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Tornado in China : Jangtse-Strom: Noch über 400 Menschen nach Schiffunglück vermisst

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Es könnte die schlimmste Schiffskatastrophe seit Jahrzehnten werden – und die Bergung der Vermissten gestaltet sich weiter schwierig. Im Internet wird Kritik an der Zensur Chinas laut.

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2015 | 08:08 Uhr

Peking | Nach der Schiffskatastrophe mit mehr als 400 Vermissten auf dem Jangtse in Zentralchina schwinden die Hoffnungen, noch Überlebende zu finden. Es könnte die „schlimmste Schiffskatastrophe in fast sieben Jahrzehnten“ in China werden, wie Staatsmedien am Mittwoch schrieben. Trotz einer groß angelegten Bergungsaktion konnten auch mehr als 40 Stunden nach dem Unglück erst gut zwei Dutzend Leichen geborgen werden. Nur 14 Überlebende wurden gerettet. „Wir haben heute kein Glück“, sagte ein Reporter des Staatsfernsehens.

Das Schiff „Stern des Orients“ war auf dem Weg von Nanjing in Ostchina in die Metropole Chongqing im Südwesten, als das Unglück noch flussabwärts von dem berühmten Touristenziel der Drei Schluchten im Bereich von Jianli in der Provinz Hubei passierte. Gebaut wurde es im Jahr 1994.

Am zweiten Tag nach der Katastrophe nahmen die Chancen, noch Überlebende zu finden, weiter ab. Mehr als 4600 Helfer waren im Einsatz, darunter mehr als 200 Taucher. Ein Bergungsschiff mit einem Kran traf über Nacht am Unfallort bei Jianli in der Provinz Hubei ein. Ein weiteres wurde im Laufe des Tages erwartet. Beide sollen das Schiffswrack anheben, um die Bergungsarbeiten zu erleichtern.

Chinas Staatsmedien berichteten über die Bergungsaktion detailliert und hoben besonders die „starke Führung“ von Premier Li Keqiang bei der Koordinierung vor Ort hervor. Das Fernsehen zeigte, wie sich der Regierungschef in Trauer vor zwei mit weißen Tüchern zugedeckten Leichen auf einem Schiffsdeck verneigte und der Opfer gedachte.

Der Kapitän und Chefingenieur überlebten und sind in Gewahrsam der Polizei. Beide beschrieben einen Tornado, der das Schiff in Schieflage und in „ein bis zwei Minuten“ zum Kentern gebracht habe. Das Wetteramt bestätigte, dass es zu der Zeit in dem Gebiet einen Tornado über 15 bis 20 Minuten gegeben habe. Gegen den Kapitän wurden bisher keine Vorwürfe erhoben, doch gibt es viele Fragen über den Unfall. Die Ermittlungen laufen.

Unklar war, warum das Schiff trotz des schlechten Wetters weiter gefahren ist. So hatte ein anderes Schiff, das zu gleichen Zeit den Hafen verlassen hatte, angesichts des Sturmes seine Fahrt bei Chibi gestoppt, wie die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ berichtete. Auch hätten Satellitenaufnahmen gezeigt, dass das Unglücksschiff um 21.20 Uhr plötzlich eine scharfe Wendung gemacht habe, bevor es zehn Minuten später gesunken sei.

Trotz des Einsatzes von mehr als 4600 Helfern, mehr als 200 Tauchern und zahlreichen Schiffen blieb die Suche nach den Vermissten weitgehend erfolglos. Um die Bergung zu unterstützen, wurde der Wasserstand des Jangtse verringert, indem der Abfluss aus dem weiter flussaufwärts liegenden Drei-Schluchten-Dammes gedrosselt wurde.

In Zweier- oder Vierergruppen suchten Taucher im Inneren des Schiffes nach Opfern. Die Sicht war wegen des trüben Wassers auch trotz starker Strahler extrem schlecht, erklärten Verantwortliche. Zudem erschwerten die heftige Strömung und niedrigen Wassertemperaturen die Suche. Vielfach konnten sich die Taucher nur tastend fortbewegen.

Die Rettung nach Überlebenden des Schiffsunglücks in China läuft auf Hochtouren.
Die Rettung nach Überlebenden des Schiffsunglücks in China läuft auf Hochtouren. Foto: dpa

Es mehrten sich kritische Stimmen im Internet, die Chinas Zensur aber streichen ließ. „Warum sind so wenig Menschen gerettet worden? Warum kenterte das Schiff und warum wurden der Kapitän und ein Besatzungsmitglied gerettet?“, lautete ein gelöschter Beitrag, der von der Aktionsgruppe Free Weibo wiederhergestellt wurde. „Warum gab es keinen Notruf? Wer hat die Verantwortung, das Schiff zu stoppen, wenn es mit Wind und Regen konfrontiert ist?“ Häufig wurde diskutiert, wie ausgerechnet der Kapitän und der Chefingenieur zu den Überlebenden gehören konnten. Auch nach chinesischem Recht muss der oberste Schiffsführer im Notfall jede etwaige Evakuierung koordinieren und als letzter von Bord gehen. Es wurde auch darauf verwiesen, dass das Unglück sehr schnell passierte und es möglicherweise keine Zeit für Notaktionen gab.

Chinesische Medien durften nicht selber Reporter an den Unfallort entsenden, sondern mussten Berichte der Staatsagentur Xinhua nachdrucken. Auch durften sie nicht selber kommentieren. Gegen den Kapitän wurden bisher keine Vorwürfe erhoben, doch gab es viele Fragen über den Unfallhergang. Die Ermittlungen liefen.

Unter den 458 Menschen an Bord sind nach neuen Angaben von Xinhua 406 Passagiere, 47 Besatzungsmitglieder und 5 Reisebüromitarbeiter gewesen. Es habe nach ersten Ermittlungen genug Schwimmwesten gegeben. Auch sei das Schiff nicht überladen gewesen.

Von dem 76 Meter langen Schiff ragten nur der Kiel und halb die Schiffsschraube sowie das Ruder aus dem Wasser. Starker Wind und schwere Regenfälle behinderten die Bergungsarbeiten. Zu den wenigen Überlebenden gehören eine 65 Jahre alte Frau und ein 21 Jahre alter Mann, die in Luftblasen überlebten und von Tauchern mit Hilfe von Atemgeräten aus dem Wasser gerettet werden konnten.

Mehr als 100 Reisende an Bord hatten die elftägige Reise über ein Shanghaier Reisebüro gebucht. Verzweifelte Angehörige suchten dort vergeblich nach Informationen. Das Reisebüro war geschlossen. Nach Angaben von Xinhua waren die Touristen meist zwischen 60 und 80 Jahre alt. In der online vorliegenden Passagierliste rangierte das Alter von 3 bis 83 Jahren. Die meisten stammten aus Shanghai und der angrenzenden Provinz Jiangsu. Es gab zunächst keine Hinweise, dass Ausländer an Bord gewesen seien.

Papst Franziskus hat den Betroffenen des Schiffsunglücks sein Mitgefühl ausgesprochen. „Ich drücke dem chinesischen Volk in diesem schwierigen Moment meine Nähe aus“, sagte der Papst am Mittwoch bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom. Er bete für die Opfer, für deren Familien und für alle, die bei der Rettung beteiligt seien.

Mit seinen rund 6300 Kilometern ist der gigantische Jangtse-Strom der längste Fluss Asiens und nach Nil und Amazonas der drittlängste Fluss der Welt. Für China hat der Jangtse große Bedeutung, denn er ist seit mehr als 2000 Jahren der bedeutendste Verkehrsweg des Landes und gilt als wirtschaftliche Lebensader. Sein Einzugsgebiet ist reich an Bodenschätzen und beherbergt bedeutende Industriestandorte. Die Tiefebene am Mittel- und Unterlauf zählt zu den fruchtbarsten Gebieten des Landes und gilt als Chinas Kornkammer.
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