Bialowieza-Nationalpark in Polen : Kampf um Europas ältesten Urwald landet vor dem EuGH

Eine Wisenten-Herde streift durch die verschneiten Wälder des Bialowieza-Urwaldes. Auch geschützte Tiere wie Wölfe und Luchse finden hier ihren Lebensraum.
Eine Wisenten-Herde streift durch die verschneiten Wälder des Bialowieza-Urwaldes. Auch geschützte Tiere wie Wölfe und Luchse finden hier ihren Lebensraum.

Zwar stellte Polen den Baumschlag im Bialowieza vorerst ein, doch Umweltschützer warnen: Die Gefahr ist nicht gebannt.

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19. Februar 2018, 10:10 Uhr

Bialowieza | Der Lärm des schweren Geräts im ostpolnischen Urwaldgebiet Bialowieza ist verstummt. Die Maschinen wurden vorerst abgezogen. Doch die Reifenspuren der Bagger, die bis vor Kurzem zehntausende Bäume in Europas ursprünglichstem Wald abholzten, sind noch zu sehen. „Wir haben wie Umwelt-Primitivlinge unser eigenes Naturerbe abgeschlachtet“, sagt Umweltschützerin Joanna Pawluskiewicz von der Organisation zur „Verteidigung Bialowiezas“ und zeigt auf hunderte übereinander gestapelte Stämme. Sie erinnern an die umstrittene Abholzung, die Polens Regierung ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) einbrachte. Dieser will sich am Dienstag (20.2.) zu dem Fall äußern, ein Urteil dürfte in den Wochen danach folgen.

Mit dem Baumschlag hätten die Warschauer Nationalkonservativen gegen EU-Recht verstoßen, kritisieren Naturschützer und Biologen. „Illegales Holz“ steht auf die Stämme geschrieben, die sich nun über Kilometer entlang von Waldwegen im Bialowieza-Urwald türmen. „Viele der Bäume sind mehr als hundert Jahre alt“, sagt Pawluskiewicz. Ihr Kollege fotografiert die Stümpfe, die zum „Natura 2000“-Gebiet, einem Netz von Schutzgebieten in der EU, sowie zum Unesco-Naturerbe gehören. Die Aktivisten, die Beweise gegen Polens Regierung sammeln, werden beobachtet: Zwei Mal fährt in dem ansonsten menschenleeren Waldstück die Forstpolizei vorbei.

Gefällte Baumstämme in einem Teil des Bialowieza-Urwald nahe dem Dorf Skupowo.
dpa

Gefällte Baumstämme in einem Teil des Bialowieza-Urwald nahe dem Dorf Skupowo.

Der rund 60.000 Hektar große ostpolnische Urwald, der sich in Weißrussland noch weiter erstreckt, unterliegt strengem Schutz. „Es gibt keinen natürlicheren Wald in Europa als diesen“, erklärt Professor Krzysztof Schmidt vom Biologischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften Bialowiezas Einzigartigkeit. Die Natur sei hier am wenigsten durch den Menschen verändert worden. Bialowieza bietet Tausenden Pflanzen- und Hunderten Tierarten einen Lebensraum, darunter geschützten Spezies wie Wisent, Wolf und Luchs. „Wenn der Wald verändert wird, geht seine biologische Vielfalt unwiederbringlich verloren“, warnt Schmidt.

Regierung: Borkenkäferplage erforderte Abholzung

Bisher ist nur ein Teil des Waldes Nationalparkgebiet und darf nicht verändert werden. Der Rest wird unter Auflagen, die nun von den Regierenden missachtet worden seien, forstwirtschaftlich genutzt, wie Aktivistin Pawluskiewicz sagt. Sie schätzt: „6000 mit Holz beladene Lkw fuhren letztes Jahr aus dem Wald hinaus.“ Regierungsangaben zufolge hat eine Borkenkäferplage die Abholzung erfordert. „Eine Lüge“, meint die Polin. Den Käferbefall könne der Wald selbst regulieren. „Die einzige Wahrheit ist, dass wir den Urwald schützen müssen“, sagt sie und betont: „Das Forstamt ist ein Unternehmen und will mit dem Holzverkauf verdienen.“ Die Behörde bestreitet das: „Es geht nicht um Profit“, sagt Sprecher Jaroslaw Krawczyk. Seinen Angaben zufolge wurden im vergangenen Jahr etwa 150.000 Bäume gefällt – rund 100.000 mehr als in den Jahren zuvor.

Alles legal, wie er betont. Die angehobene Abholzungsmenge sei durch eine vom Umweltministerium ergänzte Klausel der Vorschriften genehmigt worden. Die Maßnahme weckte den Argwohn der EU-Kommission. Sie forderte Polen zum Abholzungsstopp auf – allerdings ohne Erfolg.

Mit einem Banner mit der Aufschrift „Stop cutting Bialowieza forest“ und der Andeutung von Baumfällungen protestierten am 11. August 2017 in Berlin Mitglieder der Umweltorganisation „Robin Wood“ gegen die Rodung des polnischen Urwalds.
dpa

Mit einem Banner mit der Aufschrift „Stop cutting Bialowieza forest“ und der Andeutung von Baumfällungen protestierten am 11. August 2017 in Berlin Mitglieder der Umweltorganisation „Robin Wood“ gegen die Rodung des polnischen Urwalds.

 

Erst der EuGH in Luxemburg brachte Polens Regierung durch Androhung hoher Geldstrafen im Dezember zum Einhalten. Ein Etappen-Erfolg, den sich die Aktivisten auch auf die eigene Fahne schreiben. „Wir zeigten den Behörden die entscheidenden Stellen im Wald und lieferten Beweise“, sagt Pawulskiewicz, deren Verband von der Umweltschutzorganisation Greenpeace unterstützt wird.

Polens Regierung zog die Bagger ab und versuchte, den durch die Umwelt-Affäre verursachten Image-Schaden zu beheben. Der umstrittene Umweltminister Jan Szyszko wurde ausgewechselt. Sein Nachfolger Henryk Kowalczyk sicherte zwar zu, sich an das in den kommenden Wochen erwartete EuGH-Urteil zu halten, die Aktivisten trauen seinem Wort aber nicht. Den Wald könne nur die Umwandlung in Nationalparkgebiet schützen, meinen sie.

Uralter Baumbestand im Nationalpark von Bialowieza.
dpa

Uralter Baumbestand im Nationalpark von Bialowieza.

 

Dafür setzt sich auch Polens Greenpeace-Direktor Robert Cyglicki ein. „Bialowieza sieht inzwischen aus wie ein Schweizer Käse“, sagt er. Der Urwald drohe in eine künstlich aufgeforstete Baum-Plantage umgewandelt zu werden. „Bei dem Streit geht es vor allem um Macht“, erklärt Cyglicki. Demnach wollen die Förster verhindern, dass ganz Bialowieza zum Nationalpark wird. Sie würden ansonsten ihre Jobs verlieren. „Je mehr die Forstämter jetzt den Wald verändern, desto mehr spricht dagegen, ihn in Zukunft in einen Nationalpark umzuwandeln“, sagt der Greenpeace-Aktivist. Er fürchtet, die Förster werde auch ein EuGH-Urteil nicht stoppen.

Nach Greenpeace-Informationen haben sie schon einen neuen Abholzungsplan in der Schublade. Er käme zum Einsatz, sollte das EU-Gericht den jetzigen verbieten. Cyglicki seufzt: „Dann geht alles von vorne los.“ Den neuen Plan müsste Brüssel prüfen, derweil könnten die Forstämter Bialowieza weiter verändern.

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