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Wirbel um Xavier-Naidoo-Lied : „Marionetten“ – Mannheim lädt Söhne Mannheims zum klärenden Gespräch

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Geht die Popgruppe um Xavier Naidoo mit ihrem neuen Lied zu weit? Mannheim ließ seine Söhne zum Krisentreffen antreten.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2017 | 08:10 Uhr

Mannheim | Im Streit um massive Kritik an Politikern in einem Lied wollen die Popgruppe Söhne Mannheims und die Stadt Mannheim am Dienstag über das Ergebnis eines Krisentreffen informieren. Beide Seiten hatten am Montagabend bei einem mehr als dreistündigen Gespräch im Technischen Rathaus ihre Standpunkte dargelegt. Ein Mitarbeiter von Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) sprach von einem „intensiven Austausch“ im sogenannten Collini-Center am Neckar-Ufer. Kurz hatte von der Gruppe Aufklärung über „antistaatliche Aussagen“ gefordert.

Kritiker geißeln das umstrittene Lied „Marionetten“ als mindestens rechtspopulistisch. Die Gruppe hatte die schweren Anschuldigungen zurückgewiesen. Band-Kopf Xavier Naidoo steht seit Jahren in der Kritik, nachdem er wiederholt Verschwörungstheorien verbreitet hat. Zuletzt hatte Jan Böhmermann Naidoos Hang zu populistischen Aussagen aufs Korn genommen.

Naidoo nahm als eines von mehreren Bandmitgliedern am Gespräch teil. Er ist Mit-Autor des umstrittenen Lieds „Marionetten“, in dem es über Politiker unter anderem heißt: „Teile eures Volks nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter.“ Der Song hat den Söhnen Mannheims („Geh' davon aus“) weitreichende Missbilligung eingebracht.

Das ist der Songtext von „Marionetten“

Wie lange wollt Ihr noch Marionetten sein
Seht Ihr nicht, Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt Ihr nicht, Ihr steht bald ganz allein
Für Eure Puppenspieler seid Ihr nur Sachverwalter

Weil Ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten
Und weil Ihr Euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten
Weil Ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Müssen wir einschreiten
Und weil Ihr Euch an Unschuldigen vergeht
Müssen wir unsere Schutzschirme ausbreiten

Wie lange wollt Ihr noch Marionetten sein
Seht Ihr nicht, Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt Ihr nicht, Ihr steht bald ganz allein
Für Eure Puppenspieler seid Ihr nur Sachverwalter

Aufgereiht zum scheitern wie Perlen an einer Perlenkette
Geht eine Matruschka weiter, ein Kampf um Eure Ehrenrettung
Ihr seid blind für Nylonfäden an Euren Gliedern und
Hat man Euch im Bundestag, Ihr zittert wie Eure Gliedmassen
Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter
Teile Eures Volks- nennt Euch schon Hoch, beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn Ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass Ihr Einsichtig seid
Mit dem Zweiten sieht man besser

Wir steigen Euch auf’s Dach und verändern Radiowellen
Wenn Ihr die Tür nicht aufmacht, öffnet sich plötzlich ein Warnung durch’s Fenster
Vom Stadium zum Zentrum einer Wahrheitsbewegung
Im Name des Zetters erstrahlt die Neonreklame im Regen
Zusammen mit den Söhnen werde ich Farbe bekennen
Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheater
Ihr wandelt an Fäden wie Marionetten
Bis wir Euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylon’s trennen!

Ihr seid so langsam und träge
Es ist entsetzlich
Denkt, Ihr wisst alles besser
Und besser geht’s nicht, schätz ich
Doch wir denken für Euch mit und lieben Euch als Menschen
Als Volks-in-die-Fresse-Treter, stößt Ihr an Eure Grenzen
Und etwas namens Pizza gibt’s ja noch auf der Rechnung
Bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Und wenn ich nur einen in die Finger krieg
Dann zerreiss ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen

Wie lange wollt Ihr noch Marionetten sein
Seht Ihr nicht, Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt Ihr nicht, Ihr steht bald ganz allein
Für Eure Puppenspieler seid Ihr nur Sachverwalter

 

Auf Facebook veröffentlichte der Musiker am Donnerstagmorgen ein Statement zu dem Song. Es handele sich „um eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen, also um die Beobachtung bestimmter Stimmungen, Auffassungen und Entwicklungen“. Diese Beschreibung sei „bewusst überzeichnet“. „Das mag missverständlich gewesen sein“, räumte Naidoo ein.

Der 45-jährige Musiker betont in dem Statement, er selbst und die Band Söhne Mannheims stünden „für eine offene, freiheitliche, liberale und demokratische Gesellschaft, in der viele Kulturen gemeinsam zusammenleben und in der es allen Menschen möglichst gut geht“. Dies sei ihm wichtig und dafür lohne es sich, einzustehen. Allerdings hätten momentan „viele Menschen zumindest das Gefühl“, dass „sie nicht mehr ,mitgenommen' werden von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik“. Das sei gefährlich und könne zu Extremismus führen, der nie gut sei.

Die Gruppe teilte nach dem Krisentreffen mit, sie seien „traurig über die entstandenen Irritationen“. „Wir verurteilen insbesondere die Vereinnahmung unserer Musik durch Feinde der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit und bekräftigen die Freiheit der Kunst und Meinungsäußerung“, betonte die Gruppe am Dienstag in einem eigenen Statement. Auf ihrer derzeit laufenden Tournee spielt die Band das umstrittene Lied nicht. Als Grund nennt sie „musikalische Motive“.

Die Stadt Mannheim begrüßte die Erklärung der Gruppe. „Sie verdeutlicht, dass die Söhne der Inanspruchnahme durch demokratiefeindliche Rechtspopulisten widersprechen und sich zum Grundgesetz (...) bekennen“, teilte die Führung um Oberbürgermeister Kurz mit. Naidoos Solo-Erklärung kommentierte die Stadt nicht.

Die Musiker und die Stadtverwaltung arbeiten seit Jahren eng zusammen. Aktuell kooperieren beide Seiten etwa bei Kulturprojekten zur Erfindung des Fahrrads vor 200 Jahren in Mannheim. Weitere Initiativen sind die bundesweit bekannte Popakademie in Mannheim sowie die künftige Nutzung ehemaliger US-Militärareale in der Stadt.

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