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Hollywood-Stars missbraucht : Job für Sex: Weinstein-Skandal entstand in einer „Kultur des Wegschauens“

vom

Der Fall des Produzenten Harvey Weinstein legt eine Kultur des Wegschauens offen. Sexuelle Übergriffe gehören zum Alltag der Filmindustrie in Hollywood. 

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 10:30 Uhr

Los Angeles | Der Komiker Seth MacFarlane machte bei der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen 2013 an einer Stelle einen Insider-Witz. „Herzlichen Glückwunsch an die fünf Damen, die nicht länger so tun müssen, als fänden sie Harvey Weinstein attraktiv.“ Das Publikum brach damals in lautes Gelächter aus, weil es wusste, was MacFarlane meinte.

Heute versteht der Rest der Welt, worüber sich Hollywood amüsierte. Doch nun vergeht nicht nur dem mächtigen Produzenten und Gründer der „Miramax“-Studios das Lachen. Tinseltown (Anm. d. Red.: umgangspr. für Hollywood) selbst findet sich auf der Anklagebank wieder. Warum haben über Jahrzehnte alle weggeschaut und eine Kultur geduldet, in der mächtige Männer junge Frauen wie Freiwild behandelten?

Mit jeder weiteren Schauspielerin, die nun auspackt, wie der rundliche „Uncle Harvey“ ihnen sexuellen Avancen machte, entsteht das Bild eines Systems, das ohne Komplizenschaft nicht über drei Jahrzehnte funktioniert hätte.

Gwyneth Paltrow:  „Die Erwartung bestand, dass ich das geheim halte.“
Gwyneth Paltrow: „Die Erwartung bestand, dass ich das geheim halte.“
 

Beispiel Gwyneth Paltrow, die Weinstein als 22-Jährige in einer Suite im „Peninsula Beverly Hills“-Hotel belästigte. Dorthin hatte er sie einbestellt, um mit ihr „über die Rolle zu sprechen“. Natürlich konnte den Assistenten nicht verborgen bleiben, was ihr Chef im Schilde führte. Zumal sie anschließend Jobs vermitteln oder emotional aufgelöste Frauen beruhigen mussten. Paltrow schwieg über das Geschehen selbst nachdem sie den Oscar für „Shakespeare in Love“ (1999) geholt hatte und zu so etwas wie der „First Lady“ von Miramax aufstieg. „Die Erwartung bestand, dass ich das geheim halte.“

So ähnlich erging es über drei Jahrzehnten wohl Dutzenden Frauen, die erst jetzt den Mut finden, auszupacken. Es fing an mit acht Schauspielerinnen, die am 5. Oktober in der „New York Times“ allesamt schwere Vorwürfe gegen Weinstein erhoben. Hinzu kamen dreizehn weitere Frauen, die dem „New Yorker“ in einer Exklusiv-Geschichte auch über Gewalt berichten.

Schauspielerin Asia Argento erhebt Vergewaltigungsvorwürfe.
Schauspielerin Asia Argento erhebt Vergewaltigungsvorwürfe. Foto: dpa

Die italienische Schauspielerin Asia Argento, behauptet wie zwei andere Frauen, Weinstein habe sie vergewaltigt. Tatort wie fast immer: Eine Hotelsuite. Die damals 21-Jährige hatte erwartet, zu einer Party zu gehen. Stattdessen erwartete sie der Produzent alleine und ohne Zeugen. „Das war ein Albtraum“, berichtet Argento dem New Yorker. 

Eine Sprecherin des Produzenten wies den Vorwurf „erzwungenen Sex“ entschieden zurück. Alles sei in gegenseitigem Einvernehmen erfolgt. Wie Weinstein selber in einem halbherzigen „Mea Culpa“ die Kultur der 60er und 70er Jahre als Ausrede bemühte. „Die Regeln des Verhaltens am Arbeitsplatz waren damals andere.“

Aus dieser Zeit stammen übrigens auch Bill Cosby, Roman Polanski, Bill O'Reilly, Roger Ailes und, ja, auch Bill Clinton und Donald Trump. Männer, die über Jahre ungestraft ihre Macht missbrauchten, Frauen sexuell zu belästigen oder gar Schlimmeres anzustellen.  

 

Léa Seydoux: „Jeder wusste, was Harveys vor hatte, und keiner tat etwas.“

Léa Seydoux: „Jeder wusste, was Harveys vor hatte, und keiner tat etwas.“

Foto: dpa

Léa Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“) schildert im britischen „Guardian“ wie Weinstein „seine Macht ausnutzte, Sex zu bekommen“. Ihr Vorwurf an Hollywood: „Jeder wusste, was Harveys vor hatte, und keiner tat etwas.“

Damit gerät nun die ganze von Männern dominierte Industrie Hollywoods unter Druck. Daunter auch Ben Affleck, dem die Schauspielerin Rose McGowan öffentlich Mitwisserschaft vorhält. Und all die anderen, die schwiegen, weil sie ihre eigene Karriere nicht gefährden wollten.

Schauspielerin Lena Dunham beschreibt ein „Job für Sex“-Klima
Schauspielerin Lena Dunham beschreibt ein „Job für Sex“-Klima Foto: Peter Foley
 

Die Schauspielerin Lena Dunham beschreibt in einem Essay für die „New York Times“, wie „Angestellte und Kollaborateure“ über Jahre das „Job für Sex“-Klima ermöglichten. Die Enthüllungen um Weinstein seien nur „ein Mikrokosmos für das, was seit jeher in Hollywood geschieht“. Weinstein sei vielleicht erledigt, nicht aber das dahinter stehende Problem in Hollywood. Und auch nicht andernorts, wie Dunham betont: „So sieht Belästigung am Arbeitsplatz überall aus.“ Tatsächlich erlebten nach einer US-Regierungsstudie von 2016 eine von vier Frauen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. In der Restaurant-Branche berichten sogar zwei von drei Frauen über unerwünschte Annäherungen ihrer Manager. 

Die Soziologin Abigail Saguy von der University of California meint, ein Effekt des Weinstein-Skandals bestünde darin, dass nun das Licht auf ein größeres Problem falle. Macht-Ungleichgewichte seien das, was sexuelle Belästigung zum großen Teil möglich machten. „Das passiert überall und Frauen sind in einer besonders verwundbaren Situation, wenn sie jünger sind, alleinerziehend oder ganz dringend einen Job brauchen.“  Kriterien, die oft auch auf die Opfer von Weinstein zutrafen, bevor sie wie Angelina Jolie oder Ashley Judd zu Weltstars aufstiegen.

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