Kulturveranstaltungen abgesagt : Köln und Co.: „Selbstzensur“ nach Attentaten auf Charlie Hebdo

aDer Kölner Karneval verzichtet auf einen umstrittenen Rosenmontags-Wagen, der den Anschlag auf das französische Magazin „Charlie Hebdo“ satirisch aufgreifen sollte.
Der Kölner Karneval verzichtet auf einen umstrittenen Rosenmontags-Wagen, der den Anschlag auf das französische Magazin „Charlie Hebdo“ satirisch aufgreifen sollte.

Die Anschläge in Paris und ihre Nachwehen: Der Kölner Karneval macht einen Rückzieher und nimmt den „Charlie Hebdo“-Wagen vom Programm. Auch in Belgien und Frankreich zensiert man sich selbst.

shz.de von
30. Januar 2015, 13:48 Uhr

Nach dem Anschlag auf das Pariser Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ hat sich offenbar die Angst breit gemacht. Viele Kulturveranstaltungen werden abgesagt oder entschärft, Museen und Theater zensieren ihr Programm – und das nicht nur in Frankreich. Bei den islamistischen Anschlägen auf die Redaktionsräume des Magazins kamen am 7. Januar zwölf Menschen ums Leben.

Das Festkomitee Kölner Karneval hatte den „Charlie-Hebdo“-Wagen gestoppt, nachdem sich in den Medien eine Diskussion über angebliche Sicherheitsrisiken durch die Teilnahme des Wagens entwickelt hatten. Der Wagen war per Facebook-Abstimmung gekürt worden und sollte einen Jeck mit Pappnase zeigen, der das Gewehr eines Terroristen mit einem Buntstift verstopft.

„Im Ergebnis setzte am Mittwoch eine Welle der Angst ein“, hieß es in der einer Erklärung des Komitees. „Wir reagieren also nicht auf etwaige Drohungen, wir reagieren auf die Ängste und Sorgen der Menschen.“ Der Stopp des Wagens war vor allem auf der Facebook-Seite des Kölner Karnevals heftig kritisiert worden. Kabarettist Jürgen Becker hatte gesagt, statt öffentlich über den Wagen abstimmen zu lassen, wäre es besser gewesen, wenn mögliche Attentäter vorher gar nicht gewusst hätten, dass es ihn geben würde. Das Festkomitee hat inzwischen Fehler bei der Vorgehensweise eingestanden. „Im Nachhinein müssen wir erkennen, dass es möglicherweise keine so gute Idee war, den Entwurf so frühzeitig zu präsentieren und damit einen langen Zeitraum für die Entwicklung von Schreckensszenarien zu lassen“, heißt es auf der Facebook-Seite des Kölner Karnevals.

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Nordrhein-Westfalens Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) kritisierte die Absage. „Wer hier ohne handfesten Grund weicht, der macht ungewollt dem Terror Platz“, sagte er im Landtag in Düsseldorf.„Der Terror verbereitet Angst und genau das ist ja auch das Ziel der Attentäter.“ Das Festkomitee beteuerte nach dem Stopp: „Unsere geradlinige Haltung zur Meinungsfreiheit hat sich nicht geändert.“

In Düsseldorf, das traditionell als Erzrivale Kölns gilt, lassen die Jecken weiter offen, ob sie den Terror von Paris im Rosenmontagszug thematisieren. Zugbauer Jacques Tilly sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, wenn es solch einen Wagen gäbe, würde das vorher nicht verraten. Es gebe aber verschiedene Ideen. „Ein Mohammed fährt auf jeden Fall nicht mit, ich bin doch nicht lebensmüde.“ Den Vorschlag, den für Köln gedachten Wagen in Düsseldorf mitfahren zu lassen, lehnte Josef Hinkel, Präsident des Comitees Düsseldorfer Carneval, ab. Der dortige Zug trage Tillys Handschrift, sagte er der „Bild“-Zeitung.

Auch auf Twitter herrscht Unverständnis.

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Liebe Kölner! Wenn ihr euren <a href="https://twitter.com/hashtag/Karneval?src=hash">#Karneval</a> wirklich für alle sicher machen wollt, hätte ich einen Tipp: absolutes Alkoholverbot!&#10;<a href="https://twitter.com/hashtag/alaaf?src=hash">#alaaf</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/charlie?src=hash">#charlie</a></p>&mdash; Mario Siegesmund (@MarioSiegesmund) <a href="https://twitter.com/MarioSiegesmund/status/561095148244045824">30. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Kölner # Karneval macht sich selbst überflüssig. <a href="https://twitter.com/hashtag/Charlie?src=hash">#Charlie</a> Hebdo Wagen aus Angst abgesagt. Armselig. <a href="https://twitter.com/LizasWelt">@LizasWelt</a> <a href="https://t.co/hYwnCNTzXK">https://t.co/hYwnCNTzXK</a>&quot;</p>&mdash; Herr Heiko  (@werkselfer) <a href="https://twitter.com/werkselfer/status/561084929006927872">30. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Radikale <a href="https://twitter.com/hashtag/K%C3%B6lner?src=hash">#Kölner</a> Narren schmeißen Propheten-Krieger aus dem Zug. Klage, wegen Missachtung jecker <a href="https://twitter.com/hashtag/Islamisten?src=hash">#Islamisten</a>? <a href="http://t.co/yIk4euYKWk">http://t.co/yIk4euYKWk</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/alaaf?src=hash">#alaaf</a></p>&mdash; DeineTagesSau ... (@deinetagessau) <a href="https://twitter.com/deinetagessau/status/561076908746477568">30. Januar 2015</a></blockquote>

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Karneval ohne <a href="https://twitter.com/hashtag/Charlie?src=hash">#Charlie</a>? <a href="https://twitter.com/GoeringEckardt">@GoeringEckardt</a>: Wenn wir Freiheit einschränken, betreiben wir Geschäft d Demokratie-Feinde  <a href="http://t.co/gZ6TtQAWts">http://t.co/gZ6TtQAWts</a></p>&mdash; Andreas Kappler (@GruenSprecher) <a href="https://twitter.com/GruenSprecher/status/561062773443284992">30. Januar 2015</a></blockquote>

In Paris wurde ein Tourplakat des französischen Kabarettisten Patrick Timsit verboten. Das Motiv zu der Show „On ne peut pas rire de tout“ (Man kann nicht über alles lachen) zeigte Timsit, der eine Bombe umarmte. Das berichtet das französische Magazin Libération.

Sowohl in Französischen als auch in Belgischen Kinos wurden einige Filme aus dem Programm genommen. Der Film „Timbuktu“ beispielsweise, wurde vielerorts gestrichen. In dem Film wird die malische Stadt Timbuktu von Dschihadisten übernommen, die ihre Regeln der Bevölkerung aufzwingen wollen. „Es muss verhindert werden, dass Jugendliche Dschihadisten als Rollenvorbild nehmen“, sagte der Bürgermeister der französischen Stadt Villiers-sur-Marne zu den Streichungen. Auch der französische Film „L'Apôtre“ wird vorerst nicht gezeigt. Dort konvertiert eine junge Muslima zum Katholizismus – der Inhalt des Films könnte als Provokation aufgefasst werden.

Das eigentlich eine Woche lang dauernde Ramdam Filmfest in Belgien wurde vorzeitig abgebrochen, nachdem es Anschlagsdrohungen auf das Imagix-Kino in Tournai gab. Dort sollten unter anderem „Timbuktu“ und die kontroverse Dokumentation „The Essence of Terror“ gezeigt werden. Letztere erzählt die Geschichte zweier Schwedischer Journalisten, die in Äthiopien angeschossen und gefangen genommen wurden.

Und auch in den Museen ist die Angst vor erneutem Terror präsent. So hat beispielsweise das Hergé-Museum im belgischen Louvain-la-Neuve beschlossen, „aus Sicherheitsgründen“ die temporäre Ausstellung „Karikatur“, eine Hommage an Charlie Hebdo, abzubrechen.

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