zur Navigation springen

Nach Explosion in Hannover : Lithium-Ionen-Akkus: Die Gefahr in der Hosentasche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Institut für Schadenforschung in Kiel warnt: Akkus in Pedelecs, Laptops oder Smartphones können zur Gefahr werden.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2017 | 15:10 Uhr

Kiel | Feuer in einem Einfamilienhaus in Aukrug (Kreis Rendsburg-Eckernförde) – ausgerechnet am Silvesterabend 2014. Der Brand war jedoch nicht durch ein Feuerwerk entzündet worden. Vielmehr machten die Brandermittler den defekten Akku eines E-Bikes als Brandursache aus. Zwei Bewohnerinnen (22, 85) wurden mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung in eine Klinik gebracht. Ein Fall von vielen. Erst vor knapp zwei Wochen sorgte ein Parkhausbrand in Hannover für Schlagzeilen. Ursache auch hier: der Akku eines Elektrofahrrades. Er war explodiert – ein E-Bike-Geschäft im Erdgeschoss des Parkhauses ging in Flammen auf, dichter Qualm zog durch die Innenstadt.

Wie viele solcher Vorfälle im Zusammenhang mit defekten Akkus es in Schleswig-Holstein gegeben hat, ist unbekannt. Weder die Brandermittler des Landeskriminalamtes noch der Landesfeuerwehrverband führen darüber eine Statistik. Dennoch gibt es – neben dem Brand in Aukrug – weitere Vorfälle, die Schlagzeilen machten: So musste die Feuerwehr im November 2011 in Groß Kummerfeld bei Neumünster einen Brand in einem Garagenanbau löschen. Als Ursache des Feuers machte die Polizei ebenfalls einen defekten Akku aus – diesen hatte ein Modellflugbauer zuvor auf einem Holztisch abgestellt.

Bei den Problemfällen handelt es sich stets um aufladbare Lithium-Ionen-Akkus. Deshalb gehen nicht nur von Pedelec-Akkus Gefahren aus. Mit Lithium-Zellen sind auch viele andere Geräte ausgestattet – Smartphones, Laptops, Tablets, Akkubohrer oder Drohnen. Der prominenteste Fall war das Samsung Galaxy Note 7. Das Edel-Smartphone fing plötzlich wegen überhitzter Akkus an zu brennen.

„Technisch ist es stets das Gleiche“, sagt Dr. Hans-Hermann Drews, Geschäftsführer des Instituts für Schadenforschung in Kiel, gegenüber Schleswig-Holstein am Sonntag. „Egal in welchem Elektrogerät diese Lithium-Akkus verbaut sind – sie stellen eine Gefahr dar.“

Entsprechend vielfältig und üppig sind die Warnungen unterschiedlichster Hersteller. Wie das Kieler Institut auflistet, gab es in den vergangenen sechs Jahren 33 offizielle Produktrückrufe in Deutschland wegen Brandgefahr durch Lithium-Akkus. Allein sieben davon betrafen aufladbare Akkus von E-Bikes. Neunmal waren Laptops oder Tablets betroffen. Auch Akku-Lautsprecher, Powerbanks und Babyfones mussten zurückgerufen werden.

Warum werden diese aufladbaren Zellen dann überhaupt benutzt? „Lithium-Ionen-Akkus haben auf kleinstem Raum eine ungewöhnlich hohe Kapazitätsdichte, die besonders günstig herzustellen ist“, erklärt Peter König, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei Liacon Batteries in Itzehoe. Das Unternehmen selbst hat sich allerdings auf sehr große Hochleistungsspeicher aus nichtbrennbaren Lithium-Titanat-Zellen spezialisiert – und stellt diese vorwiegend für den Industriebedarf her. „Gerade in Industrieanwendungen kommen die Leistungsmerkmale unserer Zelle voll zum Tragen“, sagt König, der sich auf dem Gebiet der gesamten Akku-Fertigung bestens auskennt.

Grundsätzlich hat Lithium hervorragende Eigenschaften: Es ist ein Metall und dennoch das leichteste feste Element auf diesem Planeten. Und es reagiert auf elektrische Spannung wie kein anderes. Damit mithilfe dieser Eigenschaften Strom gespeichert und später wieder gezogen werden kann, benötigen Lithium-Ionen-Akkus vor allem weitere leitende Substanzen – sogenannte Elektrolyte. Und das genau ist das Problem. „In Verbindung mit den in der Zelle außerdem verwendeten Graphitbestandteilen sind diese herkömmlichen Akkus eben aber auch leicht brennbar“, sagt König. Deshalb sollten diese „Hochleistungs-Kraftwerke im Miniaturformat“ stets sorgfältig behandelt werden – selbst kleine Knopfzellen können sich entzünden.

Nach Angaben des Kieler Instituts für Schadenforschung sind die wichtigsten Ursachen für ernsthafte Zwischenfälle falsche, nicht kompatible Ladegeräte oder -kabel, beschädigte Akkus oder eine Tiefentladung, die auftreten kann, wenn der Akku längere Zeit nicht genutzt oder bei Kälte gelagert wurde. In diesen Fällen können beim Ladevorgang hohe Temperaturen entstehen, die zum „thermischen Durchgehen“ führen – „der Akku gerät hierbei in Brand oder explodiert sogar“, schildert das Institut.

Vorsicht gilt somit auch beim Ladevorgang: So war im Januar 2011 in Groß Wittensee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) eine Tischlerei völlig abgebrannt. Als Ursache geriet ein Akku-Ladegerät in den Fokus. Ebenfalls durch ein defektes Ladegerät war Ende Oktober 2009 ein Feuer in einem Einfamilienhaus in Husum entstanden. In beiden Fällen gab es hohen Schaden, Menschen wurden nicht verletzt.

Die Ladephase sei „besonders kritisch“ – vor allem kurz bevor der Akku die 100 Prozent erreicht hat, sagt Schadensforscher Drews. „Hierbei entstehen die meisten Brände.“ Jeder sollte also beim Aufladen immer ein Auge auf das Gerät haben. „Das ist wie bei einem Wäschetrockner“, erklärt Drews. „Kein Mitarbeiter unseres Instituts würde das Haus verlassen, solange das Gerät läuft.“

Dennoch: „Wir wollen keine Panik verbreiten“, sagt der Kieler Schadensforscher. Tatsächlich werden jährlich mehrere Milliarden Akkus für Geräte des täglichen Gebrauchs weltweit verkauft. Bei etwas Aufmerksamkeit und Umsicht bleiben sie das, was sie sind: „Ganz normale Begleiter im Alltag“, sagt Drews.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen