Landkreis Lüneburg : Kleine Aale sollen in der Elbe heranwachsen

Der Fischwirt Thomas Dirks füllt am Freitag bei Bleckede (Niedersachsen) mit einem Kescher Jungaale in einen Eimer. Die jungen Aale gleiten vom Köcher in den Eimer.
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Der Fischwirt Thomas Dirks füllt am Freitag bei Bleckede (Niedersachsen) mit einem Kescher Jungaale in einen Eimer. Die jungen Aale gleiten vom Köcher in den Eimer.

Das Aussetzen von Jungfischen soll bedrohte Arten retten. Verschmutzte Gewässer und wohl auch der Klimawandel machen ihnen das Leben schwer.

shz.de von
24. März 2017, 14:36 Uhr

Bleckede | Rund 187.000 Baby-Aale sollen den Bestand der vom Aussterben bedrohten Wanderfische in der Elbe sichern. Bei Bleckede im Landkreis Lüneburg wurden am Freitag die ersten kleinen Aale ausgesetzt, wie Koordinator Volkmar Hinz von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) mitteilte. Die Jungfische sind etwa 10 bis 20 Zentimeter lang und wiegen nur rund drei Gramm. Ausgewachsen sollen sie in einigen Jahren in den Atlantik abwandern, um dort zu laichen.

Zwischen Schnackenburg und Geesthacht sollten im Verlauf des Freitags an zahlreichen Stationen insgesamt rund 560 Kilogramm in die Elbe und einige ihrer Nebengewässer wie Krainke und Jeetzel entlassen werden.

Hintergrund: Der Europäische Flussaal

Der Europäische Flussaal zieht als Wanderfisch ins Meer, wenn er geschlechtsreif ist. Experten gehen davon aus, dass sich die Tiere nur in den Tiefen der Sargassosee im Westatlantik paaren. Eier und Jungtiere sollen mit dem Golfstrom wieder zurück nach Europa treiben. Dort steigen sie als winzige Glasaale auf und wandern in Flüsse, Bäche und Teiche. Anguilla anguilla hat dramatische Bestandseinbrüche hinnehmen müssen und steht als vom Aussterben bedrohte Art auf der Roten Liste. Weibliche Aale können sechs Kilogramm wiegen und anderthalb Meter lang werden, männliche Tiere bleiben erheblich kleiner.

 

Die Tiere seien als noch fast durchsichtige Glasaale an der französischen Atlantikküste gefangen worden, so Hinz. Sie wurden anschließend zwei bis drei Monate in Aalfarmen aufgezogen. Seit 2006 wurden mit der Aktion bereits mehr als zwei Millionen Jungaale in die Elbe gesetzt. Die EU und das Land Niedersachsen tragen auch in diesem Jahr wieder rund 60 Prozent der Kosten von insgesamt 43.000 Euro. Den Rest bezahlen laut LWK Fischereiverbände, Angler und die Gemeinschaftsinitiative Elbefischerei.

In einem Fahrzeug wie diesem werden die Aale zu den Stationen transportiert. Hunderttausende ausgesetzte Jungaale sollen die bedrohten Bestände der selten gewordenen Wanderfische retten.
Foto: Philipp Schulze/dpa

In einem Fahrzeug wie diesem werden die Aale zu den Stationen transportiert. Hunderttausende ausgesetzte Jungaale sollen die bedrohten Bestände der selten gewordenen Wanderfische retten.

 

Ähnliche Aktionen gibt es auch in anderen Bundesländern entlang der Elbe, etwa in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Mehr als zwei Millionen kleine Aale wurden in den vergangenen Jahren schon in der Elbe ausgesetzt, um den bedrohten Bestand zu retten. Ähnliche Aktionen hat es dort und anderswo auch für andere selten gewordene oder gar verschwundene Fische gegeben.

Für welche Arten wird das gemacht?

„Besatz gibt es mit vielen Arten“, sagt Markus Diekmann, Fischereibiologe beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves). Zur Bestandssicherung oder Wiederansiedlung würden beispielsweise auch junge Störe oder Schnäpel ausgesetzt. „Der Aal ist aber etwas Besonderes, weil er über lange Distanzen wandert“, erklärt Diekmann.

Wie haben sich die Bestände entwickelt?

„Zum Teil ist der Bestand in manchen Regionen auf bis zu fünf Prozent des ursprünglichen Vorkommens gesunken“, sagt Volkmar Hinz von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK), die die Besatzaktion mit Aalen koordiniert. „In den 50er und 60er Jahren war das Aufkommen viel höher als heute“, bestätigt Diekmann. „Seit Mitte der 80er Jahre sind die Bestände auf wenige Prozente gesunken. Vor allem die Zahl der kleinen Glasaale ist europaweit erheblich gesunken. Darum hat sich die EU mit der 2007 erlassenen Aalverordnung vorgenommen, die Zahl der aus den Flüssen abwandernden Blankaale zu erhöhen.“

Wodurch sind die Bestände so stark gesunken?

„Genau weiß man das nicht“, betont Diekmann. „Sicher ist: Die Schäden durch Wasserkraftturbinen sind enorm. Mögliche Ursachen können auch Parasiten oder Viren sein, Schadstoffe im Wasser, die Kormorane oder auch die Fischerei, möglicherweise auch der Klimawandel.“ Das seien aber nur Spekulationen. „Anders als bei anderen Arten kann man Aale noch nicht nachhaltig in größeren Mengen züchten und so als Speisefisch vermehren“, erklärt Volkmar Hinz. „Viele Gewässer wie die Weser sind etwa mit Staustufen verbaut.“

Gibt es schon messbare Erfolge der Besatzaktionen?

„Bestandsuntersuchungen in Schleswig-Holstein haben gezeigt, dass der Besatz erfolgversprechend ist“, so Hinz. „Ohne den heutigen Besatz hätten wir viel weniger Aale in unseren Gewässern, das ist sicher“, bestätigt Diekmann. Das Ziel der aktuellen Besatzmaßnahmen seien mehr abwandernde Blankaale. „Wir wissen aber nicht, wie groß der Nettonutzen ist“, so Diekmann. „Der Nutzen für den Bestand muss daher zukünftig noch wissenschaftlich bewertet werden.“

Woher kommen die kleinen Glasaale?

„Die kleinsten Aallarven wurden in der Sargassosee gefunden“, berichtet Diekmann. „Das lässt stark vermuten, dass dort die Vermehrung der Aale stattfindet, beobachtet wurde es aber noch nicht.

Von dort kommen die Tiere mit Meeresströmungen zurück an die Küsten Europas. Besonders viele kommen in Frankreich an. Dort werden viele gefangen, vor allem für Besatzaktionen aber auch für die Masthaltung in Aalfarmen.“ Auch die jetzt ausgesetzten Aale stammen von dort.

Welche Maßnahmen müssten noch ergriffen werden?

„Besatz ist nur ein Ausgleich für die Jungaale, die von allein nicht mehr in ausreichender Zahl kommen“, erklärt Diekmann. „Über weitere Schutzmaßnahmen ist nachzudenken. Wir müssen etwa sehen, wie wir Blankaale vor Wasserkraftwerken schützen, das ist an der niedersächsischen Elbe aber kaum ein Thema“, sagt er.

 
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