Enzyms unwirksam zu machen. Es handelt sich dabei nicht um einen bestimmten Keim, sondern um Bakterien, die diese Eigenschaft dank eines Resistenzgens erworben haben. Sie werden durch Schmierinfektion, meistens über Fäkalien, übertragen.

Warum werden Erreger resistent?

Häufig werden Antibiotika falsch und/oder zu häufig eingesetzt. So wird bei viralen Infekten zum Antibiotikum gegriffen, obwohl es nicht helfen kann. Oder Patienten nehmen die Antibiotika nicht wie vom Arzt vorgeschrieben. Dadurch werden Antibiotika-empfindliche Bakterien zuerst abgetötet, während die Antibiotika-resistenten sich umso konkurrenzloser vermehren können. Künftige Populationen sind dann bereits resistenter gegen das Antibiotikum. Einige Erreger sind gegen eine Klasse von Antibiotika, immer öfter aber gleich gegen mehrere Klassen unempfindlich geworden. Das nennt man Multiresistenz (MRE-Keime).

Auch in der Lebensmittelindustrie, vor allem in der Tiermast, werden Antibiotika dem Futter beigemischt, um die Verbreitung von Krankheiten zu vermeiden. Da die Antibiotika mit denen in der Humanmedizin verwandt sind, bilden sich resistente Bakterienstämme, die auch für den Menschen gefährlich werden können.

Damit stehen immer weniger Mittel zur Bekämpfung der Keime zur Verfügung. Die Entwicklung neuer Antibiotika hinkt dem bislang hinterher - unter anderem, weil die potenzielle Kosten-Gewinn-Bilanz von vielen Pharmafirmen als zu schlecht eingeschätzt wird.

Infektionen kann somit in erster Linie durch peinlich genaue Hygiene vorgebeugt werden.

Warum ist der Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung besonders umstritten?

Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) warnt vor multiresistenten Keimen als Folge von Massentierhaltung und zu sorglosem Medikamenteneinsatz. Zuletzt untersuchte der BUND Putenfleisch, das bei fünf verschiedenen Discounterketten in verschiedenen Städten Deutschlands gekauft wurde. In neun von zehn Proben fanden die Tester die gegen viele Antibiotika unempfindlichen MRSA-Keime (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) und ESBL-bildende Keime, die bestimmte Antibiotika zerstören.

Billigfleisch-Produktion bedeute, dass zu viele Nutztiere auf zu wenig Raum gehalten werden, moniert der Vorsitzende des BUND, Hubert Weiger. Und das erfordere oft große Mengen an Antibiotika einzusetzen, um Krankheiten und die Ausbreitung in Ställen zu vermeiden. Dabei wird seit langem darum gerungen, den Einsatz der infektionshemmenden Medikamente generell zu senken. Das soll das Risiko eindämmen, dass sie auch bei Menschen nicht mehr wirken.

Neun Länder setzen sich mittlerweile für ein Verbot von Reserve-Antibiotika in der Tiermast ein, die als letzte Chance zur Behandlung schwerer Infektionen von Menschen reserviert sind. „Wir wollen, dass bestimmte Antibiotika ausschließlich für Notfälle in der Humanmedizin zur Verfügung stehen“, teilte der rheinland-pfälzische Landwirtschaftsstaatssekretär Thomas Griese (Grüne) am Donnerstag mit. Dafür sind laut Ministerium Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Viele Menschen sind verunsichert. Gerade diejenigen, die sich im direkten Umfeld des Kieler Klinikums bewegen. Das UKSH informiert über die aktuelle Situation auf ihrer Homepage. Dort finden Sie weitere Fragen und Antworten. Eine Auswahl:

Wie gefährlich ist eine Ansteckung mit A. baumanii? 

Es muss zwischen Besiedlung und Infektion unterschieden werden. Eine Besiedlung des gesunden Menschen ist nicht gefährlich. Bei immunschwachen Menschen birgt sie jedoch das Risiko einer Infektion.

Gibt es eine Therapie?

Der vorliegende Bakterienstamm kann mit dem Antibiotikum Colistin therapiert werden.

Welche Beschwerden weisen auf eine Ansteckung hin? 

Der Erreger kann bei immungeschwächten Menschen Lungen-, Harnwegs-  oder Wundinfektionen auslösen.

Kann ich mich bei einem Besuch auf dem Gelände des UKSH anstecken?

Nein. Sämtliche betroffenen Bereiche sind isoliert und gesondert gekennzeichnet. Ein Betreten des Campus Kiel ist gefahrlos möglich.

Besteht für mich als Patient die Gefahr der Ansteckung?

Bei Einhaltung aller angeordneten Hygienemaßnahmen kommt es nicht zur Übertragung des Keims, damit besteht auch keine Gefahr der Ansteckung. In die betroffenen Bereiche werden keine weiteren Patienten aufgenommen, die Stationen sind isoliert und gekennzeichnet. Stationsbereiche mit besiedelten Patienten werden nach deren Verlegung frei gezogen, die Zimmer vollständig desinfiziert und erst nach Freigabe durch die Zentrale Einrichtung Hygiene wieder in Betrieb genommen.

Kann ich mich beim Besuch eines Angehörigen anstecken, bei dem der Keim nachgewiesen wurde?

Bei Einhaltung der Basishygiene kommt es nicht zur Übertragung des Keims. Dazu zählen das Tragen der vor Ort vorgehaltenen Schutzkleidung (Haube, Mundschutz, Kittel, Einmal-Handschuhe) sowie die gründliche Händedesinfektion. Diese Maßnahmen werden vom Pflegepersonal beaufsichtigt.

Sollte ich mich als Mitarbeiter, Mitpatient oder Angehöriger untersuchen lassen?

Nein, das ist nicht notwendig.

Wie lange hält sich der Keim im Körper?

Der Erreger gehört nicht zur normalen residenten Flora weder der Haut noch der Schleimhäute von normalen gesunden Menschen. Selbst im Fall einer Besiedlung wird die normale Standortflora den Keim binnen kurzer Zeit wieder verdrängen. Im menschlichen Darm kann der Keim hingegen auch längerfristig überleben, auch ohne dass er in nachweisfähiger Häufung auftritt. Da er jedoch für gesunde Menschen keinerlei Gefahr darstellt, geht von besiedelten Menschen im Alltag aber keine Gefahr aus.

Warum wurden die Zahlen der Betroffenen erst nach und nach präzisiert?

Patienten, die  mit dem Keim in Berührung gekommen sein könnten, werden laufend und mehrfach einem Screening unterzogen. Die Laboruntersuchung nimmt jedoch einige Tage in Anspruch. Daher werden die Zahlen vom  UKSH  täglich aktualisiert.

Wo gibt es weitere Informationen?

Weitere Fragen beantworten Dr. Anette Friedrichs (Telefon 0431-5972979) und Helga Gerhart (Telefon 0431-5975858). E-Mail: anette.friedrichs@uksh.de, beschwerdemanagement.kiel@uksh.de oder  oliver.grieve@uksh.de

 
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