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Nach dem Hochhausbrand in London : Katastrophe am Grenfell-Tower: Der Zorn der Überlebenden

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Einen Monat nach dem verheerenden Feuer in dem Hochhaus wächst der Graben zwischen Überlebenden und Behörden.

shz.de von
erstellt am 13.Jul.2017 | 15:40 Uhr

London | Der ausgebrannte Grenfell-Tower thront gespenstisch über dem Londoner Stadtbezirk Kensington und Chelsea. Vier Wochen nach der Brandkatastrophe mit mindestens 80 Toten sind Wände und Zäune in den umliegenden Straßen noch immer mit Vermisstenanzeigen übersäht. Am Boden liegen welke Blumen, Teddys, Fußbälle.

Nach letzten Erkenntnissen der Ermittler hatte ein defekter Kühlschrank die Feuerkatastrophe im Grenfell Tower ausgelöst. Zudem hätten die Fassadenverkleidung und die Isolierung des Grenfell Towers die Sicherheitstests nach dem Unglück nicht bestanden.

Einige Hundert Menschen haben sich am Mittwochabend in der Nähe des Wohnturms zu einer Mahnwache versammelt. Sie zünden Kerzen an, weinen, halten sich aneinander fest. Desiree Cranenbrug hält in stillem Protest ein selbstgemachtes Schild hoch.

Die 60-jährige Erzieherin hat in einer Kita im Grenfell-Tower gearbeitet. Sie war nicht dort, als das Feuer in der Nacht zum 14. Juni ausbrach. Doch sie kannte viele Kinder und ihre Familien. Einige davon haben das Unglück nicht überlebt. Schuld daran sei eine Kultur der Vernachlässigung durch die Bezirksverwaltung, glaubt sie.

Menschen legen Kerzen und Blumen für die Opfer des Grenfell-Tower nieder.

Menschen legen Kerzen und Blumen für die Opfer des Grenfell-Tower nieder.

Foto: Jonathan Brady/dpa

Das Schlagwort von der „Kultur“ ist überall zu hören. Viele Menschen sind sich sicher, dass hinter den haarsträubenden Versäumnissen im Brandschutz am Grenfell-Tower System steckte. Sie fühlen sich von der Bezirksverwaltung und der Regierung hintergangen. „Die wollen Leute wie uns aus London heraushaben“, sagt Desiree. Deswegen würden Sozialwohnungen systematisch vernachlässigt, die Bewohner mürbe gemacht. Melde man Mängel an seiner Wohnung bei der Wohnungsgesellschaft, treffe man seit Jahrzehnten auf taube Ohren, klagt Tarik El-Fassy, ein Bauarbeiter aus der Nachbarschaft.

Eine Frau geht an niedergelegten Blumen und Karten vorbei. Immer noch werden Menschen vermisst.

Eine Frau geht an niedergelegten Blumen und Karten vorbei. Immer noch werden Menschen vermisst.

Foto: Isabel Infantes/dpa
 

Das Misstrauen steckt tief. Ob die Behörden es je überwinden können, ist fraglich. Premierministerin Theresa May kündigte zwar eine umfassende Untersuchung zu dem Unglück an, doch zum Chefermittler berief sie einen ehemaligen Richter, der in dem Ruf steht, im Zweifel gegen die kleinen Leute zu entscheiden.

Einen eiligen Test auf Brennbarkeit an Fassadenteilen Hunderter Hochhäuser in England bestand kein einziges. Das Feuer am Grenfell-Tower hatte sich über die Außenverkleidung rasend schnell ausgebreitet. Doch der Test steht in der Kritik: Geprüft wird nur an herausgeschnittenen Proben im Labor. Andere Faktoren wie Fluchtwege, Sprinkleranlagen oder bauliche Mängel werden nicht in Betracht gezogen.

Die Hochhäuser, die den Materialtest nicht bestanden haben, wurden zum Teil geräumt, etwa der Taplow Tower.

Bewohner beim Verlassen des Taplow Tower im Londoner Bezirk Camden.

Bewohner beim Verlassen des Taplow Tower im Londoner Bezirk Camden.

Foto: dpa

Wie die Fassaden in den bislang 221 durchgefallenen Gebäuden feuersicher gemacht werden sollen, ist den lokalen Behörden und Eigentümern überlassen. Das zuständige Ministerium konnte über bereits ergriffene Maßnahmen keine Auskunft geben. An knapp 400 Hochhäusern steht der Test noch aus.

Auch die Bezirksverwaltung im Stadtteil Kensington und Chelsea scheint noch immer heillos überfordert zu sein. Die Unterbringung der Überlebenden in Hotels verlief chaotisch, berichtete die BBC. Noch immer seien Menschen nicht angemessen untergebracht. Der Vorsitzende des Bezirksrats musste inzwischen zurücktreten. Er hatte sich trotz anderslautendem Gerichtsurteil geweigert, die Sitzungen des Gremiums öffentlich abzuhalten.

Der Polizei wird vorgeworfen, Angehörige von Toten und Vermissten nur spärlich zu informieren und mögliche Verantwortliche zu schonen. Noch immer sind viele Opfer nicht gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass zur Zeit des Unglücks 350 Menschen im Grenfell-Tower wohnten. Rund ein Dutzend war nicht zu Hause. 255 Menschen hätten sich aus dem brennenden Gebäude retten können, mindestens 80 sollen tot sein.

Doch die Zahlen werden noch immer angezweifelt. Viele Anwohner glauben, dass weitaus mehr Menschen in dem Turm lebten. Gewissheit wird es möglicherweise nie geben. Identifizieren konnte die Polizei bislang nur 32 Opfer. Von Dutzenden fehlt jede Spur. Zu befürchten ist, dass von ihren Körpern bei 1000 Grad Hitze nichts Erkennbares übrig geblieben ist. Für die Angehörigen ist die Ungewissheit kaum zu ertragen.

Unklar ist auch, ob es je zu einer Anklage kommen wird. Noch immer ist umstritten, ob gegen geltende Brandschutzauflagen an dem Hochhausturm verstoßen wurde, oder ob die Regelungen unzureichend waren. Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Als Verantwortliche in Frage kommen rund 60 Firmen und Organisationen, die mit der Verwaltung, dem Bau und der Instandhaltung des Gebäudes zu tun hatten, dazu Dutzende einzelne Personen. Doch noch gab es keine einzige Festnahme oder Verhör. Für die Menschen am Grenfell-Tower ein weiterer Beleg, dass es die Behörden nicht ernst meinen mit der Aufklärung.

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