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Beratungsstelle in Kiel : Männer, die von Frauen geschlagen werden

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der Beratungsstelle in Kiel können die Opfer über ihre Erlebnisse sprechen. In diesem Jahr wurden bereits 90 Fälle registriert.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 09:43 Uhr

Kiel | Es ist eines der letzten Tabus: Gewalt gegen Männer. Ein neues Hilfsangebot bringt Stück für Stück Licht in die Dunkelheit. Finanziert aus dem Etat des Kieler Sozialministeriums, hat zur letzten Jahreswende die „Männerberatung“ ihre Arbeit aufgenommen. Allein am Standort Kiel haben sich inzwischen 90 Schleswig-Holsteiner dorthin gewandt, die entweder als Erwachsener Opfer häuslicher oder als Kind Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

420.000 Euro lässt sich das Land die neue Einrichtung drei Jahre lang kosten, die in Kiel beim „Frauennotruf“, in Flensburg bei „Pro Familia“ und in Elmshorn bei der Sozialberatungsstelle „Wendepunkt“ angesiedelt ist. Zuvor waren insbesondere beim „Frauennotruf“ in der Landeshauptstadt immer wieder hilfesuchende Männer aufgelaufen, ohne dass ihnen dort regulär hätte geholfen werden können. Jetzt bekommt jeder Interessierte je nach Bedarf fünf bis zehn Gesprächstermine.

Dass Angehörige des körperlich stärkeren Geschlechts in den eigenen vier Wänden misshandelt werden, mag viele erstaunen. „Es kommt offenbar häufiger vor, als auch ich dachte“, sagt Angela Hartmann. Die Diplom-Sozialpädagogin mit therapeutischer Zusatzausbildung ist eine von zwei Beratungskräften in Kiel. Wahlweise können sich Opfer von ihr oder einem männlichen Kollegen, einem Diplom-Psychologen, unterstützen lassen.

Demütigungen und Gewalt

Sie erfahren von Frauen, die ihrem Partner zum Beispiel das Bügeleisen an den Körper halten, die mit Fäusten auf sie eintrommeln oder mit Gegenständen auf sie werfen. „Da wird dann genommen, was griffbereit ist – und wenn es sich um den Bleikristallaschenbecher handelt“, schildert Hartmann. „Die Dynamik, die zu Übergriffen führt, ist die gleiche wie bei Frauen, die Gewalt erfahren“, weiß die Expertin. „Ein Konflikt beginnt in der Regel mit Demütigungen und Beleidigungen. Irgendwann kommen leichtere Körper-Attacken wie Schubsen hinzu – und eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang.“ Für alle, die sich bisher in ihrer Beratung offenbart haben, sei es eine Selbstverständlichkeit, gerade wegen der eigenen körperlichen Überlegenheit nicht zurückzuschlagen. Was aber die Folgen für die Psyche nicht geringer macht: „Die Männer befinden sich in einer permanenten Demütigung – das lässt das Selbstwertgefühl bröckeln“, sagt Hartmann.

Eine posttraumatische Belastungsstörung erlebt die Beraterin bei Männern, die in der Kindheit sexuell missbraucht worden sind. „Oft ploppen die Wunden nach Jahrzehnten urplötzlich wieder auf“, erfährt die Sozial-Pädagogin. Das könne das eigene Vaterwerden sein oder eine Krise in der Partnerschaft, im Beruf oder durch eine Sucht, „so dass die Verdrängung der Misshandlung in der Kindheit nicht mehr gehalten werden kann“. Durch die Berichterstattung etwa über Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule oder bei der Kirche suchen Opfer nach Einschätzung der Berater inzwischen eher Hilfe als früher. Die Dunkelziffer sei bei Jungen aber nach wie vor höher als bei Mädchen, „weil die Frau in der Opferrolle gesellschaftlich eher akzeptiert ist“, so Hartmann.

Studien zufolge erlebe jedes zweite bis dritte Mädchen und jeder siebte bis zwölfte Junge sexuelle Gewalt. Für beide Geschlechter gelte: Bei beiden kämen die Täter meistens aus dem „sozialen Nahraum“, also aus der Familie, Vereinen oder der Nachbarschaft. Die Fälle, mit denen die „Männerberatung“ zu tun hat, werden in anonymisierter Form in einer Studie der Kieler Fachhochschule ausgewertet. Zweck ist zu dokumentieren, welche Beratungsinhalte für die Opfer von Bedeutung sind.

 

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