Johannes Claus Voss: Mit dem Einbaum übers Meer

Erlebte beschwerliche Reisen: Entdecker Johannes Claus Voss.
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Erlebte beschwerliche Reisen: Entdecker Johannes Claus Voss.

Festessen mit Palmenwein und Tänze unter dem Tropenmond: Es gibt wohl nur wenige Orte und Erlebnisse, die der Schleswig-Holsteiner Johannes Claus Voss in seinem bewegten Leben nicht bereist und erfahren hat. Von der flachen Marsch zog es ihn unter anderem ans Kap Hoorn, nach Ecuador und auf die Fidschi-Inseln.

shz.de von
28. August 2007, 05:33 Uhr

Eigentlich ist Moordiek gar kein richtiger Ort mehr, sondern eine locker in die flache Marsch gestreute Ansammlung von alten Gehöften – irgendwo nordwestlich von Elmshorn, im Bereich des Amtes Horst. Hier wurde 1858 der spätere Schiffszimmermann und Weltumsegler Johannes Claus Voss auf dem Hof seiner Eltern geboren – zu einer Zeit, in der man in vielen ländlichen Gegenden noch völlig abgeschieden von der Außenwelt lebte und der Horizont noch nicht einmal bis an die Elbe reichte.
Voss machte eine Zimmermannslehre auf einer Werft in der benachbarten Stadt. Als er als frisch gebackener Geselle zu einem auf der Elbe verunglückten Schiff gerufen wurde, um Schäden zu beheben, hatte er Glück: Die Weiterreise des Dreimastschiffs "Dora“ konnte er als Schiffsschreiner mitmachen. Es ging um Kap Hoorn nach Ecuador und wieder zurück nach Hamburg. Dort arbeitete Voss erst einmal auf dem Hof seines Vaters, leistete danach seinen Wehrdienst ab. Anschließend ergab sich eine erneute Schiffsreise auf einem Segler – mit einer rüden Mannschaft und harten Bräuchen.
Durch Zufall geriet der junge Holsteiner an die Mitteilung eines verstorbenen Freundes, der eine große Summe Gold versteckt hatte. Zusammen mit Anteilseignern rüstete er ein Schiff aus, und die Segler machten sich auf, den Schatz zu heben. Sie erlebten eine Menge Abenteuer, gerieten dabei auch zwischenzeitlich auf kleine Schiffe, mit denen sie auf hoher See manövrieren mussten – nur das erhoffte Gold fanden sie nicht. So kehrten sie wieder nach Amerika zurück. Das Schiff wurde günstig verkauft.
Die Wirtschaftslage in den USA und Kanada war zu dieser Zeit nicht die Beste. Es fand sich nicht ohne weiteres eine neue Anstellung, und so saß Voss meistens auf der Terrasse eines Hotels, las Zeitung und blickte aufs Meer. Ein Reporter der Zeitung setzte sich eines Tages zu ihm und berichtete von einem Mann, der in einem kleinen Boot einige Ozeane allein überquert hatte und darüber auch gerade ein Buch veröffentlicht hatte. Voss und der Reporter beschlossen, in einem noch kleineren Boot die Welt zu umrunden – über all das verfassten sie Artikel und verkauften sie an eine große Zeitung. Von einem Indianer kauften sie ein großes Einbaumkanu namens "Tilikum“. Es war mit Planken erhöht, hatte einen Mast und eine winzige Kajüte. Ein waghalsiges Abenteuer nahm seinen Lauf.
Der Seefahrer aus Moordiek und sein Kumpan starteten auf den Ozean, nachdem die Zeitung bereits etliche Stories vorab veröffentlicht hatte – über das, was wohl zu erwarten sei. Jedoch wurde der Reporter bald seekrank, so dass Voss beinahe alles allein an Bord regeln musste. Die beiden segelten in die Südsee. Nach wochenlanger Tour erreichten sie eine kleine Palmeninsel mit einer Lagune, wo sie zwei gestrandete Schiffe fanden. Den Eigner des einen Schoners trafen sie bei der Erkundung der Insel. Der zeigte sich hoch erfreut, Besucher zu treffen, und lud sie mit seiner Mannschaft und Einheimischen zu einem großen Festessen mit Yamswurzeln und Palmenwein ein. Man tanzte unter dem Tropenmond bis zum Sonnenaufgang.
Die Reise ging weiter über Samoa zu den Fidjiinseln. Der Reporter fuhr mit einem Dampfer nach Australien vor. Er war einfach meeresmüde. Zwar trafen er und Voss sich noch einmal in Sydney, aber der Journalist ließ sich nicht mehr dazu überreden, noch einmal an Bord zu kommen.
So heuerte Voss einen Berufsseemann an, der nach Tasmanien wollte. Er war ein hervorragender Segler. So ging es erneut mit dem Segelkanu hinaus aufs Meer. Irgendwann auf der Fahrt, alles war ruhig und man segelte zufrieden vor sich hin, saßen die beiden in der Sonne und rauchten, als völlig unverhofft eine große Welle heranrollte und über das kleine Boot schwappte. Nachdem Voss sich die Augen vom Salzwasser freigewischt hatte, sah er, dass sein Seemann verschwunden war. Bedrückt hisste Voss die kanadische Flagge auf Halbmast. Mit dem Verunglückten war auch der Kompass über Bord gegangen. Eine dramatische Situation für den Holsteiner Schiffszimmermann, denn es war nun unmöglich Kurs auf ein bestimmtes Ziel zu halten.
Dazu geriet er mit der "Tilikum“ in einen Sturm, der ihn mächtig herumschaukelte. An Schlaf war nicht zu denken, immerzu musste er am Steuer sein. Zum Glück hatte er wenigstens noch einen Sextanten an Bord, so dass zumindest ungefähr wusste, wo er sich in der Weite des Meeres befand. Mit komplizierten Wind- und Gestirnsbeobachtungen gelang es ihm, die Richtung nach Sydney zu ermitteln und den Hafen zu erreichen. Da das Geld knapp war und das Hafenamt ihn bereits schröpfte, verfiel Voss auf die Idee, die vielen neugierigen Besucher des segelbaren "Hochseeeinbaums“ nur gegen Eintritt an Bord zu lassen.
Mit einem neuen Mitsegler ging es weiter auf abenteuerlichen Wegen übers Meer, und nach vielen Monaten erreichte Voss Südafrika. Von Kapstadt nach England waren es noch einmal 6000 Seemeilen, doch der Einbaum schaffte auch diesen Törn. Die Ankunft in Margate war grandios. Die Engländer waren begeistert von Abenteuer und Wagemut. Johannes Claus Voss aus Moordiek wurde in London sogar Mitglied der Königlich Geographischen Gesellschaft.
Voss fuhr weiter zu See, wurde gar Kapitän eines Schiffes. Später ließ er sich wieder in Victoria, in Kanada am Meer nieder, kaufte zwei Autobusse und lebte von den Einnahmen. In seiner Heimat Schleswig-Holstein weiß heute kaum noch jemand von ihm. Umso wichtiger ist es, sein interessantes Leben auf den Meeren noch einmal den Menschen seiner Heimat bekannt zu machen.

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