Streit um Landwirtschaft : Mobbing gegen Bauernkinder – besonders rauer Ton im Norden

„Deine Eltern sind Mörder!“ Mit Aussagen wie diesen werden Kinder von Landwirten an Schulen in Niedersachsen gemobbt. /Symbolbild

„Deine Eltern sind Mörder!“ Mit Aussagen wie diesen werden Kinder von Landwirten an Schulen in Niedersachsen gemobbt. /Symbolbild

Der festgefahrene Streit um richtige und falsche Landwirtschaft trifft mittlerweile den Nachwuchs der Bauern – sie werden in der Schule Opfer von Mobbing.

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14. Februar 2018, 15:51 Uhr

Tierquäler. Giftspritzer. Umweltverschmutzer. Begriffe, mit denen sich Landwirte in Deutschland immer wieder konfrontiert sehen. Doch nicht nur die Bauern selbst haben mit unsachlicher Kritik zu kämpfen. Auch deren Kinder leiden offenbar häufig unter Mobbing. „Uns schreiben junge Landwirte, dass sie gar nicht mehr in die Schule gehen mögen, weil sie dort lächerlich gemacht würden“, sagt Juliane Vees, Präsidentin des Landfrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern in Baden-Württemberg.

Der Landfrauenverband führt zurzeit eine bundesweite Umfrage zum Thema durch. Bisher hätten über 300 Menschen geantwortet. „Was wir bereits herauslesen konnten: Im Süden war der Ton nicht ganz so rau wie im Norden Deutschlands“, so Vees. So würden Landwirte berichten, dass ihre Kinder wegen der Behandlung durch Mitschüler die Schule gewechselt hätten oder in psychologischer Behandlung seien. Andere schreiben, dass Schule und Lehrer wegsehen würden – oder sogar selbst mobbten.

„Eine Mutter schrieb, dass ihre Tochter in der 7. Klasse von einem Lehrer vor den Mitschülern gemobbt und ausgelacht wurde“, sagt Vees. Die Schülerin wurde zum Einzelgänger, bekam Depressionen, musste in Therapie gehen und konnte zwei Jahre lang nicht die Schule besuchen. „Wenn man das liest, macht es einem sehr Angst“, so Vees, die selbst Landwirtin in Eutingen im Gäu ist und drei Kinder hat. Einer ihrer Söhne sei selbst bereits Opfer von Mobbing gewesen. Leider werde das Thema viel zu oft totgeschwiegen.

Ein flächendeckendes Problem in Niedersachsen

Juliane Vees betont, dass die Unfrage nicht repräsentativ sei. Doch Aussagen des niedersächsischen Kinderschutzbundes bestätigen die negative Entwicklung. „Immer mehr Bauernkinder werden gemobbt“, so deren Vorsitzender Johannes Schmidt gegenüber der „Nordwest Zeitung“ im April vergangenen Jahres. Er spricht von einem flächendeckenden Problem in Niedersachsen. „Viele Eltern wenden sich über Sorgentelefone verzweifelt an den Kinderschutzbund. Diese Angriffe auf Kinder sind einfach nur beschämend.“ In Schulen des Landes würde es immer wieder vorkommen, dass Zettel und Schilder herumgehen mit der Aufschrift: „Deine Eltern sind Mörder!“

Auch in Schleswig-Holstein werden Kinder von Landwirten zunehmend zur Zielscheibe in der Auseinandersetzung um die Landwirtschaft. So hatte Thomas Andresen (37) aus Lindewitt im Kreis Schleswig-Flensburg Anfang Januar ein Bild seines kleinen Jungen auf Facebook veröffentlicht: Darauf umarmt der Junge im Stall eine Kuh. „Es bricht einem fast das Herz, ich hatte Angst vor diesem Tag und dachte vielleicht kommt er auch nie“, schreibt Andresen im zugehörigen Text, wie sein Sohn im Kindergarten gehänselt worden sei. Er stinke nach Kuh, habe es geheißen. Der emotionale Beitrag des Vaters verbreitete sich schnell und wurde bis heute mehr als 20.000 Mal geteilt.

 

Beim Kinderschutzbund Schleswig-Holstein sind dagegen keine vergleichbaren Fälle bekannt. „Wir stehen im engen Austausch mit dem niedersächsen Landesverband und arbeiten auch mit der Landjugend in Schleswig-Holstein zusammen“, erklärt Geschäftsführerin Susanne Günther. Zusammen mit der Landjugend habe man auf die Berichte aus Niedersachsen reagiert und im vergangenen Herbst Schulungen zum Thema Mobbing in den einzelnen Kreisverbänden veranstaltet. Günther: „Für die Kinderpsyche sind die Folgen sehr schlimm. Die Betroffenen schämen sich, werden unsicher und ziehen sich aus der Klassengemeinschaft zurück.“

Anonyme Post

Einen neuen Höhepunkt hatte die Bauernkinder-Hetze für Landfrauenverbands-Präsidentin Juliane Vees mit einem Brief erreicht, der am 13. Februar ohne Absender, Poststempel Fockbek (Schleswig-Holstein), in ihrem Briefkasten und denen anderer Landwirte aus ihrer Umgebung lag. Darin werden zum Teil nachvollziehbare Argumente gegen Massentierhaltung, Pestizide und Monokulturen aufgelistet. Dann schließt der Brief mit der Frage: „Und so will Ihr Sohn als Erwachsener weitermachen?“ Die Einleitung spricht von „naiven“ Bauernkindern, die ahnungslos die Umwelt zerstören würden.

Ein Absender ist auf dem Brief nicht zu finden. Der Poststempel verrät, dass er aus Fockbek in Schleswig-Holstein abgesendet wurde.
Juliane Vees

Ein Absender ist auf dem Brief nicht zu finden. Der Poststempel verrät, dass er aus Fockbek in Schleswig-Holstein abgesendet wurde.

Der Brief schließt mit einem Link zur Webseite „Wir haben Agrarindustrie satt“, einem Interessenverband aus Umweltschützern und Landwirten, konventionellen wie ökologischen. Dort habe man durch den Brief erst durch shz.de-Nachfrage erfahren, so die stellvertretende Kampagnenleiterin Regine Holloh. „Natürlich distanzieren wir uns von jeglicher Diffamierung gegen Bäuerinnen und Bauern und auch von diesem Schreiben, das nicht von uns verfasst worden ist“, so Holloh. Den Betroffenen teilte der Verband mit, rechtliche Schritte gegen den anonymen Verfasser eingeleitet zu haben.

„Als wir das Schreiben im Briefkasten hatten, war ich erschrocken“, sagt Juliane Vees. „Ich dachte: An dem Punkt sind wir jetzt also, wo wir anonyme Briefe bekommen.“ Jeder könne sie gern anrufen, um auf sachlicher Ebene über Landwirtschaft zu diskutieren. „Aber der Absender ist offensichtlich nicht auf Dialog aus. Einen gemeinsamen Nenner mit so einer Person zu finden, erscheint mir so nicht mehr möglich.“

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