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"Eine Perle Ewigkeit" : Kino-Meisterwerk über die Kraft der Schwachen

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Die Verbrechen im peruanischen Bürgerkrieg haben die Indio-Frau Fausta tief traumatisiert. Eine ungewöhnliche Ballade und echte cineastische Überraschung

shz.de von
erstellt am 03.Nov.2009 | 04:45 Uhr

Der Spielfilm "Eine Perle Ewigkeit" aus Peru ist eine echte cineastische Überraschung von Format. Regisseurin Claudia Llosa bietet ein beeindruckendes filmisches Gedicht - Poesie pur. Und reflektiert doch ein politisch und sozial gewichtiges, ganz und gar unpoetisches Thema. Der Film handelt von den Folgen des peruanischen Bürgerkriegs, in dem von 1980 bis ins Jahr 2000 Regierungstruppen und selbst ernannte "militärische Volksgarden" das Land terrorisierten.

Viele Kriegsverbrechen wurden verübt. Der Originaltitel nimmt darauf direkt Bezug: "La Teta Asustada" (Slang für "Die kranke Brust") nennen die Peruaner eine Gemütskrankheit, die auf die Kinder jener Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden, mit der Muttermilch übertragen wird.
Trauma nach dem Krieg
Fausta (Magaly Solier), eine mittellose junge Indio-Frau, leidet unter diesem Trauma. Zu Beginn des Films berichtet ihre im Sterben liegende Mutter in der Inkasprache Quechua singend von dem Grauen, das sie einst erleiden musste. Ihr Tod stürzt Fausta, von der Familie ihres Onkels in einem Elendsviertel in Lima halbwegs behütet, in eine tiefe existenzielle Krise. Sie kann nicht mehr sprechen, wagt sich kaum unter Menschen.

Die Tochter hat den Schmerz der Mutter verinnerlicht: Sie hat sich eine Kartoffel in die Vagina gesteckt. Im Krieg war es einer Frau so angeblich gelungen, der Vergewaltigung zu entgehen. Die Täter sollen in Ekel vor der verfaulten Kartoffel und der kranken Vagina von der Frau abgelassen haben. Fausta vergewaltigt sich also beständig selbst, um sich zu schützen. Wenn die Erdenfrucht in ihrem Leib keimt, schneidet sie die Keime ab.
Angst vor Zuneigung
Um die Beerdigung der Mutter bezahlen zu können, nimmt die kontaktarme junge Frau widerstrebend eine Stelle als Dienstmagd bei einer reichen Pianistin an. Vom schon recht betagten Gärtner erfährt sie erstmals in ihrem Leben so etwas wie aufrichtige Zuneigung. Doch in all ihrer Angst kann sie damit nicht umgehen. Eine Katastrophe scheint unausweichlich.

Autorin und Regisseurin Llosa erzählt die sehr persönliche Geschichte ungemein leise und verhalten. Nicht Dialoge sind entscheidend, sondern aussagestarke Bilder voller Geheimnisse und Symbole. Europäische Zuschauer werden sicherlich vieles nicht entschlüsseln können. Dennoch dürfte auch sie das kraftvolle Drama vollkommen in den Bann schlagen.
Dokumentarischer Charakter

Effekthascherei bleibt aus - die Erzählung ist karg, wirkt oft geradezu dokumentarisch, und ist genau deshalb so stark. Dies und die Lieder, die das Geschehen begleiten, bestimmen in hohem Maß den Reiz des ungewöhnlichen Films. Und natürlich Hauptdarstellerin Magaly Solier.

Solier zeigt die gehemmte Fausta von Anfang an schonungslos als seelisch krank. Da wird nichts verniedlicht. Es gibt aber auch keine lauten Szenen, in denen die Krankheit reißerisch dargestellt wird. In kleinen Regungen macht Solier das Leid deutlich und trifft den Zuschauer damit direkt ins Herz. Und hat Fausta einmal einen Moment der Leichtigkeit, dann zeigt Solier ein Leuchten von geradezu magischer Schönheit.
So wird die ungewöhnliche Ballade zum Spiegel des großen Leidens eines Volkes, ohne in Agitation oder Belehrung zu verfallen. Und da manchmal auch mit drastischem Witz gespickt, entwickelt sich die traurige Geschichte Faustas schließlich doch noch zu einer bewegenden Hymne auf die Kraft der Schwachen. Wer anspruchsvolles Kino liebt, sollte den Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2009 auf keinen Fall versäumen.

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