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"Kapitalismus: Eine Liebeserklärung" : Michael Moore rechnet mit dem Kapitalismus ab

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Der Provokateur vom Dienst legt seiner weltweiten Fangemeinde eine Art politisches Vermächtnis vor.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2009 | 03:47 Uhr

Der Provokateur vom Dienst legt seiner weltweiten Fangemeinde eine Art politisches Vermächtnis vor - der jüngste Film "Kapitalismus: Eine Liebeserklärung" des Arbeitersohns Michael Moore aus Flint in Michigan ist eine gnadenlos engagierte "Sicht von unten" aufs amerikanische Wirtschaftssystem in Zeiten tiefster Krise. Diese treibt Menschen massenweise in das Elend und macht die Reichen immer reicher. Seine bitterböse "Love Story" ist aber auch der kämpferische Aufruf zum Aufstand gegen "die da oben". Von den - auch nicht wenigen - Gegnern als Heuchler, Propagandist, Ärgernis oder Egomane verschrien, wirbt der bekannteste Doku-Filmer des Planeten für eine umgekrempelte Welt. Sein Motto: "Weg mit dem Kapitalismus, es lebe die Demokratie."
Riesenandrang beim Filmfestival in Venedig, viel Beifall auch in Toronto, und dazu ein Interview nach dem anderen: Gerade außerhalb der USA liegt man dem ebenso beliebten wie beleibten 55-Jährigen zu Füßen. Spätestens seit dem preisgekrönten "Bowling for Columbine" (2002) gegen den Wahnsinn der "Waffen-Kultur" in den USA ist Moore weltweit bekannt. Mit der zweistündigen aktuellen Bestandsaufnahme zum "Niedergang des Kapitalismus" feiert der Systemkritiker jetzt ein Jubiläum - vor 20 Jahren hatte er mit "Roger & Me" seinen Durchbruch.
"Ich habe meinen Teil getan, jetzt sollten andere fortfahren"
Im bewährten Moore-Strickmuster gehalten, also mit einem Drall hin zum Manipulativen, beginnt die "Liebesgeschichte" mit Bildern wilder Banküberfälle in den USA und fragt, ob nach dem Niedergang Roms vor langer Zeit nun Washington an der Reihe sei. Szenen verelendeter Ex- Hausbesitzer in der Immobilien-Krise, verarmte Flugzeugpiloten, die sich mit Blutspenden oder Essensmarken über Wasser halten, das ist eine Seite der Medaille in der Finanz- und Wirtschaftskrise. "Condo- Vultures", die etwa in Florida als Immobilien-Geier Geschäfte mit aufgegebenen Häusern machen, oder Firmen, die sich am Tod der Mitarbeiter durch Versicherungen bereichern, das sind dagegen die "Krisengewinnler".
Angefangen hat es vor 30 Jahren, als Ronald Reagan Präsident wurde und damit - laut Moore - die Wirtschaft das Land regierte. Denn davor liebten die Amerikaner schlichtweg ihr vielbeneidetes Konsumparadies. Heute schwingt in Washington Goldman Sachs das Zepter - wobei Moore den Banken-Einfluss selbst auf den von ihm so geschätzten Präsidenten Barack Obama befürchtet. "Die Vampire der Wall Street haben alles Geld aus uns gesogen", sagt er und fährt im Geldtransporter bei den Großbanken vor. Er will seine Kohle zurück. "Unsere Wirtschaft war auf Sand gebaut, wir zahlen die Zeche", meint der Mann, den die "New York Times" zu einem "anti-kulturellen Botschafter" der USA in der Welt erklärte, zur zeitgemäßen Version von Charlie Chaplins Helden.
Und weil auch Obamas Demokraten Handlanger bei der "Plünderung der Steuerzahler" sind, setzt Moore weniger auf den neuen US-Präsidenten selbst, sondern eher auf den "Obama-Effekt": Er wirbt beispielsweise für Betriebskooperativen, für Rebellion gegen Immobilien-Haie und für Bürgerbewegung. Er will eine soziale Demokratie, so wie sie weiland US-Präsident Franklin D. Roosevelt in Gang setzen wollte. Ansonsten ist der Filmemacher mit der Baseballkappe auch ein wenig müde, wie er am Lido zu verstehen gab: "Ich habe meinen Teil getan, jetzt sollten andere fortfahren." Womöglich wird Moore aber noch einen seiner famosen Filme drehen müssen, diesmal über Obama. Denn er traut dem Kongress nicht, und Goldman Sachs schon gar nicht. Vielleicht, so sinnierte Moore in Venedig, dreht er jetzt aber auch mal einen Spielfilm - dann natürlich vor sozialkritischem Hintergrund.

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