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Jesus statt Justin: Jugendliche sollten zu ihrem Glauben stehen

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Hannover (dpa/tmn) ? Im Alltag ist Religion selten ein Thema. Junge Gläubige können dadurch das Gefühl bekommen, alleine oder Außenseiter zu sein. Wer sucht, findet aber Gleichgesinnte. Und oft haben auch Gespräche mit atheistischen Freunden einen religiösen Kern.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2013 | 10:44 Uhr

Hannover (dpa/tmn) ? Im Alltag ist Religion selten ein Thema. Junge Gläubige können dadurch das Gefühl bekommen, alleine oder Außenseiter zu sein. Wer sucht, findet aber Gleichgesinnte. Und oft haben auch Gespräche mit atheistischen Freunden einen religiösen Kern.

Auf dem Schulhof dreht sich alles um die neue Fernsehserie, schwierige Klausuren und die angesagten Bands. Nur ein Thema hat scheinbar keinen Platz: der Glaube. Für viele Jugendliche mag er gar keine Rolle spielen. Andere fürchten vielleicht, dadurch zum Außenseiter abgestempelt zu werden. Um nicht anzuecken, sagen sie lieber nichts dazu - auch wenn sie es privat ganz anders handhaben.

Das wundert Jörn Möller nicht. «Religion ist in der Gesellschaft insgesamt kein Thema», sagt der Generalsekretär der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) in Hannover. Wer über seinen Glauben spreche, teile etwas sehr Intimes mit. Selbst für Erwachsene ist das schwierig. Religion ist deshalb definitiv kein Thema, das Jugendliche in einem lockeren Gespräch anschneiden.

Viele junge Christen empfinden ihren Glauben als etwas Privates, meint Möller. Bei anderen Religionen sei das anders, bei Muslimen beispielsweise. «Sie setzen sich viel stärker im Alltag mit ihrem Glauben auseinander, weil es eine größere Praxis und zum Beispiel Koranschulen gibt.»

Das kann Dunja Fazel bestätigen. Die 19-Jährige, deren Eltern aus Afghanistan stammen, leitet den Lokalkreis Düsseldorf der Muslimischen Jugend Deutschland. «Der Islam ist greifbarer, wir haben konkrete Richtlinien, wir lesen den Koran und beten fünfmal am Tag.» Für sie und die Jugendlichen aus ihrer Gruppe ist klar: Ihr Glaube ist etwas Positives.

Trotzdem leben vor allem junge Muslime ihren Glauben nicht immer offen aus, hat Fazel beobachtet. Gründe sind die Angst vor Ausgrenzung oder die Furcht, keinen Job zu finden. So tritt die Religion wie bei manchen Christen in den Hintergrund.

Für einen toleranteren Umgang setzt sich Lisi Maier ein, die Vorsitzende des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ). «Junge Menschen sollen selbstbewusst ihre Meinung sagen», findet sie, «egal ob zur Religion oder in der Politik.» Dass ein Gleichaltriger bei solch ernsten Themen mal einen unüberlegten Witz oder einen dummen Spruch macht, bleibt nicht aus.

Wie ein Jugendlicher darauf reagieren soll, komme auf das Alter, die Situation und die Gruppe an. Manche hielten den Mund, weil sie Angst haben, sich ins Abseits zu stellen. Maier rät, das Gespräch zu suchen. «Ich erkläre meinen Glauben gerne, weil er ein wichtiger Teil von mir ist», sagt sie. «Und ich merke, dass die Menschen gerne zuhören und es spannend finden, wenn ich über mein Engagement und Toleranz rede.»

Offen sein und reden, ist ein wichtiger Rat. Wer selbstbewusst mit einem Merkmal umgeht, das ihn zum Außenseiter macht, der leidet nicht unter seiner Rolle. «Zum Außenseiter werde ich, wenn ich anders aussehe oder mich anders verhalte und wenn andere das negativ bewerten», sagt Andreas Engel, Diplom-Psychologe der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) in Fürth. Dabei müsse es aber nicht bleiben. Jugendliche könnten zum Beispiel versuchen, offen auf den Anführer der Gruppe zuzugehen und mit ihm zu reden.

Und wenn die Kraft dafür fehlt? Die Muslima Fazel hat bereits Situationen erlebt, in denen ein lockerer Spruch zurück das Richtige war. «Eine Freundin von mir trägt ein Kopftuch. Als sie einmal in einen Bus eingestiegen ist, rief ein Junge von hinten "Hallo, Ayse".» Ihre Freundin drehte sich um und fragte trocken: «Was willst du, Peter?» Der Junge war verblüfft und sagte nichts mehr.

Eine andere Möglichkeit ist, sich Verbündete zu suchen. «Es kann Jugendliche in der Gruppe geben, die einen in Schutz nehmen», sagt der Psychologe Engel. Oder man vertraut sich seinen Eltern und Lehrern an.

«Man ist nie alleine», sagt Lisi Maier vom BDKJ und macht Mut: «Sucht in anderen Klassen oder Schulen, geht zu Jugendverbänden. Dort findet ihr Gleichgesinnte, mit denen ihr euch austauschen könnt.» So bekommen Jugendliche eine Idee davon, wie sie ihren Glauben mit dem Alltag verbinden können.

Evangelische Jugendliche haben Jörn Möller zufolge meist im Konfirmationsunterricht den ersten Kontakt mit gelebtem Glauben. Auch für die Zeit danach könnten sie dort nach Anschluss zu suchen. Es gebe in allen Gemeinden eine Jugendkirche, die Gottesdienste organisiert, in Sozialen Netzwerken aktiv ist und Ferienfreizeiten plant.

Doch auch gegenüber ihren Freunden müssen Jugendliche ihren Glauben nicht vertuschen. Es muss ja nicht sofort eine Diskussion über Jesus oder bestimmte Bibelstellen sein. «Der Religionsbegriff ist breiter geworden», sagt Möller. Fast alle Teenager könnten etwas mit Themen wie dem Tod der Großeltern oder dem Sinn des Lebens anfangen. Und wer darüber spricht, redet bereits über Religion.

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