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Wahl des Staatspräsidenten : Indiens „Unberührbare“: Unterste Kaste an der Spitze des Staates

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Beide Kandidaten sind Dalits - früher „Unberührbare“. Die gesellschaftliche Stellung der Kaste wird damit nicht besser.

shz.de von
erstellt am 17.Jul.2017 | 10:47 Uhr

Shabbirpur/Neu Delhi | Den Dalits in Shabbirpur ist es herzlich egal, dass Indiens nächstes Staatsoberhaupt wie sie von der niedrigsten Stufe des Kastensystems stammen wird. Die früher als „Unberührbare“ geltenden Bewohner des staubigen nordindischen Dorfes stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Spannungen mit Angehörigen der höheren Thakur-Kaste, die die Mehrheit in dem 3000-Seelen-Ort stellen, eskalierten vor einigen Wochen. Ein Thakur-Mob brannte rund 50 Häuser der Dalits nieder und tötete einen Jugendlichen.

Das hierarchische Kastenwesen hat die indische Gesellschaft seit Jahrtausenden geprägt. Je nach Zugehörigkeit seiner Familie wird jeder Inder von Geburt an entweder einer der vier Hauptkasten - einer sogenannten Varna - oder den „Unberührbaren“ zugeordnet. Letztere werden heute offiziell als „Scheduled Castes“ („registrierte Kasten“) bezeichnet. Sie nennen sich heute in der Regel „Dalits“, der Begriff schließt allerdings zahlreiche Untergruppen mit ein.

Angriffe auf Dalits sind in Indien keine Seltenheit. Daran wird nach Ansicht der Menschen in Shabbirpur auch ein Dalit-Staatschef nichts ändern. Indiens Parlamentarier hatten am Montag bei der Wahl des neuen Staatspräsidenten zwei Dalits zur Wahl - die Regierungspartei BJP und die Opposition traten beide mit einem Dalit an.

Dalits im hinduistischem Glauben

Der Begriff Kaste leitet sich vom portugiesischen Wort „casto“ (rein, keusch) her. Die „Unberührbaren“ werden nach hinduistischem Glauben als „unrein“ angesehen. In Indiens Verfassung von 1950 steht zwar, dass niemand aufgrund seiner Kaste diskriminiert werden dürfe. Doch die Realität sieht für die Dalits häufig anders aus.

Dalit-Quoten im Parlament

Dass es für Dalits Quoten im Parlament, bei Verwaltungsberufen oder in Universitäten gibt, hilft nur bedingt gegen die Diskriminierung. Dennoch kam bereits ein Staatspräsident aus ihren Reihen. Kocheril Raman Narayanan hatte von 1997 bis 2002 dieses Amt inne. Und Kumari Mayawati brachte es zur Ministerpräsidentin des Bundesstaates Uttar Pradesh.

 

„Die Parteien versuchen nur, sich bei den Dalits einzuschmeicheln, um unsere Stimmen bei den nächsten Wahlen zu bekommen“, meint der 61-jährige Shivraj in Shabbirpur. „Wird der neue Präsident überhaupt die Macht haben, Gräueltaten gegen Dalits zu stoppen? Es ist ja nur ein zeremonieller Posten, wichtig ist die Politik der Regierung.“ Das indische Staatsoberhaupt erfüllt, ähnlich wie der deutsche Bundespräsident, vor allem repräsentative Aufgaben. Die Macht liegt beim Premierminister.

Indiens gesellschaftliche Hierarchie nach dem etwa 3000 Jahre alten hinduistischen Kastensystem hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Art Lockerung erfahren. Die Verfassung von 1950 sieht ein System der positiven Diskriminierung für benachteiligte Gruppen vor. Die rund 200 Millionen Dalits werden heute nicht mehr „Unberührbare“ genannt, wohl aber immer noch diskriminiert. Ihnen wird weiter der Zutritt zu Tempeln oder das Trinken aus gemeinschaftlichen Brunnen verboten. Noch heute haben die meisten Dalits kein Land und üben vor allem körperliche Arbeit aus. Viele sind Müllsammler.

Auch Dalits haben Chancen es in Wirtschaft und Politik weit zu bringen

Es gibt aber auch Dalits, die es weit gebracht haben. Dazu gehören die zwei Präsidentschaftskandidaten: der Regierungschef des Bundesstaates Bihar, Ram Nath Kovind von der BJP und die Kandidatin der Oppositionsparteien, Meira Kumar, eine frühere Diplomatin und Parlamentspräsidentin. Der als „Vater der indischen Verfassung“ verehrte Bimrao Remdschi Ambedkar war ebenfalls Dalit.

Die Kandidatin für das Amt des Staatsoberhaupts, Meira Kumar.

Die Kandidatin für das Amt des Staatsoberhaupts, Meira Kumar.

Foto: Imago/Hindustan Times
 
Der Regierungskandidat, Ram Nath Kovind (Zweiter von links), bei seiner Nominierung in Neu-Delhi.

Der Regierungskandidat, Ram Nath Kovind (Zweiter von links), bei seiner Nominierung in Neu-Delhi.

Foto: Imago/Hindustan Times

Auch Chandra Bhan Prasad hat sich als Dalit-Intellektueller einen Namen gemacht. Der Journalist und Aktivist engagiert sich in der Dalit-Indischen Industrie- und Handelskammer und verkauft neuerdings im Internet von Dalits produzierte Lebensmittel. „Das Kastensystem hat Tausende Jahre Bestand gehabt, weil soziale Kennzeichen die Existenz der Menschen bestimmten“, erzählt er der Deutschen Presse-Agentur. „Heute überwiegen im Kapitalismus materielle Kennzeichen.“ So sei eine Dalit-Mittelschicht erwachsen.

Das sei vor allem ein Phänomen der Städte, erklärt Prasad. „Legen Sie eine gefährliche Schlange auf einen glatten Boden, und sie verliert ihre Kraft, da sie das nicht kennt. Ebenso kommen Kasten in Städten durcheinander.“ Der Nachfolger des amtierenden Präsidenten Pranab Mukherjee wird von den insgesamt knapp 5000 Abgeordneten der Parlamente des Landes und der Bundesstaaten gewählt. Egal wie es ausgeht, wird Indien seinen zweiten Dalit-Präsidenten bekommen.

Aktivist Prasad: Ein Staatspräsident der Dalit ist, ist so besonders wie ein schwarzer US-Präsident

Für Prasad ist das vergleichbar mit einem etwaigen zweiten schwarzen US-Präsidenten nach Barack Obama. Dass erstmals zwei Dalits gegeneinander antreten, sieht er als politisches Kalkül. Kovind, der Kandidat der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP, stamme aus einer kleinen Unterkaste namens Kori. Es gehe darum, die deutlich größere Unterkaste der Chamar auszustechen. Diese habe das Kastensystem immer abgelehnt und sei zum Buddhismus übergetreten. Die Partei wolle die Stimmen der anderen Dalits abgreifen und sich mit ihrem Dalit-Kandidaten zudem als fortschrittlich darstellen. „Die BJP hat sich entschieden, die Gemeinde zu spalten“, erklärt Prasad. „Und die Opposition ist in diese Falle getappt, indem sie eine Chamar-Kandidatin aufgestellt hat.“

Für die Dalits in Shabbirpur sind die Politik in Neu Delhi und das Großstadtleben weit weg von ihrem Alltag. „Sie kamen mit Schwertern und Eisenstangen bewaffnet am helllichten Tag, haben uns geschlagen und unsere Häuser angezündet“, erzählt Dal Singh vom Angriff des Mobs. Sein Haus ist ein einziger Trümmerhaufen mit verstreuten, ramponierten Möbeln. „Die Täter laufen noch immer frei herum.“

Trotzdem kommt auch in dem Ort im Bundesstaat Uttar Pradesh bei den Dalits Selbstbewusstsein auf. Die jüngere Generation ist gebildet und will sich gegen die Unterdrückung wehren. „Früher durften wir höheren Kasten nicht in die Augen schauen“, erzählt der Mittzwanziger Srikanth, der in Shabbirpur einen Holzhandwerk-Betrieb hat. „Jetzt, da wir aufsteigen und uns bilden, begegnen wir ihnen auf Augenhöhe. Sie können es nicht ertragen, ihre Vorherrschaft zu verlieren.“ Er fügt hinzu: „Sie müssen sich aber daran gewöhnen.“

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