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Weltalphabetisierungstag 2015 : Kein Schlüssel zur Welt - Massenphänomen Analphabetismus

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In Deutschland ist etwa jeder Siebte im Erwerbsalter „funktionaler Analphabet“. Wer kaum oder gar nicht lesen und schreiben kann, hat es schwerer im Leben.

shz.de von
erstellt am 07.Sep.2015 | 15:34 Uhr

Viele Jahre saß bei Tim-Thilo Fellmer „immer die Angst im Nacken, aufzufliegen“. Der Grund: Er konnte kaum lesen und schreiben. Heute gilt der einstige Analphabet als Musterbeispiel, wie sich das im Beruf und im Alltag belastende Defizit überwinden lässt: Der 47-jährige Hesse schreibt Kinderbücher wie „Fuffi der Wusel“, wirbt in Vorträgen für Alphabetisierung, ist Mutmacher für Betroffene. Deren Zahl geht bundesweit in die Millionen.

Weltweit können nach Schätzungen 781 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben. Die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern, wo sie als „primäre Analphabeten“ keine Schule besuchen konnten. In Deutschland ist meist von „funktionalen Analphabeten“ die Rede, weil sie im Alltag trotz Schulbesuchs Lese- und Schreibkenntnisse nicht „funktional“ einsetzen können.

Der „Weltalphabetisierungstag 2015“ am Dienstag (8.9.) macht auf ein immer noch ziemlich unbekanntes Massenphänomen aufmerksam.

Rund 7,5 Millionen „funktionale Analphabeten»“ in Deutschland - woher stammt diese hohe Zahl?

Aus der als seriös geltenden „leo.–Level-One-Studie“ der Uni Hamburg von 2011. Danach gibt es bundesweit doppelt so viele Menschen mit erheblichen Lese- und Schreibproblemen wie zuvor angenommen. Obwohl sie meistens zur Schule gegangen sind, können mehr als 14 Prozent aller Erwachsenen zwischen 18 bis 64 wegen stark begrenzter Lese- und Schreibfähigkeiten also „nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, so das Servicebüro „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“. Das ist immerhin jeder Siebte. Und knapp 60 Prozent davon sind erwerbstätig - oft, wie früher Tim-Thilo Fellmer, mit der andauernden Furcht, mit ihrem Problem ertappt zu werden.

Wie wird Analphabetismus definiert?

In der heutigen Wissensgesellschaft gelten Menschen als „funktionale Analphabeten“, wenn sie zwar Buchstaben, Wörter und einfache Sätze lesen und schreiben können, jedoch Mühe haben, zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen. 58 Prozent davon haben Deutsch als erste Sprache gelernt (4,4 Millionen). Männer sind mit 60 Prozent häufiger betroffen als Frauen. Analphabetismus im engeren Sinne betrifft laut Studie in Deutschland gut vier Prozent der Erwerbsfähigen - etwa 2,3 Millionen Menschen. Sie können nur einzelne Wörter lesen, verstehen und schreiben - nicht aber ganze Sätze. Rund 300.000 Menschen hierzulande können nicht mal ihren Namen richtig schreiben.

Wie kommt es, dass Menschen trotz Schulbildung vom „funktionalen Analphabetismus“ betroffen sind? Wie wirkt sich das beruflich aus?

Gründe können soziale Probleme oder mangelnde Unterstützung in der Schule sein. Oft konnten schon die Eltern nicht ausreichend lesen oder schreiben. Beruflich kann das Defizit gravierende Folgen haben. Es blockiert logischerweise bei bestimmten Job-Wünschen. Und laut „leo.“-Studie gehören Betroffene ohne Schulabschluss, in prekärer Beschäftigung und mit einem Alter von über 50 Jahren dann zu den gefährdeten Risikogruppen am Arbeitsmarkt.

Was bewirkt der Welttag der Alphabetisierung der Vereinten Nationen?

Damit erinnert die UN-Kulturinstitution Unesco Jahr für Jahr am 8. September an ein globales Problem: „Lesen und schreiben zu können, ist Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Dies zu erlernen, ist in vielen Regionen der Welt jedoch noch immer ein Privileg. Weltweit können etwa 774 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. Fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen und Mädchen.“

Und was unternimmt die deutsche Politik?

Gerade erst haben die Koalitionspartner CDU/CSU und SPD im Bundestag die schwarz-rote Regierung aufgefordert, „eine 'Nationale Dekade für Alphabetisierung' auszurufen“. Bildungsministerin Johanna Wanka und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth (beide CDU), wollen am Dienstag Pläne von Bund und Ländern präsentieren. Kurth sagte im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur verstärkte Bemühungen zu. Denn sie frage sich: „Reichen Angebot und Nachfrage und die bisherigen Maßnahmen zur Alphabetisierung noch aus?“

Wie viel Geld nehmen Bund und Länder dafür in die Hand?

Eine ganze Menge - und es dürfte noch mehr werden. Allein Sachsen stelle in der zweiten Förderperiode 15 Millionen Euro für sieben Jahre bereit, sagt die Dresdner Kultusministerin Kurth. Das Bundesbildungsministerium startete vor vier Jahren eine Initiative mit rund 20 Millionen Euro, die 2015 ausläuft. Für eine Info-Kampagne stellte das Ressort weitere 5 Millionen Euro bereit.

Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Deutschland - darunter viele Analphabeten?

Obwohl zahlreiche Asylsuchende gut ausgebildet sind, werden natürlich auch Menschen darunter sein, die weder lesen noch schreiben können. Diese seien aber wohl gut zu erkennen, sagt Kurth. „Wenn die Erwachsenen in Deutschkurse gehen oder die Kinder in eigenen Klassen unterrichtet werden - dann bemerkt man schnell, ob es sich um Analphabeten handelt. Hier haben wir eine große Chance.“

 
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