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"Katyn" : Mord, Trauer und Lügen

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Im Frühjahr 1940 wurden nahe Smolensk 14.500 Polen hingerichtet. Mit dem Film "Katyn" setzte Wajda den Opfern ein Denkmal.

Der Mord sowjetischer Soldaten an tausenden polnischen Offizieren bleibt für Polen ein nationales Trauma. Im Frühjahr 1940 wurden in Katyn westlich von Smolensk sowie an zwei anderen Orten rund 14.500 Menschen durch Schüsse in den Hinterkopf hingerichtet. Unter den Opfern befanden sich auch viele Reserveoffiziere - Polens Führungsschicht. Auch der Vater des polnischen Starregisseurs Andrzej Wajda, Jakub, starb bei diesem Massaker. Mit dem Film "Katyn" setzte Wajda den Opfern ein Denkmal. Am 17. September, zwei Jahre nach dem Start in Polen, kommt der Film nun in die deutschen Kinos.

Der Tag der Deutschland-Premiere ist kein Zufall. Denn am 17. September 1939 war die Rote Armee in Ostpolen einmarschiert und den seit mehr als zwei Wochen gegen die deutsche Wehrmacht kämpfenden polnischen Truppen in den Rücken gefallen. Schon die erste Szene zeigt eindrucksvoll die aussichtslose Lage des Landes zwischen zwei Diktatoren - Hitler und Stalin. Auf einer Brücke im Osten des Landes begegnen Menschen, die vor den Deutschen fliehen, ihren Landsleuten, die vor den Sowjets flüchten. "Leute, halt, wohin geht ihr? Hinter uns sind die Deutschen", warnt die eine Gruppe. "Die Sowjets jagen uns!", schreien in panischer Angst die anderen.
Schonungslose Details

Am Beispiel eines jungen Rittmeisters, Andrzej, zeigt Wajda das Schicksal der Offiziere, die in die sowjetische Gefangenschaft geraten waren. In die Internierungslager verschleppt, stritten sie über die Ursachen der Kriegsniederlage und versuchten - trotz Schikanen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD - über die Runden zu kommen. Doch ihr Schicksal war besiegelt. Stalin verurteilte sie als Klassenfeinde zum Tod.

In der Schlussszene zeigt Wajda, ohne die Zuschauer zu schonen, die Hinrichtung mit drastischen Details. Die Opfer werden einzeln, mit auf dem Rücken gefesselten Händen, in einen Keller abgeführt und dort durch Genickschuss aus nächster Nähe getötet. Das Blut spritzt auf die Wände und fließt über den Betonboden. Die Leichen werden auf einen Laster gebracht und in die Massengräber geworfen. Die Planierraupe deckt am Ende die Gräber mit Erde zu. Es fällt kein Wort, im Hintergrund klingt die Musik von Krzysztof Penderecki.
Kreml versuchte, das Massaker zu vertuschen
Das Massaker selbst ist aber nur ein Teil der Erzählung. Für den Regisseur ist auch die Katyn-Lüge - die jahrzehntelangen Versuche des Kremls, das Verbrechen zu vertuschen und es den Deutschen in die Schuhe zu schieben - ein Thema. Und die Frauen der toten Offiziere - Mütter, Witwen, Schwestern und Töchter - die zunächst auf die Rückkehr ihrer Angehörigen hoffen und später gegen die Propaganda kämpfen, stellt Wajda in den Vordergrund des Geschehens.

Denn als die Wehrmacht Anfang 1943 die Massengräber entdeckte, wies Stalin seine Verantwortung zurück und beschuldigte die "deutschen Faschisten", den Mord begangenen zu haben. Diese Geschichtsfälschung galt nach dem Kriegsende im ganzen sowjetisch kontrollierten Ostmitteleuropa. Die Schwester eines der Offiziere landet im Gefängnis, als sie eine Grabtafel mit richtigen Angaben über Katyn anfertigen ließ. Erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen 1989 hörte Katyn auf, ein Tabuthema zu sein.
Keine antirussische Tendenz

1990 räumte Moskau seine Schuld ein. Zwei Jahre später übergab Russlands Präsident Boris Jelzin an Polen die geheimen Unterlagen aus Moskauer Archiven. Nach wie vor weigert sich aber Russland, das Verbrechen als Völkermord anzuerkennen.

Trotz des tiefen persönlichen Traumas hütete sich Wajda, seinem Film eine antirussische Tendenz zu geben. Als ein Gegengewicht zu den kalten Geheimdienstmördern ergänzte er das Drehbuch um einen "guten Russen", der die Frau und Tochter von Andrzej vor der Verhaftung durch die sowjetische Geheimpolizei rettet.

Obwohl in "Katyn" vor allem die sowjetischen Verbrecher am Pranger stehen, bleibt die verbrecherische Besatzungspolitik der Nationalsozialisten nicht unerwähnt. Der Vater des Haupthelden, ein Professor der Jagiellonen-Universität in Krakau, wird von den Nationalsozialisten verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Seine Frau bekommt später nur noch eine Urne mit dem Totenschein.

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erstellt am 15.Sep.2009 | 04:35 Uhr

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