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Nach Todesfall in Berlin : Masern, Angst und Impfung: Das müssen Sie wissen

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In Berlin starb ein kleiner Junge an Masern, auch in SH gab es im vergangenen Jahr mehr Fälle. Fragen und Antworten zum Virus.

Masern - das ist doch eine harmlose Kinderkrankheit, oder?

Nein. Nach den letzten bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf vorliegenden Meldungen starben 2013 mindestens 145.700 Menschen an der Infektionskrankheit, größtenteils Kinder unter fünf Jahren. Das sind rund 400 Masern-Todesfälle pro Tag - oder 16 in jeder Stunde. In Berlin starb am Montag ein eineinhalbjähriger Junge in der Charité an Masern.

Was sind die Symptome und warum sind Masern so gefährlich?

Ausschlag und Fieber - das sind die typischen Symptome. Laut Statistik sterben zwei von 1000 Patienten an den Folgen einer Masern-Infektion. Masern schwächen das Immunsystem und können bei Komplikationen zu schweren Infektionen führen - in fünf bis 15 Prozent der Fälle laut Statistik zu einer Mittelohrentzündung oder einer Lungenentzündung. Am gefährlichsten ist eine Gehirnentzündung, die auch als Spätfolge im Erwachsenenalter auftreten kann.

Wo ist das Problem am größten?

Wie bei fast allen Infektionskrankheiten, die eigentlich vermeidbar wären, in den ärmsten Ländern der Welt. Besonders stark sind fast alle Länder Afrikas südlich der Sahara betroffen, aber auch Indien und Pakistan.

Und Impfen hilft?

Das belegt die WHO mit Studien: Demnach verhinderte die Masern-Impfung zwischen 2000 und 2013 weltweit 15,6 Millionen Todesfälle.

Was ist in Berlin eigentlich los?

In der Hauptstadt grassiert zurzeit die schlimmste Masern-Welle seit Einführung der Meldepflicht. Es begann im Oktober:  Von Beginn des Ausbruchs bis zum 23. Februar wurden dem Landesamt für Gesundheit und Soziales 574 Fälle gemeldet. Das Kleinkind, das am 18. Februar an Masern starb, war nicht gegen die Viruserkrankung geimpft. Wie sich der Junge in Berlin angesteckt hat, war zunächst nicht bekannt. „Das Kind war geimpft, aber nicht gegen Masern“, sagt Mario Czaja, Senator für Gesundheit und Soziales. Es hatte demnach keine chronischen Vorerkrankungen.

In der Kindertagesstätte des Jungen seien alle „notwendigen Maßnahmen“ eingeleitet worden: In solchen Fällen würden Kontaktpersonen und deren Impfstatus geprüft, sagte eine Sprecherin Czajas. Die Informationen zu dem Fall bezog die Senatsverwaltung nach eigenen Angaben vom Landesamt für Gesundheit und Soziales und vom Gesundheitsamt Reinickendorf.

Warum kommt es gerade in Berlin immer wieder zu Masern-Ausbrüchen?

Mehr als 90 Prozent der Berliner Kinder wurden laut Gesundheitssenator Czaja bei der Einschulung geimpft. Große Lücken gebe es aber bei Erwachsenen - vor allem denjenigen, die nach 1970 geboren wurden.

Bei Schülern seien die Impfraten in Berlin nicht schlechter als anderswo, sagt die amtierende Leiterin des Fachbereichs Impfprävention am Robert Koch-Institut, Anette Siedler. Allerdings bestehe bei der zweiten Masern-Impfung noch Nachholbedarf. Ausbrüche in Berlin sieht sie weniger in Zusammenhang mit Impfverweigerern: Die Großstadt mit ihren Großveranstaltungen und dem Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum biete der Krankheit eher einen Nährboden.

Sind Asylbewerber schuld an der Masern-Welle?

Nein. Seit Oktober nehmen die Masern-Infektionen in Berlin zu. Am Anfang erkrankten vor allem Asylbewerber aus Bosnien und Herzegowina oder Serbein an Masern - in ihren Heimatländern herrschte vor Monaten eine Masern-Epidemie, die Impfrate dort ist gering. Inzwischen tauchen neue Infektionen aber vor allem in der übrigen Bevölkerung Berlins auf, berichtet Zeit Online. Wenn genug Berliner geimpft wären, könnten sich die Viren nicht ausbreiten. In einer globalisierten Welt können schließlich auch Geschäfts- und Urlaubsreisende Krankheiten einschleppen.

Wie ist die Lage in Schleswig-Holstein?

Auch Schleswig-Holstein meldete im vergangenen Jahr zwölf Fälle von Masern - und zwar im Kreis Segeberg. Alle Betroffenen waren zwischen 18 und 49 Jahre alt. Als Grund nannte das Robert-Koch-Institut im Mai 2014 Impfmüdigkeit. Gegen Masern sind nach Informationen der Techniker-Krankenkasse in Schleswig-Holstein 95,8 Prozent der Kinder geimpft, im Bundesdurchschnitt sind es 96,7 Prozent.

Wie ist die Lage in Europa?

Angespannt. Mehr als 22.000 Menschen in sieben Ländern haben sich seit Januar 2014 in Europa mit Masern angesteckt. Das bedrohe das Ziel, die Krankheit auf dem Kontinent bis Ende dieses Jahres auszurotten, warnte das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch in Kopenhagen. „Obwohl die Masern-Fälle von 2013 auf 2014 um 50 Prozent gesunken sind, gibt es immer noch große Ausbrüche.“

Mit knapp 7500 gab es die meisten registrierten Masern-Erkrankungen seit Januar 2014 in Kirgistan. Aus Bosnien und Herzegowina seien 5340 Fälle gemeldet worden, aus Russland und Georgien jeweils knapp 3300.

In Italien steckten sich seit Anfang vergangenen Jahres knapp 1700 Menschen an. In Kasachstan wurden knapp 540 Erkrankungen erfasst.

Mehrere europäische Länder - darunter Bulgarien, Estland, Finnland

und Serbien - kämpfen bereits mit einer Impfpflicht gegen Masern, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. In Kroatien und Serbien gibt es allerdings starke Widerstände gegen den dort bestehenden Impfzwang. Serbiens Gesundheitsminister Zlatibor Loncar warnte vor der längst medizinisch widerlegten Behauptung, Impfungen könnten zu Autismus führen. „Die Kampagne ist mächtig, es gibt eine Lobby in Serbien, die die Gesetze ändern will.“ In vielen anderen Staaten ist die Impfung freiwillig.

Kommt jetzt die Impfpflicht?

Darüber wird gerade diskutiert. Die Bundesregierung setzt trotz des Massenausbruchs vorerst auf Beratung. Die Impflücke müsse durch eine gemeinsame Kraftanstrengung von Ärzten, Kitas, Schulen und allen anderen Verantwortlichen geschlossen werden, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Wenn das nicht gelingt, ist eine Impfpflicht kein Tabu, aber sie steht jetzt nicht an.“

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, spricht sich für eine Impfpflicht gegen Masern aus. Gerade für Kinder könne die Krankheit tödlich sein, sagte er im Inforadio des RBB. Eine Impfung habe praktisch keine Risiken oder Nebenwirkungen.

Sind alle Politiker für eine Impfpflicht?

Nein, die Grünen sind strikt dagegen, Impfgegnern mit einer gesetzlichen Verpflichtung zu drohen. „Impfskeptiker bringt man nicht durch Zwang zum Umdenken, sondern durch umfassende, unabhängige Beratung“, sagte Katja Dörner, stellvertrende Fraktionschefin der Grünen im Bundestag,  Welt Online. Auch aus verfassungsrechtlichen Gründen wäre eine Impfpflicht problematisch. „Es gilt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Und eine Masernimpfung bietet zwar auf der einen Seite Schutz, birgt aber auf der anderen Seite auch Risiken durch Nebenwirkungen.“

In den USA galten die Masern als ausgerottet, jetzt grassiert die Krankheit auch dort. Was ist passiert?

Alles begann im „Disneyland“: Jemand habe dort vermutlich aus Übersee im Dezember die Masern eingeschleppt, sagt die US-Gesundheitsbehörde CDC. Insgesamt 118 Masern-Fälle gab es infolge dieser Infektion seitdem bislang. Zwei weitere Masern-Ausbrüche verursachten mehr als 30 weitere Ansteckungen. Insgesamt sind 17 Bundesstaaten betroffen. Bereits im vergangenen Jahr gab es der CDC zufolge 644 Masern-Fälle - so viele wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr, als die Krankheit in den USA eigentlich für ausgerottet erklärt worden war.

Die neuen Ausbrüche haben auch in den USA die Debatte über eine Impfpflicht wieder aufflammen lassen. Die meisten Schulen schreiben die Impfung bereits jetzt vor. Die meisten Bundesstaaten lassen allerdings Ausnahmen aus religiösen oder moralischen Gründen zu.

Zehntausende Eltern haben nach Angaben des CDC von diesen Ausnahmeregelungen Gebrauch gemacht und ihre Kinder nicht impfen lassen - meist entweder aus Argwohn gegen die Regierung oder gegen die Pharmaindustrie oder aus religiösen oder moralischen Gründen.

Insgesamt sind nach Schätzungen von Ärzten rund ein Zehntel der Kinder in den USA nicht ausreichend geschützt. In den Medien und sozialen Netzwerken wird das Thema Masernimpfung scharf diskutiert. Die US-Regierung ist bislang nicht für eine Impfpflicht, hat aber klar und deutlich mitgeteilt: „Eltern im ganzen Land haben die Verantwortung, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen.

Könnten Masern überhaupt ausgerottet werden?

Ja, wenn sich mindestens 95 Prozent der gesamten Bevölkerung impfen lassen. Der Guardian hat dazu kürzlich eine interaktive Grafik veröffentlicht.

Was sagen Impfgegner - und sind ihre Sorgen begründet?

Manche Eltern machen sich Sorgen: Sind Impfungen gefährlich? Wirken Sie überhaupt? Ist es nicht beser und „normaler“, die Kinderkrankheiten durchzustehen? Das Robert-Koch-Institut antwortet auf seiner Webseite sehr ausführlich auf die häufigsten Fragen. Hier ein paar Antworten in Kürze:

  • Viele Studien sprechen laut RKI gegen einen Zusammenhang zwischen Imfpungen und Krankheiten wie Autismus, Diabetes oder Multiple Sklerose.
  • In Deutschland erhält ein Impfstoff nur dann eine Zulassung, wenn nachgewiesen ist, dass er auch wirksam ist. Auf EU-Ebene liegt die Verantwortung bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, in Deutschland beim Paul-Ehrich-Institut.
  • Kinder können durch Infektionen in ihrer Entwicklung erheblich gestört werden - gesundheitliche Komplikationen und sogar der Tod können die Folge sein.  Umgekehrt stellt die Impfung aut RKI für das Abwehrsystem „einen Stimulus dar und trainiert das Immunsystem“. Geimpfte Kinder haben also genauso starke Abwehrkräfte wie nicht geimpfte.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe betont im Zusammenhang mit der aktuellen Masern-Welle: „Es geht auch darum, manchem Ammenmärchen und mancher Panikmache von Impfgegnern entgegenzutreten.“ Die Masern-Impfung sei nach Ansicht internationaler Experten sicher. Das minimale Restrisiko durch Nebenwirkungen sei um ein Vielfaches geringer als die zum Teil dramatischen und lebensbedrohlichen Risiken einer Masern-Erkrankung.

Manche Eltern finden auch, dass es für ihr Kind reicht, wenn alle anderen geimpft sind. Wer sein eigenes Kind nicht impfen lasse, gefährde auch den Gruppenschutz in Kita oder Schule, verhalte sich also auch anderen Kindern gegenüber verantwortungslos, sagte Gröhe.

Aber es gibt doch auch Ärzte, die vom Impfen abraten?

Laut Robert-Koch-Institut haben manche Ärzte eine kritische Haltung gegenüber einzelnen Impfungen, die meisten seien aber dafür. Auch eine alternativmedizinische Ausrichtung müsse der Impf-Idee aber nicht wiedersprechen. Masern, Tetanus, Diphterie und Polio werden von homöopathisch unorientierten Ärzten laut einer Studie fast genauso oft verabreicht wie von Schulmedizinern.

Was sind die Nebenwirkungen der Masern-Impfung?

Nach der Impfung können Nebenwirkungen auftreten: Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle, auch Fieberkrämpfe. Das RKI hat Studien zu Nebenwirkungen ins Netz gestellt.

Übernehmen die Krankenkassen die Impfung?

Teilweise, nämlich für Patienten, die nach 1970 geboren wurden. Experten fordern nun, dass die Krankenkassen auch die Kosten der Impfung auch für alle anderen übernehmen sollen - so zum Beispiel der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz.

Woher weiß ich, ob mein Impfschutz ausreicht?

Nur wer zweimal geimpft wurde, ist gegen das Virus immun. Das wird im Impfbuch vermerkt. Ob man gegen Masern geimpft ist, lässt sich auch mit einem Bluttest überprüfen. Allerdings sollten sich Patienten besser nicht darauf verlassen. Denn nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind fehlerhafte Laborbefunde, die fälschlicherweise einen ausreichenden Schutz attestieren, dabei nicht ausgeschlossen. Die sogenannte Titertestung, bei der das Blut auf Masern-Antikörper untersucht wird, hält das RKI daher nicht für sinnvoll. Besser sei es, sich im Zweifel erneut impfen zu lassen, denn man könne nicht „überimpfen“. Blutabnehmen sei dagegen gerade für Kinder häufig eine Belastung.

Ich hatte als Kind Masern. Muss ich mich impfen lassen?

Nein. Wer als Kind an Masern erkrankt ist, bleibt lebenslang immun.

 
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erstellt am 24.Feb.2015 | 13:50 Uhr

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