14-Jährige vergewaltigt und getötet : Mordfall Susanna: Tatverdächtiger im Irak festgenommen

<p>Rosen liegen in der Nähe des Leichenfundortes der 14-jährigen Susanna F. Der mutmaßliche Täter ist im Nordirak gefasst worden.</p>

Rosen liegen in der Nähe des Leichenfundortes der 14-jährigen Susanna F. Der mutmaßliche Täter ist im Nordirak gefasst worden.

Fahndungserfolg: Ali B. ist in seinem Heimatland verhaftet worden, bestätigte Innenminister Horst Seehofer.

shz.de von
07. Juni 2018, 19:49 Uhr

Wiesbaden | Der Tatverdächtige im Fall der getöteten 14-jährigen Susanna, Ali B., ist im Irak festgenommen worden. Das sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Freitag in Quedlinburg. Der irakische Flüchtling steht im Verdacht, das Mädchen aus Mainz vergewaltigt und umgebracht zu haben.

Der 20-Jährige war nach Aussagen der Staatsanwaltschaft vermutlich am vergangenen Donnerstag mit seiner gesamten Familie überhastet abgereist. Ein weiterer Verdächtiger wurde am Donnerstag wieder freigelassen.

In Mainz haben mehrere Bürgerbewegungen zu Mahnwachen und Demonstrationen in den kommenden Tagen aufgerufen.

Wörtlich sagte Seehofer: „Der im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt an Susanna F. beschuldigte Ali B. ist heute Nacht, am 8. Juni 2018, gegen 2 Uhr durch kurdische Sicherheitsbehörden im Nordirak auf Bitten der Bundespolizei festgenommen worden.“ Er fügte hinzu: „Das mit der Auslieferung läuft jetzt nach den internationalen Regeln.“

Hier können Sie Seehofers Dank an die kurdischen Sicherheitsbehörden im Wortlaut hören:

Nach der Festnahme des Tatverdächtigen hofft die Wiesbadener Staatsanwaltschaft auf eine Auslieferung des 20-Jährigen. Das könnte aber kompliziert werden. „Wir haben wenig Erfahrung, wie sich der Irak in so einer Lage verhält“, sagte eine Sprecherin der in dem Fall verantwortlichen Staatsanwaltschaft am Freitag.

Die Bundesrepublik hat keine Auslieferungsabkommen mit dem Irak. Die dortigen Behörden sind daher nicht vertraglich zu einer Auslieferung verpflichtet. Der Antrag auf Auslieferung müsse laut der Sprecherin über die Generalstaatsanwaltschaft gestellt werden.

Dass der Tatverdächtige sich als irakischer Bürger in seinem Heimatland für den Tod der 14-Jährigen zu verantworten habe, sei rechtlich nicht möglich. „Im Irak droht ihm die Todesstrafe. Wir können daher keinen Strafverfolgungsantrag stellen“, sagte die Sprecherin.

Zweiter Verdächtiger freigelassen

Ein weiterer Verdächtiger wurde bereits am Donnerstagabend freigelassen. Wie Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn in Frankfurt sagte, besteht nach neuesten Ermittlungserkenntnissen kein dringender Tatverdacht mehr gegen den 35-jährigen Asylbewerber mit türkischer Staatsangehörigkeit. Er habe das Justizgebäude bereits wieder verlassen und könne sich frei bewegen. Weitere Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler nun durch die Obduktion der Leiche der 14-Jährigen und der Auswertung von DNA-Spuren.

Zunächst waren die Ermittler davon ausgegangen, dass zwei Männer Susanna in Wiesbaden vergewaltigt und ermordet haben und nahmen den Flüchtling fest.

Noch keine brauchbaren Zeugenhinweise

Zwei Wochen war nach Susanna gesucht worden. Ihre Leiche war dann in einem Erdloch in einem schwer zugänglichen Gelände bei Wiesbaden gefunden worden. 

Nach einem Zeugenaufruf und öffentlicher Fahndung sei die Polizei noch nicht weitergekommen. Im Call-Center seien zwar Hinweise eingegangen, sagte ein Polizeisprecher am Freitag in Wiesbaden. Diese hätten die Beamten aber bisher nicht entscheidend weitergebracht.

Die Schülerin wurde erwürgt oder erdrosselt. Es habe eine „Gewalteinwirkung“ auf den Hals gegeben, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt Achim Toma, ohne weitere Details zu nennen. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen ermordet wurde, um die Vergewaltigung zu vertuschen. Die 14-jährige Susanna war am 22. Mai von ihrer Mutter als vermisst gemeldet worden. Sie war mit Freunden in der Wiesbadener Innenstadt unterwegs gewesen und abends nicht wie abgesprochen nach Hause zurückgekehrt. Laut Obduktion der Leiche soll sich die Tat bereits am Abend ihres Verschwindens ereignet haben.

Verdächtiger in Irak zurückgereist

Der tatverdächtige 20 Jahre alte Iraker sei bereits am vergangenen Donnerstag vom Flughafen Düsseldorf aus ins irakische Erbil geflogen, bestätigte das Bundesinnenministerium am Freitag. Die Familie aus Vater, Mutter und sechs Kindern habe zuletzt zusammen in einer Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden gelebt. 

Der 20-Jährige war in diesem Jahr bereits mehrfach polizeilich aufgefallen.

Weiterlesen: Was die Polizei über den Verdächtigen im Mordfall Susanna weiß

Bundespolizei verweist auf rechtliche Grenzen

Trotz unterschiedlicher Namen in den Ausweispapieren und auf der Bordkarte konnte Ali B., der die 14-jährige Susanna in Wiesbaden vergewaltigt und getötet haben soll, ungehindert in die Türkei fliegen. Bei der grenzpolizeilichen Ausreisekontrolle sei ein Abgleich von Flugticket und Pass nicht vorgesehen, teilte die Bundespolizei am Freitag in Potsdam mit. Im Rahmen der Luftsicherheitskontrolle sei ein derartiger Abgleich ebenfalls „derzeit rechtlich nicht möglich.“

Den Beamten der Bundespolizei wurden am Düsseldorfer Flughafen zwei irakische sogenannte Laissez-Passer-Dokumente mit je vier Namen und acht deutsche Aufenthaltsgestattungen von Ali B. und seinen mitreisenden Familienangehörigen gezeigt. „Die vorgelegten Dokumente waren echt, gültig und berechtigten zur Ausreise. Die Lichtbilder stimmten mit den Personen überein“, hieß es. Zu diesem Zeitpunkt löste der Name von Ali B. keinerlei Alarm aus: Er wurde erst zwei Tage später als Tatverdächtiger im Fall Susanna zur Fahndung ausgeschrieben.

Kein Auslieferungsabkommen

Das Auswärtige Amt weist darauf hin, dass es kein Auslieferungsabkommen mit dem Irak gibt. In Einzelfällen sei die Auslieferung eines Tatverdächtigen aus dem Irak nach Deutschland aber möglich, sagte eine AA-Sprecherin am Freitag in Berlin. Wie das Bundesinnenministerium am Freitag bestätigte, war der tatverdächtige Iraker Ali B. vom Flughafen Düsseldorf ausgereist. Zu diesem Zeitpunkt sei er noch nicht zur Fahndung ausgeschrieben gewesen. Er habe gültige Papiere besessen, vermutlich ein sogenanntes Laissez-Passer-Dokument.

Susanna soll sich öfter in der Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim aufgehalten haben und den Bruder des tatverdächtigen Irakers näher gekannt haben, sagte der Polizeipräsident. Der Asylantrag des 20-Jährigen war Ende 2016 abgelehnt worden. Da ein Rechtsanwalt dagegen eine Klage eingereicht habe, laufe das Verfahren noch.

Der entscheidende Hinweis auf die mutmaßlichen Täter kam von einem 13-jährigen Jungen, der ebenfalls in der Flüchtlingsunterkunft wohnte. Zuvor hatte die Polizei tagelang vergeblich mit einem Großaufgebot von Beamten, Hunden und einem Hubschrauber nach dem vermissten Mädchen gesucht. Der Zeuge hatten den Ermittlern berichtet, Ali B. habe ihm von der Tat persönlich erzählt.

Zentralrat der Juden: Keine Ressentiments

Der Zentralrat der Juden in Deutschland bestätigte unserer Redaktion die Information, dass Susanna und ihre Familien Juden sind. Sie gehören beziehungsweise gehörten der Gemeinde in Mainz an. Präsident Josef Schuster hatte in der Vergangenheit mehrfach gewarnt, dass der massive Zuzug von Migranten aus dem arabisch-islamischen Raum zu einem wachsenden Antisemitismus und auch zu vermehrten Gewalttaten in Deutschland führen könne, auch wegen der kulturellen Prägung der Zuwanderer.

Am Nachmittag veröffentlichte der Zentralrat eine Erklärung. „Alle voreiligen Schlüsse oder gar Ressentiments verbieten sich“, heißt es darin. Ferner äußert der Zentralrat sein tiefes Mitgefühl und dringt auf "rasche und umfassende Aufklärung sowie harte Konsequenzen für den oder die Täter".

Schule gedenkt mit Schweigeminute

Die Schule der getöteten Susanna trauert. Am Tag, nachdem der gewaltsame Tod ihrer Mitschülerin Gewissheit wurde, gedachte die Integrierte Gesamtschule (IGS) Bretzenheim der 14-Jährigen mit einer Schweigeminute. "Wir sind sehr betroffen", sagte Schulleiter Roland Wollowski am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. "Erstmal bricht alles über einem zusammen."

Die Schulgemeinschaft hat nach seinen Angaben eine sogenannte Trauerecke geschaffen - mit Kerzen, einem Bild von Susanna, Blumen und einem Kondolenzbuch. Nicht nur die Schüler sind erschüttert über den Tod: Auch im Lehrerkollegium herrsche eine sehr große Betroffenheit, sagte Wollowski. Auf ihrer Internetseite schrieb die Schule von einem schmerzlichen Verlust.

Krisenseelsorger und Schulpsychologen helfen, den Tod von Susanna zu verarbeiten. Das Angebot der Trauerarbeit wird nach Angaben der Schulleiters von vielen angenommen. In der kommenden Woche plant die Schulgemeinschaft der IGS nach seinen Angaben eine interne Trauerfeier.

Reaktionen unter Hashtag #Susanna

„Ich bin sehr traurig und es fällt schwer, Worte zu finden, für das Leid und den Schmerz, den der Tod hinterlässt“, schreibt Wiesbadens Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) auf Facebook und kondoliert der Familie aus Mainz. „Meine Gedanken und mein tiefes Mitgefühl sind bei den Angehörigen und Freunden des getöteten Mädchens.“

 

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hat sich betroffen über den gewaltsamen Tod der 14-jährigen Susanna in Wiesbaden gezeigt. „Ich bin selbst Vater von vier Kindern. Das nimmt einen schon sehr mit, wenn man das so erlebt“, sagte Lewentz am Donnerstag in Quedlinburg am Rande eines Treffens mit seinen Länderkollegen.

„Ich würde mich sehr freuen, dass wir irgendwann die Nachricht bekommen: Man hat den Tatverdächtigen festnehmen können und der wird Deutschland überstellt werden“, sagte Lewentz.

Den Ruf nach Rechtsänderungen halte er nicht für vorrangig, sagte Lewentz. „Ich behaupte, solche Mörder, die denken in so einem Moment nicht darüber nach, ob sie so und so lang oder so und so lang ins Gefängnis kommen. Unsere Strafmaße sind ausreichend bei Mord, absolut ausreichend.“

Andere sind mit ihren Gedanken längst bei der Asyldebatte. Von „Mord & Totschlag im Multi-Kulti-Wahn“ spricht der AfD-Politiker André Poggenburg in einer Twitter-Botschaft. 

 

Im Netz kocht Hass hoch. Andere rufen aber auch zu Besonnenheit auf, warnen vor Gleichsetzen der Tatverdächtigen mit allen Flüchtlingen. Es sei „widerlich“, wenn der tragische Fall von Rechtspopulisten für ihre Zwecke ausgeschlachtet werde, heißt es in einem Kommentar unter den Tausenden, die sich unter dem Hashtag #Susanna zu Wort melden. 

Holger Münch, der Präsident des Bundeskriminalamt (BKA) hat wiederholt vor Verallgemeinerungen über Flüchtlinge und Kriminalität gewarnt. „Es ist eine allgemeine Erkenntnis aus der Kriminologie, dass junge Männer sehr viel häufiger Straftaten begehen als andere Altersgruppen oder auch Frauen“, betonte er etwa in einem Interview. Der überwiegende Teil der Zuwanderer des Jahres 2015 sei männlich und unter 30 – da sei es nicht verwunderlich, wenn die Kriminalität ansteige.

Der Fall aus Wiesbaden erinnert an den grausigen Fall von Freiburg, wo ebenfalls ein Flüchtling eine junge Frau vergewaltigt hatte und sie ertrinken ließ. Hussein K. wurde dafür im März zu lebenslanger Haft verurteilt.

Auch im pfälzischen Kandel ist seit dem Tod der 15 Jahre alten Mia kurz nach Weihnachten nichts mehr so, wie es einmal war. Als dringend tatverdächtig gilt dort der Ex-Freund des Mädchens, ein Asylbewerber aus Afghanistan. Der Prozess beginnt diesen Monat. Seit der Tat kommt der Ort nicht zur Ruhe. Immer wieder demonstrieren Gruppen gegen die Flüchtlingspolitik und treffen dabei auf Gegendemonstrationen.

Der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller sagt, dass ein Verbrechen wie das an Susanna auch nach vielen Jahren der Polizeiarbeit schwer fassbar sei. Er erinnert daran, dass nicht nur die mutmaßlichen Täter Flüchtlinge sein: „Auch wenn ein irakischer Staatsangehöriger dringend tatverdächtig ist, muss gesagt werden, dass ein 13-jähriger Geflüchteter durch seine Aussage entscheidend dazu beigetragen hat, dieses Verbrechen aufzuklären.“

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