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Erstes Todesopfer : Masern-Welle in Berlin: Kleinkind gestorben

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574 Masernfälle seit Oktober: Jetzt gibt es ein erstes Todesopfer. Trotzdem soll es vorerst keine Impfpflicht geben.

Berlin | In Berlin ist ein Kleinkind an Masern gestorben. Das Kind im Alter von anderthalb Jahren sei am 18. Februar in einem Krankenhaus der Infektionskrankheit erlegen, sagte Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Montag. Wie es sich angesteckt hat, ist noch unklar. Das Kind war nicht gegen Masern geimpft.

In Berlin grassiert seit Oktober eine Masern-Welle. Von Ausbruchsbeginn bis zum 23. Februar wurden 574 Masern-Fälle in der Hauptstadt gemeldet -rund 90 Prozent aller Erkrankten waren nicht geimpft. Demnach ist dies der größte Masern-Ausbruch in Berlin seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001. Nach Angaben der Bildungsverwaltung wurden seitdem ungeimpfte Lehrer aus dem Dienst genommen. Behörden nehmen an, dass der Ausbruch unter Asylbewerbern aus Bosnien, Herzegowina und Serbien seinen Anfang nahm. Dort sei in den Wirren des Bürgerkriegs der 1990er Jahre nicht mehr routiniert geimpft worden.

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Die Infektion ist hochansteckend und schwächt das Immunsystem. Folgen können zum Beispiel Gehirnentzündungen sein - manchmal mit lebenslangen Schäden wie geistigen Behinderungen. Laut Statistik sterben zwei von 1000 Patienten an den Folgen einer Masern-Infektion.

Eine Sekundarschule in Berlin-Lichtenrade blieb am Montag vorsorglich geschlossen. Grund für die Schließung sei ein schwerwiegender Verlauf der Infektionskrankheit bei einem Jugendlichen, sagte eine Sprecherin des Berliner Senats. Sie bestätigte damit Medienberichte. Der Schulleiter habe am Freitag von dem Fall erfahren und erst am Montag mit dem Gesundheitsamt Rücksprache halten können. Mitschüler und Lehrer des Jugendlichen müssten nun Impfbücher vorlegen. Am Dienstag soll die Schule den Angaben zufolge wieder öffnen.

In Schleswig-Holstein liegt die Zahl der Neuansteckungen für 2015 noch im einstelligen Bereich. Das Robert-Koch-Institut listet in seinem wöchentlichen „Epidemiologischen Bulletin“ vom 2. Februar einen Fall auf, in anderen Quellen ist von neun die Rede.  Für 2014 wurden im nördlichsten Bundesland insgesamt 41 Erkrankungen registriert.

Trotz des jüngsten Masernausbruchs steht für das Bundesgesundheitsministerium eine Impfpflicht vorerst nicht zur Debatte. Zwar nehme man die aktuelle Lage sehr ernst, sagte eine Ministeriumssprecherin am Montag in Berlin. „Aber wir setzen jetzt erst mal auf eine Impfberatung vor Kita-Eintritt und die Überprüfung des Impfschutzes bei Gesundheitsberatungen.“ Sollte das nicht helfen, werde man über Maßnahmen sprechen müssen. Wie diese aussehen könnten, müsse dann noch mal gesondert geprüft werden.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte am Wochenende Impfgegner angegriffen und dringend dazu geraten, den Impfstatus überprüfen zu lassen und die empfohlenen Impfungen nachzuholen. „Die irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner ist verantwortungslos“, sagte der Minister der „Welt am Sonntag“. Wer seinem Kind den Impfschutz verweigere, gefährde nicht nur das eigene Kind, sondern auch andere. Gröhe fügte hinzu: „Es geht auch darum, manchem Ammenmärchen und mancher Panikmache von Impfgegnern entgegenzutreten.“ Die Masern-Impfung sei nach Ansicht aller internationaler Experten sicher. Das minimale Restrisiko durch Nebenwirkungen sei um ein Vielfaches geringer als die zum Teil dramatischen und lebensbedrohlichen Risiken einer Masernerkrankung.

Die Bundesregierung plant ein Präventionsgesetz, wonach Eltern künftig vor einer Kita-Aufnahme ihrer Kinder eine ärztliche Impfberatung nachweisen müssen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagte der Zeitung, wenn die Impfbereitschaft nicht steige, „muss eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein“. „Die Impflücken in Deutschland sind viel zu groß, die Schutzlücken sind inakzeptabel“, sagte Gröhe am Montag bei einem Besuch des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg. Ginge es nach der Bundesregierung, dürfte es bundesweit in diesem Jahr maximal rund 80 Masern-Erkrankungen geben. Denn Deutschland hat sich bei der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, die Infektionskrankheit bis 2015 auszurotten.

Als „Katastrophe aus medizinischer Sicht“ bezeichnete der Berliner Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, den Ausbruch in der Hauptstadt. Kleine Kinder unter einem Jahr seien besonders gefährdet: „Diese Gruppe kann man nur schützen, wenn das Umfeld geimpft ist.“ Sind Mütter von Kleinkindern nicht geimpft oder verfügen sie nur über wenige Antikörper, die sie etwa beim Stillen weitergeben, greift der sogenannte Nestschutz nicht. Unter elf Monaten sollen Kleinkinder nicht gegen Masern geimpft werden.

Grüne und Linke protestierten: „Ein Zwang zur Impfung geht zu weit“, sagte Katja Dörner, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. „Impfskeptiker bringt man nicht durch Zwang zum Umdenken, sondern durch umfassende, unabhängige Beratung“, sagte die Grünenpolitikerin der „Welt“ (Montag). Auch der Gesundheitsexperte der Linksfraktion, Harald Weinberg, sprach sich gegen einen Impfzwang aus. Das Selbstbestimmungsrecht der Eltern müsse weiter gelten, sagte Weinberg der „Saarbrücker Zeitung“ (Montag).

Kinderärzte halten eine Impfpflicht für unrealistisch. „Eine generelle Impfpflicht wird sich wegen der Widerstände in der Bevölkerung nicht durchsetzen lassen“, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, der „Welt“. Allerdings sollten alle Kinder beim Start in eine überwiegend staatlich finanzierte Kita oder Schule einen Impfnachweis vorweisen müssen.

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erstellt am 23.Feb.2015 | 13:40 Uhr

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