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Nach Todesfällen im Klinikum Delmenhorst : Krankenpfleger Niels H. soll noch für weitere Tötungen verantwortlich sein

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Ex-Pfleger Niels H. wurde wegen Mordes, Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt. Neuen Ermittlungen zufolge ist er für den Tod Dutzender weiterer Menschen verantwortlich.

Oldenburg | Der Fall des verurteilten Mörders Niels H. wird immer gruseliger: Der wegen Mordes verurteilte Ex-Pfleger Niels H. hat vermutlich mehr Menschen getötet als bisher bekannt. Bei 27 von 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst seien Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt worden, sagte der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme am Mittwoch. Das Mittel soll Niels H. den Patienten absichtlich gespritzt haben.

Der Fall erschütterte ganz Deutschland: Ein Ex-Pfleger spritze wehrlosen Patienten Herzmittel, um sie dann zu reanimieren und sich so selbst zu beweisen. 2015 wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Schon damals vermutete die Polizei, dass es weitere Opfer geben könnte.

Insgesamt gehen die Ermittler jetzt davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle im ehemaligen städtischen Krankenhaus Delmenhorst verantwortlich ist.

Bei 27 Verstorbenen konnte den Angaben zufolge der Wirkstoff „Ajmalin“ des Medikaments „Gilurytmal“ festgestellt werden. Der Ex-Pfleger brachte Patienten laut den Ermittlern mit einer Überdosis absichtlich in einen „reanimationspflichtigen Zustand“, um anschließend bei der Reanimierung seine Fähigkeiten zu beweisen. Viele überlebten diese Notmaßnahme nicht. Ob er auch andere Substanzen nutzte, wird noch geprüft.

Diese 27 zusätzlichen Tötungshandlungen habe Niels H. gestanden, erklärten die Ermittler am Mittwoch. Wegen weiterer fünf Fälle war er und 2015 vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt worden. 2008 hatte ihn dasselbe Gericht wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Entgegen früherer Behauptungen gestand der heute 39-Jährige nun, auch an seinem früheren Arbeitsplatz in Oldenburg mehrere Patienten mittels einer Kaliuminjektionen getötet zu haben. „Wie viele Patienten Opfer in Oldenburg waren, können wir derzeit nicht sagen“, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Es bestehe dringender Tatverdacht in sechs Fällen, davon in vier Fällen wegen Kaliumvergiftung.

Niels H. dürfte damit in den Jahren 2002 bis 2005 eine der größten Mordserien der deutschen Nachkriegsgeschichte begangen haben. 2006 war der sogenannte „Todespfleger“ von Sonthofen zu lebenslanger Haft verurteilt worden - nach Überzeugung der Richter hatte er 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Polizeichef Kühme sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und dankte ihnen, dass sie die notwendigen Exhumierungen ertragen hätten. Niels H. habe durch seine „grauenhaften Taten“ auch dafür gesorgt, dass ein ganzer Berufsstand in Verdacht geraten sei. „Und das ist nur einer von vielen tragischen Aspekten.“

Die Polizei hatte vor rund eineinhalb Jahren die Soko „Kardio“ ins Leben gerufen, die sich mit dem Fall befasst. Ermittlungen laufen auch gegen Klinikverantwortliche in Delmenhorst und Oldenburg wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen.

Niels H. soll nach dem Willen der Ermittler ein weiteres Mal vor Gericht: „Es wird natürlich eine weitere Anklage geben“, betonte Schiereck-Bohlmann. Das Verfahren werde alle Taten umfassen, die Niels H. noch nachgewiesen werden könnten. „Die rechtliche Konsequenz wird am Ende dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern.“ Die Ermittlungen werden sich vermutlich noch bis ins nächste Jahr hinziehen: „Die Ermittlungen dauern so lange, bis wir das unselige Wirken des Niels H. komplett aufgeklärt haben“, sagte der stellvertretende Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Thomas Sander. Es werde „jeder Stein umgedreht“.

Auch in anderen Fällen brachten Pflegekräfte ihren Patienten den Tod. Einige Beispiele:

Italien, 2016

Ein Krankenschwester wird festgenommen, weil sie im einem Krankenhaus in der Toskana 13 Menschen vorsätzlich getötet haben soll. Die Frau spritze laut Polizei 2014 und 2015 den Patienten einer Intensivstation erhöhte Dosen eines Medikamentes.

Großbritannien, 2015

Ein Krankenpfleger muss wegen Mordes für mindestens 35 Jahre ins Gefängnis. Er hatte Patienten nahe Manchester mit einer Überdosis Insulin getötet.

Deutschland, 2010

Wegen Mordes und Mordversuchs verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Sie tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.

Tschechien, 2008

Wegen siebenfachen Mordes wird ein Krankenpfleger zu lebenslanger Haft verurteilt. In einem ostböhmischen Krankenhaus hatte er Patienten mit einem Blutverdünnungsmittel zu Tode gespritzt.

Deutschland, 2007

Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine Ex-Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.

Deutschland, 2006

Der sogenannte „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Nach Überzeugung der Richter hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Niederlande, 2004

Wegen Mordes an sieben Patienten muss eine Krankenschwester lebenslang hinter Gitter. Sie hatte Alte und Kinder in Den Haag mit überdosierten Medikamenten getötet.

 
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erstellt am 22.Jun.2016 | 16:03 Uhr

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