Serie „Männer und Frauen“ : Medizinerin über Vorurteile: Warum es beim Gehirn nicht auf die Größe ankommt

Männer können besser rechnen und Frauen sind eher sprachlich begabt? Diese Annahmen hängen eher mit der Kultur und der Erziehung zusammen, sagt die Gender-Wissenschaftlerin Margarethe Hochleitner.
Männer können besser rechnen und Frauen sind eher sprachlich begabt? Diese Annahmen hängen eher mit der Kultur und der Erziehung zusammen, sagt die Gender-Wissenschaftlerin Margarethe Hochleitner.

Von Medikamenten-Entwicklung bis zu Quoten: Margarethe Hochleitner spricht über die Gender-Problematik in der Medizin.

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27. September 2019, 11:11 Uhr

Innsbruck | Männer und Frauen unterscheiden sich in ihrer Anatomie. Das ist kein Geheimnis, sondern offensichtlich. Doch die Unterschiede sind nicht so groß, wie manch einer denkt: Die österreichische Gender-Medizinerin Margarethe Hochleitner räumt mit Vorurteilen auf und erklärt, wie einige Annahmen überhaupt erst entstanden sind.

In unserer Serie „Männer und Frauen“ werfen wir einen Blick auf Geschlechteridentitäten, Unterschiede und Gemeinsamkeiten.  Die Links zu den weiteren Folgen finden Sie am Ende des Artikels.

Frau Hochleitner, immer wieder wird über die Größe von Männer- und Frauengehirnen diskutiert. Gibt es wirklich Unterschiede in der Anatomie?

Es gibt diese schrecklichen Artikel von vor hundert Jahren, dass Frauen ein kleineres Hirn haben und deswegen beispielsweise nicht Medizin studieren durften. Das kann man heute gar nicht mehr schreiben. Aber leider hat sich die Meinung noch nicht überall geändert. Zum Glück hat die Hirnforschung viel für die Gender-Medizin gebracht. Inzwischen weiß man, dass die Gehirne sich nicht nur hinsichtlich der Größe unterscheiden, sondern auch der Aufbau etwas anders ist. Außerdem werden die Funktionen unterschiedlich stark beansprucht.

Jedoch ist wichtig zu betonen, dass sich Unterschiede wie „Männer können besser rechnen und parken“ und so weiter in keiner Weise bewahrheitet haben. Gender-Medizinerin Margarethe Hochleitner
 

Diese Annahmen hängen eher mit der Kultur und der Erziehung zusammen.

Es kommt beim Gehirn also nicht auf die Größe an?
Ganz sicher nicht. Es kommt immer darauf an, welche Bereiche im Hirn betrachtet werden. Und da arbeiten Männer- und Frauenhirne unterschiedlich und anders verknüpft.

Aber irgendworan muss es doch liegen, dass sich Frauen und Männer oft unterschiedlich verhalten, oder nicht? Beeinflussen da kleine Unterschiede in der Hirnstruktur männliches und weibliches Verhalten?
Nein, die Struktur hat darauf keine Auswirkungen. Es liegt fast ausschließlich an der Kultur und dem gesellschaftlichen Druck, also was gewünscht ist, warum sich Frauen und Männer oft unterschiedlich verhalten. Das ist Teil der Sozialisierung und sehr fatal. Frauen wurde beispielsweise immer eingeredet, dass sie musisch und sprachlich sehr begabt sind. Wenn dann in der Schule ein Schwerpunkt gewählt werden musste, wurden Frauen eher in diesen Bereich geschoben und Männer in den naturwissenschaftlichen. Da ist es ganz klar, dass Männer später eher in diesen Bereichen Begabungen zeigen, weil sie da auch intensiver gefördert wurden. Das hat dann nichts mit Können, sondern mit dem Schulsystem zu tun.


Die österreichische Gender-Medizinerin Margarethe Hochleitner kritisiert, dass die Medizin sich meist am Mann orientiert.

Die österreichische Gender-Medizinerin Margarethe Hochleitner kritisiert, dass die Medizin sich meist am Mann orientiert.

Wer ist Margarethe Hochleitner?

Margarethe Hochleitner ist seit 1984 Fachärztin für Innere Medizin. Ab 2004 übernahm die Professorin für Gender-Medizin und Diversität die Leitung der Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung an der Universitätsklinik Innsbruck. Außerdem ist sie dort seit 2008 Direktorin des Frauengesundheitszentrums. Im Laufe ihrer beruflichen Karriere wurde Hochleitner mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Gabriele-Possanner-Staatspreis – ein Wissenschaftspreis, der zur Förderung der Geschlechterforschung vergeben wird. 2013 wurde sie als „Woman Inspiring Europe“ ausgezeichnet. Gewürdigt wurden auch hier ihre Leistungen auf dem Gebiet der Gender-Medizin sowie beim Aufbau des Frauengesundheitszentrums an den Innsbrucker Universitätskliniken.

 


Sie sind seit vielen Jahren an der Universität Innsbruck tätig. Warum ist es auch in der Medizin wichtig, zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden?

Es sind zwei Aspekte. Der eine ist der sprachliche. Für mich gab es da ein Schlüsselerlebnis: Vom Ministerium war schon vorgegeben, dass Frauen sichtbarer gemacht werden sollen. In einer Kommission sagte dann einer der Teilnehmer: „Wir machen es so, wenn das erste Mal ,Patienten’ genannt wird, steht unten ein Sternchen mit der Anmerkung ,Bei allen männlichen Namen sind auch die Frauen gemeint‘.“ Das kam für mich nicht infrage, also hatte ich einen Gegenvorschlag: „Wir schreiben alles in der weiblichen Form, machen beim ersten Mal ein Sternchen und schreiben unten ,Bei allen weiblichen Namen sind auch die Männer gemeint‘.“ Außer mir waren da nur 20 Männer in dieser Kommission. Die sind in eine richtige Schockstarre gefallen. Da war für mich klar, dass es wichtig ist, darauf zu achten.

Hintergrund: Meilensteine der Gleichberechtigung

Welchen weiteren Aspekt gibt es außerdem?
Der zweite ist durchaus dramatischer. Jeder muss wohl zugeben, dass sich Menschen in den Geschlechtern unterscheiden. Wenn das nicht zur Kenntnis genommen wird, geht es hauptsächlich zu Ungunsten der Frauen.

Die Schulmedizin wurde von Männern für Männer gemacht und auch nur an ihnen getestet. Ob die Tests bei Frauen die gleichen Ergebnisse erzielen, wurde fast nie getestet. Beispielsweise bei Medikamenten. Gender-Medizinerin Margarethe Hochleitner
 

Wie kann man sich das genau vorstellen?
Mittlerweile ist bei Medikamenten-Tests vorgeschrieben, dass auch geschaut wird, ob für Frauen möglicherweise Probleme auftreten. Aber es gibt noch zwei Punkte, die in der Hinsicht fehlen. Die Medikamentenentwicklung beginnt in der Grundlagenforschung, die meist mit männlichen Mäusen oder welchen, wo das Geschlecht nicht definiert ist, durchgeführt wird. Alle Substanzen, die bei diesen Mäusen nicht wirken, werden auch nicht weiterverfolgt. Das heißt, alle Medikamente, die eventuell oder hauptsächlich bei Frauen wirken könnten, kommen gar nicht erst in die klinische Forschung. Und erst in diesem Schritt gibt es die Vorschrift, dass Männer und Frauen separat getestet werden müssen.

Was für Gender-Unterschiede müssten in der gerade angesprochenen Medikamenten-Entwicklung denn noch beachtet werden?
Viele Frauen merken bei Medikamenten, beispielsweise bei Magentabletten, dass sie während des Zyklus andere Mengen benötigen. Sie haben das Gefühl, dass beim Eisprung auch die Hälfte der Dosis reichen würde. Man weiß, dass der Hormonspiegel eine Rolle spielt, aber trotzdem gibt es da keine unterschiedlichen Verschreibungen. In der Hinsicht fehlen Gender-Richtlinien für die Therapie in der Schulmedizin.

Wenn die gesamte Familien-Organisation an einer Person hängt, wird das heute gern als „Mental Load“ bezeichnet. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, da war das eigentlich klar, dass meist die Mutter zu Hause bleibt und sich um die Familie kümmert, während der Vater das Geld ranschafft. Warum hat sich daran bis heute nicht wirklich viel verändert?
Wir sehen immer, dass der soziale Druck die Hauptursache dafür ist. Früher gab es beispielsweise an der Uni ein Problem, die Familie und Kinder mit der Arbeit zu vereinbaren. Am Anfang war es beispielsweise noch oft ein Problem für einen Mann, in Elternzeit zu gehen. Zum einen hat es der Chef oft nicht erlaubt, aber auch die Kollegen haben einen Mann dann schief angeschaut. Es gibt heutzutage schon etwas Besserung: Inzwischen ist es bei einem Großteil der jungen Ärzte normal, dass sie in Elternzeit gehen, oder sie sagen, dass sie an bestimmten Tagen in der Woche am Abend die Kinder übernehmen.

Also hat der soziale Druck schon etwas abgenommen?

Leider nicht überall. Häufig hören Frauen von ihren eigenen Müttern: „Ich habe mir auch die Zeit für euch genommen. Was wäre sonst aus euch geworden, wenn ich so egoistisch gewesen wäre?!“ Außerdem ist das Umfeld sehr kritisch. Dort fallen dann Sätze wie „Diese Rabenmutter. Gibt das Kind in den Kindergarten und geht den ganzen Tag arbeiten“. Bei uns im Uni-Kindergarten ist das nicht anders. Auch eine meiner Mitarbeiterinnen durfte sich da schon etwas anhören, weil sie ,so viel’ arbeiten würde. Und sie arbeitet 50 Prozent, also Teilzeit. Die Möglichkeit für Frauen, für die Kindererziehung zeitweise aus dem Beruf auszusteigen, ist auch immer noch größer als für Männer, weswegen dieses Bild in der Gesellschaft auch noch so verankert ist.

In dem Zusammenhang habe ich aber schon oft das Argument gehört: „Frauen können einfach viel besser mit Kindern umgehen.“ Könnte man das damit erklären, dass sie dafür oder auch für andere Dinge genetisch besser geeignet sind als Männer?
Ich glaube nicht, dass am X- oder Y-Chromosom irgendwelche Fähigkeiten bezüglich Lebensführung verortet sind. Deswegen würde ich sagen: nein.

Sind Frauen generell emotionaler als Männer?
Auch das nicht. Sie sind von klein auf allerdings darauf trainiert, geliebt werden zu müssen. Als Beispiel: Ich berate als Gleichstellungsbeauftragte Männer und Frauen. Wenn um Ausbildungsstellen gekämpft wurde und ich dann sagte, dass das mit dem Platz an einer Klinik so nicht klappt und andere Wege gegangen werden müssten, kam von den Frauen: „Ja, wenn die mich nicht wollen, dann will ich da auch nicht hingehen.“ Es gab keinen einzigen Mann, der so was sagte. Die wollen den Posten. Frauen erwarten den Posten und wollen auch „geliebt“ werden am Arbeitsplatz. Das ist ein Luxus, der nett wäre, aber nicht immer geboten wird.

Weibliches Verhalten wird oft auf den Zyklus geschoben. Sätze wie „Was ist denn mit der los, hat die ihre Tage?“ hören wir nicht selten. Hat der weibliche Zyklus Auswirkungen auf die Arbeitsleistung?
Das kann man generell nicht so sagen. Manche Frauen reagieren anfälliger auf Hormonschwankungen als andere, und bei einigen gehen diese auch auf die Psyche. Männer haben da stabilere Hormonspiegel. Allerdings wäre die einfachste Lösung, dass der weibliche Zyklus als Normalität angesehen wird und nicht immer zu betonen, dass da gerade hormonell etwas anders ist. Ob jetzt etwas besser oder schlechter gemacht wird, kann man ohnehin nicht verallgemeinernd sagen.

Gerade über Männer und Frauen gibt es zig Vorurteile, die immer wieder auf den Tisch kommen. Gibt es, wissenschaftlich gesehen, Vorurteile, die Sie gerne aus der Welt geschafft hätten?
Ganz klar der Mythos, dass Männer ihre Sexualität nicht steuern können und „hilflos“ ihren Hormonschüben ausgesetzt werden. Das sind oft immer noch Argumente in Gerichtsverfahren, wenn es um sexuelle Gewalt geht, die ich mehr als bedauerlich finde. Das sollte endgültig gestrichen werden. Auch, dass Männer generell genialer sind, ist Quatsch. Es wird immer noch gesagt, was für wunderbare Maler und Dichter es im 14. Jahrhundert gegeben hat – unter den Bedingungen sollte man die Leistungen der paar Frauen, die es zu der Zeit geschafft haben, viel mehr in den Vordergrund stellen.

Und gibt es allgemein gesehen ein Geschlechterdenken, das Sie für veraltet halten?
Was ich immer komisch finde, ist, dass beispielsweise bei Paaren immer der Mann mit dem Auto fährt. Oder auch, wenn einer der beiden nicht trinkt an einem geselligen Abend, ist es fast immer die Frau, weil „einer muss ja heimfahren“. Der Mann ist dann selten derjenige, der verzichtet. Dann darf auch die Frau mal fahren. Dieses Bild ändert sich aber langsam, habe ich das Gefühl. Das Auto verliert an Potenzbedeutung.

Zu guter Letzt noch eine Frage zu Ihnen selbst: Sie sind Leiterin der Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung. Warum braucht es Menschen, die sich dafür einsetzen?
Ganz einfache Erklärung:

Als wir damit vor 25 Jahren begonnen haben, gab es an meiner Fakultät null Prozent Professorinnen und 17 Kliniken, die noch nie eine Frau auf eine wissenschaftliche Stelle angestellt hatten. Gender-Medizinerin Margarethe Hochleitner
 

Zur Klarstellung: Auch damals war es nicht verboten, Frauen anzustellen. Jetzt haben wir Quoten. Manche finden die schlecht, ich nicht, weil man gesehen hat, was man ohne Quoten gehabt hat. Es ist jetzt nicht großartig, aber in vielen Bereichen haben wir die 50 Prozent beim Frauenanteil erreicht. Bei den Professorinnen sind wir mittlerweile bei 25 Prozent, was nicht rasend gut ist, aber besser als nichts. Immer, wenn die Diskussion darum wieder aufkam, hab ich gesagt: Sie sollen mal ins Telefonbuch unserer Uni schauen, dann wissen sie, warum wir es brauchen. Ich glaube nicht, dass Männer gescheiter und fleißiger und besser sind als Frauen. Es gibt dafür keine Argumente.


Die Serie „Männer und Frauen“ im Überblick:

Wie ich Mitglied im Klub der Super-Mütter wurde

Autorin Sophie Passmann über alte weiße Männer und rosa Überraschungseier

Divers als Geschlecht: „Ich hatte es relativ gut, an mir hat keiner herumgeschnippelt“

Wie ein Transmann seine Brüste verliert

Klischees beim Autohandel: Worauf Männer und Frauen beim Autokauf Wert legen

Warum sind Trauerbegleiter meist weiblich?

Aktien: Zurückhaltung schwächt Frauen auch im Alter

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