zur Navigation springen

Massenmord bei Konzert : Jimmy Kimmel gibt Waffenbefürwortern Schuld an Anschlag in Las Vegas

vom

Der Late-Night-Talker erklärt unter Tränen die Waffenlobby und republikanische Abgeordnete als mitverantwortlich.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2017 | 12:08 Uhr

Las Vegas | Jimmy Kimmel sagt es selbst: Eigentlich wäre er lieber lustig. Aber bei seiner Rede in seiner Late-Night-Show über das jüngste Attentat in Las Vegas laufen dem Late-Night-Entertainer Tränen über die Wangen. 59 Menschen starben, 500 wurden verletzt, als ein Mann aus dem 32. Stock des Hotels Mandalay Bay Resort heraus mit automatischen Gewehren auf die Besucher eines Country Festivals schoss. Die Motive des Attentäters sind noch unklar. Terroristische Hintergründe gelten als unwahrscheinlich.

In seinem zehnminütigen Monolog riet Jimmy Kimmel, der selbst aus Las Vegas stammt, den republikanischen Abgeordneten: "Sie sollten zu Gott beten, dass er ihnen dafür vergibt, dass sie die Waffenlobby dieses Land steuern lassen." Nach einer Brandkatastrophe, so Kimmel, würden entsprechende Gesetze erlassen, um so etwas künftig zu verhindern. „Wenn jemand mit einem Bart uns angreift, hören wir Telefone ab, verhängen Reiseverbote, bauen Mauern.“ Aber wenn ein Amerikaner eine Waffe kaufe und andere Amerikaner töte, werde nichts getan.

In den USA fließen häufig prominente Tränen, wenn nach dem jeweils letzten Anschlag wieder einmal über die Verschärfung der Waffengesetze geredet wird – ohne dass etwas geschieht. So weinte Präsident Barack Obama, als er im Januar 2016 vor Hinterbliebenen die großen Massenmorde seiner beiden Amtszeiten Revue passieren ließ. Politisch konnte er wenig bewegen. Eine Verschärfung der teils extrem laxen Waffengesetze steht auch nach Las Vegas nicht in Aussicht. Die Waffengesetzgebung in den USA auf Bundesebene stammt aus dem Jahr 1968. Die letzte Änderung wurde in der Reagan-Ära vorgenommen, das war 1986. In dem "Waffenbesitzer-Schutzgesetz" wurden die Regeln jedoch nicht etwa verschärft, sondern wieder gelockert.

Und die Bundesstaaten tun das Ihre: In Nevada etwa, wo der jüngste Massenmord stattfand, gilt eine der laxesten Regulierungen der Vereinigten Staaten. Schusswaffen dürfen offen getragen werden. Die Käufer müssen nicht einmal nachweisen, dass sie psychisch gesund sind. In anderen Staaten hat man dagegen gelernt. In Connecticut etwa wurden 2013 nach einem Massenmord die Regeln verschärft. Dort dürfen etwa Magazine nicht mehr als zehn Patronen enthalten, halbautomatische Waffen wurden strikt reglementiert.

Die Zahlen sprechen eigentlich für sich: In den USA kommen so viele Menschen durch Schusswaffen zu Tode, wie nirgends anders in den entwickelten Ländern. Jahr für Jahr. Nach Angaben der Organisation Gun Violence Archive gab es allein 2017 in den USA mehr als 46.000 Vorkommnisse mit Schusswaffen. Mehr als 11.000 Menschen starben, über 23.000 wurden verletzt. Allein am 1. Oktober, dem Tag des Massakers von Las Vegas, kamen in den USA dem Archiv zufolge 49 Menschen bei weiteren Vorfällen durch Schusswaffen ums Leben - mindestens drei ebenfalls in Las Vegas.

Die Politik ist in dieser Frage klar an der Parteilinie gespalten. Die Demokraten wollen seit langer Zeit schärfere Waffengesetze. Schon Bill Clinton hatte sich als Präsident dafür eingesetzt, Barack Obama sowieso. Hillary Clinton hatte Schusswaffen zu einem ihrer Wahlkampfthemen gemacht - erfolglos. Sie alle kommen nicht am zweiten Verfassungszusatz vorbei, der den Amerikanern das Recht auf Selbstverteidigung zugesteht und damit das Recht auf Waffenbesitz festschreibt.

Die Demokraten stehen vor dem Problem, dass jeder vergebliche Anlauf, die Waffengesetze zu verschärfen, eine politische Niederlage darstellt und ihre Position weiter schwächt. Entsprechend vorsichtig hören sich die Worte von Charles Schumer an, dem Chef der demokratischen Senatsfraktion. "Wir müssen sicherstellen, dass die gefährlichsten Waffen nicht in die falschen Hände geraten", sagt er. Präsident Donald Trump kann sich nicht einmal dazu durchringen. "Über Waffengesetze werden wir sprechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist", sagte er am Dienstag.

Bisher hat sich Trump als klarer Unterstützer der Waffenlobby präsentiert, ihre Sprache und Argumente übernommen, sich gar als "ihr Freund und Anwalt" im Weißen Haus ausgegeben. Seine Wählerbasis wird mit überwältigender Mehrheit dem Pro-Waffen-Lager zugerechnet. Mit Neil Gorsuch berief er einen klaren Befürworter des freien Umgangs mit Schusswaffen in den Obersten Gerichtshof. Richter wie Gorsuch können im Zweifel auch von der Politik erlassene Gesetze wieder kippen.

Eine Vielzahl von Gründen spricht also dagegen, dass ausgerechnet ein republikanisch geführtes Weißes Haus mit republikanischen Mehrheiten im Senat und Abgeordnetenhaus im Rücken das Waffenthema neu anpackt. Die Waffenlobby tut ihr übriges. Organisationen wie die "National Rifle Asscociation" pumpen Millionen in das Thema – für teure Rechtsgutachten etwa, die den zweiten Verfassungszusatz ohne jede moderne Interpretation zementieren. Oder auch ganz unverblümt als Spenden in den Wahlkampf von Kandidaten mit entsprechender Gesinnung. Und das mit offensichtlichem Erfolg: Laut der Nachrichtenseite qz.com hatte die US-amerikanische Waffenindustrie 2016 190 Prozent mehr Waffen produziert als im Jahr 2000. Und wie in den USA nach Anschlägen üblich, schießen auch nach dem Fall in Las Vegas die  Aktien der Waffenhersteller in die Höhe, weil zu erwarten ist, dass die Menschen noch mehr Waffen kaufen – aus Angst, dass schärfere Waffengesetze es ihnen künftig schwerer machen könnten.

Auch Jimmy Kimmels Mahnung wird wohl größtenteils wirkungslos verhallen: „Beten allein hilft nicht. Kein amerikanischer Bürger braucht ein Maschinengewehr – oder zehn davon.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen