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Vorschlag von Hermann Gröhe : Kommentar: Impfmuffel sind unsolidarisch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Vorbehalte gegen das Impfen sind groß. Doch an Masernschutz geht kein Weg vorbei.

shz.de von
erstellt am 27.Mai.2017 | 12:46 Uhr

Ja, es gibt Impfungen, die sind umstritten, weil es noch keine Langzeiterfahrungen gibt. Ja, die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission müssen ständig hinterfragt werden, weil dieses angeblich unabhängige Gremium nicht immer frei von Einflussnahme durch die Pharmaindustrie war. Und ja, der Verdacht, dass Kinder geimpft werden sollen, damit Mütter und Väter nicht am Arbeitsplatz fehlen, ist nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem: An der Masernimpfung geht kein Weg vorbei.

Kinderärzte betonten immer wieder, wie wichtig der Pieks gegen die hochansteckende Viruskrankheit ist, deren Folgen meist schwerwiegender sind als eventuelle Nebenwirkungen.

Wer meint, sein Kind müsse die Krankheit „durchmachen“ – trotz eines Todesrisikos von 1:500 im Infektionsfall – darf sich nicht wundern, wenn Mediziner nach dem Staatsanwalt rufen und der Gesundheitsminister nach einer Impfpflicht. Unbelehrbare Mütter und Väter, die trotz bester Bildung eher an Magie glauben, als an die Wissenschaft, gefährden nämlich nicht nur den eigenen Nachwuchs, sondern auch das Leben von Babys, die wegen ihres Alters noch nicht geschützt sind und von immungeschwächten Mitmenschen. Das ist unmoralisch und unsolidarisch.

In Schleswig-Holstein haben sich in den vergangenen vier Jahren im Schnitt 20 Menschen mit Masern infiziert. Bundesweit sind in den ersten Monaten dieses Jahres bereits 400 Menschen an dem Virus erkrankt. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2016. Die Empörung von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), angesichts des tragischen Todes einer dreifachen Mutter ist verständlich. Er will jetzt per Gesetz, das am 1. Juni im Bundestag beschlossen wird, gegen Eltern vorgehen, die sich einer Impfberatung verweigern. Bislang sollen Kitas jene Eltern, die keinen Beratungsnachweis vorlegen, beim Gesundheitsamt melden. Künftig müssen sie das. Schwänzenden Vätern und Müttern drohen hohe Strafen.

Die ganz große Keule – eine Impfpflicht wie sie gerade in Italien eingeführt wird – lässt Gröhe wohlweislich stecken. Das Grundgesetz garantiert die Unversehrtheit des menschlichen Körpers. Auch wenn aus medizinischer Sicht alles für den schützenden Pieks spricht, juristisch ist die Impfpflicht höchst umstritten. Da mögen wohlmeinende Kinderärzte DDR-Zeiten hinterher trauern, als jeder Bürger par ordre du mufti „durchgeimpft“ wurde. Doch dieser großzügige Umgang des Regimes mit den Menschenrechten bereitete bekanntlich auch etliche Probleme, die wir uns nicht wieder einhandeln wollen.

Besser ist es, die Deutschen, die im europäischen Vergleich als Impfmuffel gelten, aufzuklären. Derzeit sind wir von der angepeilten und als ausreichend eingestuften Impfquote von 95 noch weit entfernt. In Schleswig-Holstein sind offiziell nur 85 Prozent der Bevölkerung gegen das Virus geschützt, berichtet der Kieler Infektiologe Professor Helmut Fickenscher. Vermutlich seien es sogar noch mehr. Wer illegal eingereist ist, vermeidet bekanntlich jeden Kontakt zum Gesundheitssystem und auch etliche Osteuropäer ohne festen Wohnsitz sind schwer zu erfassen. Hier gilt es, neue Ansätze für erfolgreiche Impfkampagnen zu suchen.

Vor allem aber muss die Wissenschaft mit offenen Karten spielen und Risiken, dort, wo es sie gibt, richtig benennen – das nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln. Interessengeleitete und fehlerhafte Veröffentlichungen – wie über den Zusammenhang zwischen Autismus und Masernimpfungen – schüren bei Eltern Ängste, selbst wenn solche „Enten“ später dementiert werden.

Verheerende Infektionskrankheiten wie Pocken, Diphtherie und Kinderlähmung sind so gut wie ausgemerzt. Das muss doch auch bei den Masern gelingen!

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