zur Navigation springen

Ermordete Studentin : Mordfall von Freiburg – umfassendere DNA-Analyse gefordert

vom

Die Ermittler hätten sich mehr Möglichkeiten gewünscht. Maas zeigt sich für eine Diskussion offen.

shz.de von
erstellt am 06.Dez.2016 | 08:52 Uhr

Freiburg | Nach der Festnahme eines 17-jährigen Flüchtlings im Fall der getöteten Freiburger Studentin wird der Ruf nach einer umfassenderen Auswertung von DNA-Spuren lauter. Bei der Tätersuche in diesem Fall hätte das massiv geholfen, sagte der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger der „Badischen Zeitung“. „Wir hätten wesentlich konzentrierter die Ermittlungen vorantreiben können.“

Bislang darf DNA, die an einem Tatort gefunden wird und wahrscheinlich vom Täter stammt, laut Gesetz nicht auf Merkmale wie Augen-, Haar- oder Hautfarbe analysiert werden, auch wenn sich damit die Suche eingrenzen ließe. Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU) hatte bereits vor einigen Tagen - vor der Festnahme - mehr Möglichkeiten bei der Auswertung von DNA-Spuren gefordert und eine entsprechende Initiative angekündigt.

Bundesjustizminister Heiko Maas zeigte sich offen für eine Diskussion über eine umfassendere Auswertung von DNA-Spuren. Losgelöst vom konkreten Einzelfall beobachte sein Ministerium wissenschaftliche Entwicklungen sehr genau und prüfe insofern auch, ob es gesetzgeberischen Handlungsbedarf gebe, teilte der SPD-Politiker am Dienstag mit. Es sei sinnvoll, das Thema auf der nächsten Justizministerkonferenz zu thematisieren.

Maas wies darauf hin, dass in einem Referentenentwurf für eine Reform der Strafprozessordnung bereits eine Ausweitung der Analysen vorgeschlagen ist. „So soll sichergestellt werden, dass aus dem Abgleich der DNA-Identifizierungsmuster künftig auch solche Erkenntnisse zur Erforschung des Sachverhalts verwertet werden dürfen, die auf ein nahes Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem Spurenverursacher und dem Probengeber hindeuten.“

Was spricht gegen eine erweiterte DNA-Analyse, was dagegen? Fragen und Antworten:

Worum geht es bei einer DNA-Analyse?

Die DNA ist der Träger der menschlichen Erbsubstanz. Für eine Analyse reichen geringste Spuren wie Hautschuppen, Haare, Sperma oder Speichelreste. Damit kann die Identität eines Menschen nahezu sicher festgestellt werden. Gesetzlich geregelt ist das Thema in der Strafprozessordnung. Beim Bundeskriminalamt wurde 1998 eine zentrale DNA-Analyse-Datei eingerichtet. Gespeichert sind darin Daten von Beschuldigten, verurteilten Straftätern und von am Tatort gesicherten Spuren. Damit konnten nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 1360 Tötungsdelikte, 2370 Sexualstraftaten, 8200 Raub- und Erpressungsfälle sowie 94.200 Diebstahl-Delikte aufgeklärt werden.

Was darf bei einer DNA-Analyse festgestellt werden?

Bislang darf die DNA nur im Hinblick auf das Geschlecht und zur Feststellung der Identität analysiert werden. Dabei wird die am Tatort gefundene Erbsubstanz mit der eines Verdächtigen verglichen.

Die Erhebung weiterer Merkmale wie Augen-, Haar- oder Hautfarbe ist verboten, obwohl sie nach Darstellung des baden-württembergischen Justizministeriums mit einer Vorhersagegenauigkeit von 75 bis 98 Prozent festgestellt werden könnten. Die Konferenz der Justizminister von Bund und Ländern will im Frühjahr über eine mögliche Ausweitung beraten. Denn dazu wäre eine Gesetzesänderung auf Bundesebne nötig.

Was sagen die Befürworter einer Ausweitung der DNA-Analyse?

Die Befürworter argumentieren, dass bei schweren Straftaten die DNA-Spuren am Tatort oft die einzigen Beweismittel sind. Der CDU-Rechtsexperte im baden-württembergischen Landtag, Bernhard Lasotta, verweist auf die Niederlande. Sie hätten mit ihrer Regelung zur Feststellung von äußeren Merkmalen eines möglichen Tatbeteiligten gute Erfahrungen gemacht. „Die DNA-Analyse konnte auch zur Entlastung zunächst und vorschnell verdächtiger Personen führen.“ Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU) argumentiert: „Im Prinzip ist dies mit dem Fall vergleichbar, in dem ein Täter bei einer Straftat zufällig gefilmt oder fotografiert wird. Auch in diesen Fällen würden wir uns dann die Aufnahmen anschauen und versuchen, alle erkennbaren Merkmale des Täters zu identifizieren.“

Was sind die Bedenken gegen eine erweiterte DNA-Analyse?

„Ermittlungen sind hochkomplex und deshalb gibt es keine Wundermittel“, sagt etwa Baden-Württembergs Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand. Es handele sich um hochsensible Daten, deren Nutzung auf schwere Straftaten begrenzt werden müsse. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan Korte meint: „Es ist falsch, die weitergehende DNA-Analyse zum Allheilmittel der Kriminalitätsbekämpfung auszurufen. Dazu ist sie zu fehleranfällig und riskant.“ Die Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Antisemitismus, Rassismus und rechte Gewalt engagiert, ist gegen eine Ausweitung der DNA-Analyse. Für ihre Bildungsreferentin Golschan Ahmad Haschemi fällt eine Auswertung nach Haar-, Haut- und Augenfarbe unter das „Racial Profiling“ (ethnisches Profiling), bei dem jemand allein wegen seiner Rasse ins Visier der Ermittler gerät.

Gibt es ein Beispiel für eine irreführende DNA-Spur?

Ja. Linken-Politiker Korte erinnert etwa an den Mordfall der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn. Damals jagten die Ermittler ein „Phantom“, weil Wattestäbchen, die zur Spurensicherung am Tatort eingesetzt wurden, durch die DNA einer Mitarbeiterin einer Verpackungsfirma verunreinigt waren. Der Fall Freiburg zeigt nach Kortes Ansicht, dass die Ermittler mit den Instrumenten, die ihnen bisher zur Verfügung stehen, erfolgreich arbeiten.

Ein am vergangenen Freitag gefasster 17-Jähriger soll die Studentin Mitte Oktober vergewaltigt und ermordet haben. Ein Haar hatte die Ermittler auf die Spur des Afghanen geführt, der 2015 als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland gekommen und bei einer Familie untergebracht war. Er sitzt seit Freitag in Untersuchungshaft. Am Samstag wurde die Festnahme bekannt.

Durch die Herkunft des Mordverdächtigen wurde wieder die Debatte um die Flüchtlingspolitik befeuert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte vor einer pauschalen Verurteilung aller Flüchtlinge. „Wenn es sich herausstellen sollte, dass es ein afghanischer Flüchtling war, dann ist das absolut zu verurteilen, genauso wie bei jedem anderen Mörder, aber auch ganz deutlich zu benennen. Und dann sage ich, dass damit aber nicht die Ablehnung einer ganzen Gruppe verbunden sein kann, so wie wir auch sonst nicht von einem auf eine ganze Gruppe schließen können“, sagte Merkel am Montagabend in den ARD-„Tagesthemen“.

Dass sich die ARD-„Tagesschau“ nach Bekanntwerden der Festnahme am Wochenende zunächst entschieden hatte, nicht darüber zu berichten, stößt weiter auf Kritik. Der Fall der getöteten Studentin sei schon vor der Festnahme in ganz Deutschland präsent gewesen, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Ansgar Heveling (CDU), den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag). „Ich halte die Entscheidung der Tagesschau deshalb für falsch, weil sie natürlich den Eindruck erweckt, man wolle nicht berichten, weil der Tatverdächtige ein unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber ist. Ein solcher Eindruck ist fatal“, meinte Heveling, der auch Unions-Obmann im Kultur- und Medienausschuss ist.

Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Dörmann, sprach hingegen von einem „Grenzfall“. „Die Kritik an der Entscheidung der Tagesschau ist zwar verständlich. Es wäre aber genauso ein schiefes Bild entstanden, wenn über diesen Mord berichtet worden wäre, aber über andere Mordfälle nicht“, sagte Dörmann der Funke Mediengruppe.

In einer Stellungnahme begründete der Tagesschau-Chefredakteur, Kai Gniffke, die Entscheidung gegen eine Berichterstattung damit, dass der Mordfall nicht von überregionaler Bedeutung sei. Die Tageschau berichte nur selten über einzelne Kriminalfälle.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert