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Chemiefabrik in China : Krumme Geschäfte in Tianjin: Explosionsunglück weckt Misstrauen

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Die Katastrophe von Tianjin enthüllt nicht nur Sicherheitsmängel, sondern weckt auch den Verdacht von Vetternwirtschaft. Steckte der Sohn des Ex-Polizeichefs hinter dem unheilvollen Gefahrgutlager?

Tianjin | „Wer ist dafür verantwortlich?“ Diese Frage ist nach der Katastrophe im Hafen von Tianjin überall zu hören. Antworten gibt es nicht. So beschleicht viele Menschen in der nordchinesischen Stadt und anderswo in China ein allzu vertrauter Verdacht: War es ein Mangel an Aufsicht gepaart mit Vetternwirtschaft zwischen Behörden und möglicherweise politisch gut vernetzten Hintermännern des verantwortlichen Transportunternehmens Ruihai Logistik?

Die Feuerwehr war laut dem Staatssender CCTV am Mittwochabend (Ortszeit) wegen eines Feuers in ein Hafenlager mit gefährlichen Chemikalien gerufen worden. Als die Teams eingetroffen waren, kam es zu mehreren schweren Explosionen. Insgesamt wurden rund 1000 Einsatzkräfte der Feuerwehr an den Unglücksort geschickt. Mindestens 114 Menschen starben bei dem Unglück.

Das Unglück hat zwar auch etwas mit den Grenzen des Wachstums in China zu tun, weil behördliche Kontrollen nur schwer mit der rasanten Entwicklung in der Chemieindustrie Schritt halten können. Aber so sehr die Chinesen an technischen Fortschritt glauben, so sehr misstrauen sie ihrem kommunistischen System, das mit seinen „Guanxi“ (Beziehungen) den Nährboden für krumme Geschäfte bereitet. „Zou houmen“ ist hier eine beliebte Praxis: „Die Hintertür nehmen.“

Korruption ist immer ein Faktor. Deswegen wird plötzlich auch gegen den Minister für Arbeitsschutz, Yang Dongliang, ermittelt. Er war bis vor drei Jahren noch Vizebürgermeister von Tianjin - und hat seinen Aufstieg der boomenden Öl- und Chemieindustrie zu verdanken, die in der Hafenstadt einen wichtigen Umschlagplatz aufgebaut hat.

Die Hintergründe seiner Entlassung sind noch unklar, aber Präsident Xi Jinping ist berüchtigt dafür, energisch durchzugreifen, wenn er unter Druck gerät. Fest steht, dass gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen wurde. Das Gefahrgutlager beherbergte mit 700 Tonnen zehn Mal mehr giftiges Natriumcyanid als erlaubt.

Ruihai hatte früher schon ohne Lizenz Gefahrgüter transportiert und erst im Juni wieder eine Genehmigung bekommen, berichten Ermittler. Klar ist auch, dass die Chemikalien unzureichend dokumentiert waren.

Dutzende Feuerwehrleute rannten ins Verderben. Unwissend, was da lagerte, löschten sie mit Wasser, obwohl viele Chemikalien explosiv darauf reagieren.

„Unglaublich nahe“, so das Staatsfernsehen, stand das Gefahrgutlager auch an Wohnsiedlungen, die schwer beschädigt wurden. „Wir haben Angst, dass die Baustruktur der Häuser beschädigt wurde“, sagt Anwohnerin Lin, die nur kurz in ihre Wohnung durfte, um Geld, Kreditkarten, Personalausweise und andere wichtige Dinge zu holen.„Wir sorgen uns auch, ob die Luft und das Wasser sicher sind“, sagt Frau Lin, die einen Mundschutz trägt.

Was das Staatsfernsehen nicht zeigt, sind protestierende Anwohner, die fordern: „Kauft unsere Wohnungen zurück.“ Jahrelang haben ihnen die Behörden verschwiegen, dass mit dem Gefahrgutlager eine „tickende Zeitbombe“, wie es heißt, direkt vor ihrer Tür stand. Tagelang konnten oder wollten sie nicht sagen, welche Chemikalien dort überhaupt gelagert waren. „Die Mächtigen tragen Schutzhelme“, während einfache Leute „sich selbst für nichts opfern - ein klassisches Problem mit dem System“, klagt ein Nutzer in sozialen Netzwerken.

Bei der „unzureichenden“ Informationspolitik, die offiziell eingeräumt wird, machen Gerüchte die Runde. So könnte der Sohn des 2014 verstorbenen, einflussreichen Ex-Polizeichefs des Hafens, Dong Peijun, hinter Ruihai Logistik stecken, wie das Wirtschaftsmagazin „Caijing“ ermittelte. Der 32-jährige Sprössling Dong Mengmeng soll sich bei Geschäften auch des Pseudonyms Dong Ruihai bedient haben.

Eingetragene Anteilseigner sind ein Li Liang und ein Shu Zheng mit jeweils 55 und 45 Prozent. Letzterer verriert Tencent News aber, mit der Firma nichts zu tun zu haben. Er halte die Anteile „für einen Freund“. Dessen Identität enthüllte er nicht. Zum Unternehmen gehören wohl auch frühere Angestellte des mächtigen Staatskonzerns Sinochem, der sich sofort distanzierte. Doch nur Ruihai in Tianjin und Sinochem war es nach Berichten erlaubt, das gefährliche Natriumcyanid zu transportieren - offenbar ein lukratives Geschäft.

Obwohl Premier Li Keqiang eine „eingehende Untersuchung“ und „strenge Bestrafung“ angekündigt hatte, herrscht Schweigen über den Eigentümer der Unglücksfirma, was die Spekulationen über dubiose Machenschaften nur anheizt. Dass sich der Wirtschafts- und Politkrimi ausgerechnet in der Heimatstadt seines Vorgängers, Ex-Ministerpräsident Wen Jiabao, abspielt, macht die Sache vielleicht umso heikler.

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erstellt am 18.Aug.2015 | 14:04 Uhr

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