Teil Eins der Serie: Am Vorabend des Krieges : Kieler Woche 1914 – Der Kaiser reist überstürzt ab

Es ging ums Wettsegeln der Rennyachten – nur echte Pessimisten können sich während der Kieler Woche vor 100 Jahren  vorstellen, dass in vier Wochen ein Weltkrieg vom Zaun gebrochen wird.
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Es ging ums Wettsegeln der Rennyachten – nur echte Pessimisten können sich während der Kieler Woche vor 100 Jahren vorstellen, dass in vier Wochen ein Weltkrieg vom Zaun gebrochen wird.

Im Juli 1914 steht Europa am Rande des Weltkrieges. Die deutsche Öffentlichkeit beschwichtigt, gleichzeitig wird in ganz Europa die Kriegsmaschinerie geölt. In Schleswig-Holstein geht das Leben unterdessen weiterhin fast seinen gewohnten Gang.

shz.de von
01. Juli 2014, 16:52 Uhr

Nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Sarajewo vor 100 Jahren stehen die Zeichen auf Krieg. Nicht sofort, aber langsam befindet sich auch Schleswig-Holstein im Vorabend der großen, menschlichen Katastrophe. Eine Schilderung in vier Teilen.

In der ersten Juliwoche herrschen in Schleswig-Holstein afrikanische Temperaturen. Schon vor Geschäftseröffnung ist es so heiß, dass bei einem Krämer in Nortorf die in einem Fass gelagerte Margarine schmilzt und sich über den Fußboden des Ladens ausbreitet. In der Schule gibt es natürlich hitzefrei.

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand kommt für Kiel zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Denn die Kieler Woche lebt von der Anwesenheit des Kaisers, und der ist nach den Schüssen von Sarajewo abgereist. Auch die meisten ausländischen Kriegsschiffe haben die Heimreise angetreten. Kurz bevor das Flaggschiff des englischen Geschwaders mit dem Funksignal „Friends in past, friends for ever“ ablegt, tritt eine Mannschaft der „King George 5“ im Fußballspiel gegen eine Elf der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern“ an. Die Deutschen gewinnen mit 2:1 Toren.

Auch bei der traditionellen Segelwettfahrt von Kiel nach Eckernförde siegen die Deutschen. Die Kaiser-Yacht „Meteor“ rauscht unter dem Jubel der Zuschauer mit deutlichem Vorsprung vor der „Germania“ über die Ziellinie. Der Berichterstatter des Rendsburger Tageblatts schreibt: „Der Sieg des Meteor ist zugleich ein Sieg deutschen Geistes und deutscher Arbeit, denn bei seiner Auftragserteilung war neben der Betonung guter Renneigenschaften in erster Linie Bedingung: Deutsch vom Kiel bis zum Flaggenkopf“.

Nur echte Pessimisten können sich vorstellen, dass in vier Wochen ein Weltkrieg vom Zaun gebrochen wird. Das Säbelrasseln der Militärs ist man schließlich gewohnt, die martialische Sprache des Kaisers auch. Außerdem melden die Zeitungen, dass bei dem nach den ersten Regatten im Kieler Yachtclub übliche Festessen zwar der Kaiser fehlt, aber sein Bruder Heinrich, Großadmiral und Oberbefehlshaber der Ostseeflotte, vertritt ihn. Die Botschafter Englands und Amerikas sitzen neben ihm. Da speisen und plaudern Freunde – so jedenfalls scheint es.

An der Nordgrenze des Reiches ist der Ton der Gespräche und Reden schneidender. In Sonderburg haben sich Veteranen der vor 50 Jahren bei Düppel gegen die Dänen gewonnenen Schlacht versammelt. Der Herzog Ernst Günther erinnert an den „unvergänglichen Ruhm“ des preußischen Heeres und äußert die Hoffnung, „dass sich die damals so vorzüglich bewährte Waffenbrüderschaft mit der braven österreichisch-ungarischen Armee auch in der Zukunft bewähren möge“. Das klingt nach Verabredung zu neuen gemeinsamen Ruhmestaten, obwohl aus den ehemaligen Verbündeten in der Zwischenzeit, genauer gesagt 1866, erbitterte Feinde geworden sind. Aber wer liest schon in den Zeitungen die dort veröffentlichen Reden?

Auf deutlich mehr Resonanz stößt die Meldung, dass in Fleckeby ein Roggenhalm mit der erstaunlichen Länge von 2,65 Meter gemessen wurde. Und für Heiterkeit sorgt eine Mitteilung der Polizei, dass aus Neumünster ein Spürhund nach Schierensee entsandt wurde. Dort hatte ein Dieb Wurstwaren gestohlen. Der Hund verfolgte die duftende Spur bis nach Langwedel, wo der Übeltäter festgesetzt werden konnte.

Die letzten Wochen zwischen Frieden und Krieg sind angebrochen, und doch herrscht im Land tiefste Normalität. Der Landesverein für Heimatschutz sorgt sich um die Knicklandschaft, lässt auf einer Versammlung den Pächter Cornils von Gut Neufresenburg die Vorteile des Knicks vortragen: Sie liefern Holz, bieten dem Vieh Schutz vor Hitze und Unwetter, gewähren den Vögeln vortreffliche Nistplätze. An die Bauern geht der dringende Rat, sich nicht an „diesem charakteristischen Schmuck unserer Felder zu vergreifen“ und stattdessen „hässliche Drahtzäune zu errichten“. Der Referent empfiehlt außerdem, bei der Installation elektrischer Überlandleitungen darauf zu achten, zum Schutz der Vögel die Drähte möglichst weit auseinander zu ziehen.

Ganz andere Warnungen und Empfehlungen veröffentlicht die im Reichskriegshafen Kiel zur Pflichtlektüre aller Marinedienstgrade gehörende Zeitschrift „Nauticus“. Dort heißt es, die heimische Schlachtflotte habe noch immer nicht die Größe erreicht „wie sie der Ausdehnung deutscher Interessen in der Welt entspricht“.

Die überstürzte Abreise des Kaisers nach Berlin hat die Stimmung auf der Kieler Woche verdorben. Um Normalität zu dokumentieren, hat der oberste Kriegsherr zwar angeordnet, alle geplanten Wettfahrten stattfinden zu lassen und auch die vorgesehenen Bordfeste zu feiern, dennoch haben mit dem Kaiser zahlreiche hochrangige Gäste die Stadt, aber auch Eckernförde und Travemünde verlassen. Den abendlichen Diners im Kieler Yachtclub und der Marineakademie, dem heutigen Landeshaus, an denen Majestät normalerweise teilnahm, fehlt daher der Glanz und die örtlichen Unternehmer beklagen „erhebliche finanzielle Verluste“. Immerhin melden die Zeitungen, dass der Kaiser nach seiner Teilnahme an den Trauerfeierlichkeiten für den ermordeten Thronfolger nach Kiel zurückkehren werde.

Zur allgemeinen Verwunderung sagte der Kaiser die Reise nach Wien jedoch ab. „Wegen einer leichten Unpässlichkeit“, wie es in der offiziellen Begründung heißt. Beim Segeln auf der Kieler Förde habe er sich eine Erkältung zugezogen, und die habe sich nach einem „anstrengenden und erhitzenden Spazierritt verschlimmert“, sei in eine Art von Hexenschuss übergegangen. Auch Bruder Heinrich verzichtet daraufhin auf eine Teilnahme an den sich über mehrere Tage hinziehenden Trauerfeierlichkeiten, obwohl er weder unter Erkältung, noch unter Hexenschuss leidet.

Man sollte aus den Absagen keine „politischen Kombinationen“ ableiten, empfehlen die Zeitungen, berichten jedoch gleichzeitig, dass ein ungeliebter Wiener Hofmarschall durch allerlei Ungeschicklichkeiten das Trauer-Zeremoniell in Unordnung gebracht habe. Nur der deutsche Botschafter in Wien ist höchster Repräsentant des Reiches, und während er an der Trauerfeier in der Hofburg teilnimmt, schießt die vor Kiel liegende Kriegsflotte im Abstand von drei Minuten Salut. Alle Schiffe haben Halbmast geflaggt.

Am selben Tag, es ist der 4. Juli, widmet das Rendsburger Tageblatt seinen Aufmacher auf Seite 1 dem Kommerzienrat Leiffmann, der auf der kommunalen Woche in Düsseldorf einen Vortrag hält. Mit dem Titel „Die Aufgaben der Gemeinden im Kriegsfall“. Artikel von 127 Zeilen sind die Ausnahme im Blatt, befassen sich normalerweise mit Weltpolitik, etwa französischen Manövern, Deutschlands Rolle in China oder mit der brisanten Lage auf dem Balkan. Und nun erhält ein Beamter Gelegenheit, in aller Ausführlichkeit über die Lebensmittelversorgung im Kriegsfall zu referieren. Große staatliche Lagerhäuser sollten geschaffen werden, nicht nur für Brot, sondern auch für Hülsenfrüchte müsse gesorgt werden. Wichtig sei auch im Fall der Mobilmachung dafür Sorge zu tragen, dass für die Betreibung der Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke genügend städtisches Personal von der Einberufung geschützt wird. Auch die Stadtkasse müsse ausreichend Geld enthalten. Von den Banken sollte man sich daher rechtzeitig das nötige Kapital besorgen. Und zwar nicht für einen kurzen, sondern für einen längeren Zeitraum.

Das klingt schon sehr bedrohlich und will gar nicht recht zu den Meldungen passen, die den Eindruck vermitteln, das Leben im Lande nehme seinen völlig normalen Verlauf. In Kiel haben in einem Monat 15 Einwohner Selbstmord begangen, darunter vier Frauen, und die Stiergenossenschaft von Oldenswort auf Eiderstedt lässt die Öffentlichkeit mit berechtigtem Stolz wissen, dass sie in England „einen prachtvollen Shorthornstier“ erworben hat. Zum wahrlich stolzen Kaufpreis von 30 000 Mark. Auch Kulturelles findet statt. Das Fräulein Gertrud Ziese stellt im Rendsburger Logensaal „recht interessante Werke“ aus, wie es im Bericht der örtlichen Zeitung heißt. Die Porträts werden besonders gewürdigt. Die Intelligenz eines Akademikers blicke „durch scharfe Augengläser kritisch auf Menschen und Dinge“. Dagegen verrate das Bild einer alten Russin „dumpfe, beinahe tierische Schwere der slawischen Rasse“. Die Ausstellung wird der geschätzten Leserschaft nicht zuletzt deshalb empfohlen, weil sich die Künstlerin in ihren Ausdrucksmitteln „von hypermodernen Richtungen fernhält“.

Ein Kunststück der besonderen Art schafft ein Musiker in Friedrichstadt. Er wettete mit einem Bäckermeister, dass er 24 bestrichene Semmeln verspeisen könne und gewinnt. Einen Rekord meldet zur gleichen Zeit der Fischer Schawe aus Pahlhude. Ihm gingen in der Eider acht Störe ins Netz. Der größte brachte 55 Kilo auf die Waage.

Am 6. Juli beginnen die Sommerferien, die bis zum 3. August dauern. Und was macht der Kaiser? Die leichte Erkältung und der Hexenschuss, die ihn an der Fahrt zu den Trauerfeierlichkeiten in Wien gehindert hatten, sind glücklicherweise überwunden. Am Montag, den 6. Juli, besteigt er um 9.15 Uhr in Potsdam den Zug nach Kiel, um von dort die jährlich stattfindende Nordlandreise anzutreten. Mit seinen Vertrauten hatte er zuvor darüber beraten, ob die Reise wegen der angespannten Lage besser abgesagt werden sollte. Damit nicht der Eindruck entstehe, die Lage sei wirklich ernst und es könnte gar ein Waffengang stattfinden, sollte „business as usual“ demonstriert werden. Also sticht die „Hohenzollern“ am folgenden Tag kurz nach 6 Uhr in Begleitung des Depeschenbootes „Sleipner“ und des Kreuzers „Rostock“ Richtung Norden in See.

Auch der im Kieler Schloss residierende und auf Gut Hemmelmark wohnende Bruder Heinrich verlässt am selben Tag den Reichskriegshafen. Allerdings mit der Eisenbahn und in Begleitung seiner Gattin, Prinzessin Irene von Hessen-Darmstadt. Ihr Ziel sind die Berge des schweizerischen Prominenten-Ortes St. Moritz, wo sie sich von den aufregenden Ereignissen der letzten Wochen erholen wollen.

Und während die deutsche Öffentlichkeit von höchster Stelle beschwichtigt und gleichzeitig in ganz Europa die Kriegsmaschinerie geölt wird, geht in Schleswig-Holstein das Leben weiterhin seinen gewohnten Gang. In Büsum treten die Krabbenfischer in den Streik. Sie verlangen höhere Preise. An der Kieler Universität haben sich für das Sommersemester 2639 Studierende eingeschrieben, darunter 100 weibliche, von denen 42 Medizin studieren. In Rendsburg kündigt der älteste deutsche Schülerruderverein eine Lotterie an, die 6000 Mark für den Bau eines neuen Bootshauses einbringen soll und bei der 200 nicht näher bezeichnete „Gegenstände“ zu gewinnen sind.

In dem von hochrangigen Persönlichkeiten der Stadt und des Landes unterzeichneten Aufruf heißt es: „Männer, die den heutigen großen Anforderungen des Lebens gewachsen sein sollen, müssen neben der wissenschaftlichen Ausbildung über einen kräftigen gesunden Körper und starke Nerven verfügen“. All diese Eigenschaften, vor allem die letztgenannte, werden demnächst dringend benötigt. Allerdings nicht zu sportlichen Zwecken.

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