Kindesmisshandlung : Kinderschutz in SH ist lückenhaft

141 Fälle von Kindesmisshandlung wurden in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr registriert. Die Dunkelziffer ist deutlich höher.
141 Fälle von Kindesmisshandlung wurden in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr registriert. Die Dunkelziffer ist deutlich höher.

Komplizierter Behördenweg, unverbindliche Vorgaben: Der Kinderschutz in SH weist noch immer viele Defizite auf – vier Kinder wurden allein im vergangenen Jahr durch eine Straftat getötet.

shz.de von
12. Juni 2014, 19:30 Uhr

Rantrum | Deutlichen Verbesserungsbedarf beim Kinderschutz in Schleswig-Holstein haben Experten auf einer Fachtagung in Rantrum bei Husum angemahnt. Allein im nördlichsten Bundesland sind laut Polizei im vergangenen Jahr vier Kinder durch eine Straftat getötet worden. Obendrein gab es drei weitere Versuche. Alle Opfer waren jünger als sechs Jahre. 217 Kinder im Land wurden 2013 Zielscheibe einer gefährlichen oder schweren Körperverletzung. In 141 Fällen registrierte die Polizei eine Misshandlung Schutzbefohlener. Die Dunkelziffer sei ungleich höher als die Zahl der aktenkundigen Fälle, warnte der Leiter der Bezirkskriminalinspektion Flensburg, Mathias Engelmann.

Auf eine bekannte Tat kämen mindestens 50 unentdeckte, schätzte der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité, Prof. Michael Tsokos. Sein Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ schlägt derzeit hohe Wellen, weil der Mediziner darin massive Versäumnisse beim Kindesschutz anprangert. Die Debatte darüber war Anlass für Nordfrieslands Schulrätin Maike Jennert, die Tagung zu organisieren. Der Bedarf ist riesig: Mit 250 Teilnehmern war gerechnet worden – 350 Lehrer, Schul- und Kindergartenleiter, Schulsozialarbeiter und Erzieher kamen.

Tsokos rüttelte mit brutalsten Fotos von verhungerten, verbrühten oder verstümmelten Kindern auf, die er auf dem Seziertisch gehabt hat. Darunter Opfer, deren Schicksal bundesweit durch die Presse gegangen ist. Der Wissenschaftler beklagte: „Viel zu leicht werden wenig plausible Ausflüchte hingenommen, mit denen Eltern versuchen, Missbräuche zu vertuschen.“ Für besonders hoch hält er die Dunkelziffer bei Schüttel-Traumata von Babys.

Tsokos forderte eine Fachaufsicht und Qualitätskontrollen für Jugendämter sowie weniger Fälle, die pro Behördenmitarbeiter betreut werden müssen. Er verlangte eine Pflicht für Ärzte, bei Verdacht auf eine Gefährdung des Kindeswohls die Eltern anzuzeigen. Sofern die Mediziner kritische Fälle überhaupt zu Gesicht bekommen: Defizite gibt es offenbar beim Umgang mit den Früherkennungs-Untersuchungen durch Kinderärzte. Schleswig-Holstein hat sie 2008 eingeführt, um der Pein von Kindern auf die Spur zu kommen.

Nordfrieslands Jugendamtsleiter Daniel Thomsen beklagte: Nehmen die Eltern einen Termin nicht wahr, könne es bis zu einem Dreivierteljahr dauern, bis das Jugendamt davon erfahre. „Das bringt es nicht – was kann in so vielen Monaten nicht alles mit einem Kind passieren?“, mahnte Thomsen. Der Landtag müsse im Kinderschutzgesetz straffere Fristen bei versäumten Untersuchungen einführen.

Die Langsamkeit führt Thomsen außer auf teils unverbindliche Vorgaben auch auf einen komplizierten Behördenweg zurück, in den neben Kreisen und Städten auch das Landesamt für Soziale Dienste eingebunden ist. Der Jugendamts-Chef warb für kleinräumige Kooperationen aller, die mit Kindern arbeiten. Er ermunterte insbesondere Schulen und Kindergärten, bei Anhaltspunkten für Misshandlungen noch aufmerksamer zu sein. Beide Institutionen hätten nun einmal den alltäglichen Kontakt zu den Heranwachsenden.

Die Flensburger Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt beobachtet „eine große Unsicherheit bei den verschiedenen Akteuren, wenn es um die Weitergabe von Daten geht“. Nur ein intensiver Austausch ermögliche aber eine „kompetente Gefährdungsanalyse“. Mit der Einrichtung von Kinderschutzdezernaten hätten die vier Staatsanwaltschaften des Landes die Professionalität der Fallbearbeitung zwar gesteigert, dennoch müsse bei Anzeigen wegen Kindesmisshandlung der Großteil der Fälle eingestellt werden – weil es entweder an Zeugen fehle oder bei Aussagen wegen des familiären Umfelds das Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch genommen werde.

Eine wichtige Rolle bei den Anzeigen spielen Stahlmann-Liebelt zufolge Nachbarn und Krankenhäuser. „Relativ selten“ erfolgten Anzeigen durch das Jugendamt oder niedergelassene Ärzte. Wacher seien die Familiengerichte geworden: „Sie leiten uns zuletzt häufiger Verfahren zu.“

Als zweischneidiges Schwert entpuppt sich der ländliche Charakter weiter Teile Schleswig-Holsteins. Kripo-Chef Engelmann teilt die Erfahrung einer Beraterin vom Kinderschutzzentrum Westküste: Wenn jeder jeden kenne, mache das zwar weniger tatanfällig. Aber wenn etwas vorfalle, neigten die Menschen eher zum Schweigen – eben auch, weil jeder jeden kenne.

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