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Serie: Tatort Schleswig-Holstein : Mordfall Erna Kloth– Es gibt nur noch Erinnerungen in Eutin

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

86-Jährige wurde vor 27 Jahren in Eutin brutal getötet – Ermittler hoffen auf Lebensbeichte des Täters

shz.de von
erstellt am 14.Mai.2016 | 15:57 Uhr

In Schleswig-Holstein gibt es mehr als 40 ungeklärte Morde. Die Verbrechen lassen die Ermittler nicht los – und in den vergangenen Jahren sind etliche dank verfeinerter DNA-Analyse geklärt worden. Doch manchmal ist der Täter einfach nicht zu fassen. In einer Serie stellt unsere Zeitung diese Fälle vor.

Ihre Villa ist längst abgerissen und nach all den Jahren auch kein Grabstein mehr auf dem Friedhof zu finden. Doch die Erinnerung an den Tod von Erna Kloth (86) im April 1989 ist in Eutin nicht verblasst. Sie war ein stadtbekanntes Original, eine verschrobene alte Dame, die Opfer eines grausigen Raubmords wurde, den die Ermittler bis heute nicht klären konnten.

Irmgard Walter (87) gehört zu den wenigen Nachbarn, die Erna Kloth noch kannten. „Sie war schon sonderlich“, sagt sie. In Pluderhosen und mit einer eigenwilligen Kopfbedeckung sei Erna durch die Straßen marschiert, immer einen Handkarren hinter sich herziehend. Um die kleine Rente aufzubessern, verkaufte sie Äpfel aus dem eigenen Garten. „Appel-Kloth“ wurde die Seniorin deshalb genannt. „Ich habe ihr oft welche abgenommen, auch wenn ich sie dann weggetan habe“, sagt Walter.

Am 17. April 1989, einem Montag, wurde Erna Kloth zum letzten Mal gesehen. Danach muss es passiert sein. Vielleicht am Abend, vielleicht in der Nacht. Gehört hat niemand etwas, auch nicht gesehen. Am Tag darauf stand die sonst stets verschlossene Gartenpforte offen. Als sich daran auch am nächsten Morgen nichts geändert hatte, alarmierte eine Nachbarin die Polizei.

Zwei Beamte entdeckten Erna Kloth – erschlagen – inmitten von jahrelang aufgetürmtem Hausrat und Müll: Verschimmelte Kleidung, verdorbene Lebensmittel, uralte Einmachgläser und zentnerweise Zeitungen. Nur durch schmale Pfade waren die Zimmer, in denen Ratten hausten, begehbar.

Nach heutigen Kriterien war sie ein „Messie“ gewesen. Drei Container füllten die eigens angeforderten Bereitschaftspolizisten, bis das zweistöckige Haus mit seinem verwilderten Garten geräumt war. In verschiedenen Verstecken entdeckten die Beamten 5000 Mark und noch einmal 500 Mark in Münzen – Geld, das ihr Mörder nicht gefunden hatte.

Die Villa mit dem großen Garten hatte Erna Kloth, ehemals Sekretärin in der Kreisverwaltung, von ihren Eltern geerbt, die darauf eine Gärtnerei betrieben. Damals wie heute leben gut situierte Bürger in der Straße. Erna Kloth gehörte nicht dazu. Sie hatte es nicht leicht, es wird erzählt, ihre Mutter habe sich die Pulsadern aufgeschnitten. Nachdem auch der Vater gestorben war, lebte die einzige Tochter, unverheiratet und kinderlos, allein in dem Haus und wurde immer wunderlicher.

Besucher empfing ein Schild vor der Pforte. „Darauf stand: Hier wohnt ein Polizist“, sagt Nachbar Hermann Forster (76). Vor Einbrechern fürchtete sich „Appel-Kloth“ sehr. Vielleicht auch vor den Nachbarskindern, die immer wieder über ihren Zaun kletterten und ihr Äpfel klauten, um sie zu ärgern. Im Sommer setzte sich Erna Kloth mit einem Stuhl hinter die Brombeerhecke und vertrieb die Eindringlinge mit schriller Stimme und einem Stock. Forster: „Eine Morgens lagen dann drei Apfelbäume umgesägt im Garten. Das waren wohl die großen Jungs“, vermutet er und meint damit die Eltern.

Zum Schluss gewährte Erna Kloth niemandem mehr Zutritt zu ihrem Haus. Auch ihrem Mörder hat sie nicht die Tür geöffnet, davon zeugen die Spuren eines gewaltsamen Aufbruchs.

„Soweit ich weiß, war Erna an einen Stuhl gefesselt und bestialisch gefoltert worden“, sagt Hermann Forster. „Aber so wie ich sie kannte, wird sie nichts preisgegeben haben. Es ist ein Jammer, dass es so enden musste.“

Der Mörder durchsuchte Schränke und Kommoden. Ob es neben den 5000 Mark und den Münzen noch weitere Verstecke mit Geld oder Wertgegenstände gegeben hat, konnte die Mordkommission nicht ermitteln. Ebenso wenig wie den Täter.

Fast zehn Jahre später keimte noch einmal Hoffnung auf, als ein anonymer Anrufer sich bei der Polizei meldete und einen Hinweis auf den Mörder gab. Er rief jedoch nie wieder an. Das aufgezeichnete Telefonat konnte daraufhin bundesweit abgehört werden. Das hatte Erfolg, der Anrufer wurde identifiziert. Den Fall jedoch brachte es nicht weiter – es war ein Ostholsteiner (64), der einen Bekannten zu Unrecht belasten wollte.

Die Akte Erna Wilhelmine Magdalene Kloth, zehn Ordner mit den vergilbten Blättern, gehören heute zu der salopp „Ewigenliste“ genannten Reihe ungeklärter Tötungsdelikte der Lübecker Mordkommission. Die Altfälle werden immer dann bearbeitet, wenn es neue Hinweise gibt oder Asservate dank verbesserte DNA-Analyse doch noch zu „sprechen“ beginnen.

„Im Fall Kloth ist die Spurenlage aber eher schlecht“, sagt Immanuel Dzatkowski, Leiter der Lübecker Mordkommission. Das Angebot von 3000 Mark Belohnung (1500 Euro) für Hinweise gilt nach wie vor. „Die Erinnerung der Menschen wird aber nicht besser“, sagt der Ermittler. Manchmal hilft jedoch die Zeit der Polizei – genauer gesagt, die ablaufende Zeit. Der Ermittler: „Es kommt vor, dass ein Mörder reinen Tisch machen will und eine Lebensbeichte ablegt.“

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