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Interview mit Howard Carpendale : „Ich wünsche mir Respekt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Howard Carpendale über die Flüchtlingsproblematik, den US-Wahlkampf, Werteverlust und den Tod.

shz.de von
erstellt am 10.Jan.2016 | 11:32 Uhr

Von Begriffen wie Superstar oder Legende hat der Sänger und Entertainer nie etwas gehalten und so beschäftigen den leidenschaftlichen Golfer aktuell weit mehr als die eigene Person und das Musikbusiness. Bevor sich der Jubilar rund um seinen Geburtstag am Donnerstag für drei Tage ins Ausland verabschiedet, um mit seiner Familie den Ehrentag „in einem tollen Restaurant“ zu feiern, hat Howard Carpendale im Interview über die Flüchtlingsproblematik und den US-Wahlkampf, über Gier, Werteverlust und den Tod.

Der 50. Geburtstag stürzt manch einen schon in die viel zitierte Midlife-Crisis – wie geht es Ihnen beim Blick auf die 70?
Ich habe das mit 50 und 60 auch erlebt und damals gedacht: Jetzt wird es aber eng... Doch mit 70 brauche ich nicht mehr darüber nachzudenken, ob das noch mitten im Leben ist, denn das ist wirklich ein hohes Lebensalter – nur fühle ich mich überhaupt nicht so.
 

Im kommenden Frühjahr soll Ihre Autobiografie erscheinen...
Es ist weniger eine Autobiografie als vielmehr ein Lebens-Buch. Unsere Welt ist derzeit in einem sehr kritischen Stadium – was haben wir nicht alles in der jüngsten Vergangenheit erlebt. Fast jeden Monat ein neues Thema, das unsere Gedanken von den vorigen Problemen ablenkt – ohne dass letztere indes gelöst wären.
 

Machen Ihnen die Terroranschläge des Islamischen Staates wie zuletzt in Paris Angst?
Angst ist ein Wort, das ich in diesem Zusammenhang nicht benutzen würde, aber es ist schon eine Fortsetzung des Irrsinns, den wir seit einiger Zeit erleben und symptomatisch für eine aus den Fugen geratene Welt. Und ich hoffe sehr, dass wir uns die Courage bewahren, die wir brauchen.


All diese Themen greifen Sie nun in Ihrem Buch auf?
Entstanden ist diese Idee aus einem Buch, das Yannick Noah verfasst hat: Er hat es gewagt, zu über 20 Themen seine ganz persönliche Meinung zu schreiben – und so erzähle auch ich nun die Geschichte meiner Themen von Politik bis Sterbehilfe, jeweils ergänzt durch ein Interview mit mir.


Sie werden Donnerstag nicht nur 70, sondern feiern auch Ihr 50-jähriges Berufsjubiläum...
… was ich nicht so beiseite schiebe, denn das ist eine Leistung.


Was hat sich denn in diesen 50 Jahren am stärksten verändert im Musikbusiness?
Die größte Veränderung steht uns noch bevor. Durch das Streaming wird sich die Musikszene gewaltig verändern – die Musik-CD wird keine zehn Jahre mehr überleben.


Sie fühlen sich besser denn je – merken Sie wirklich so gar kein Zipperlein?
Die Jahre zwischen 2003 und 2007, meinem Rücktritt und Comeback, ja sogar noch darüber hinaus, das waren sehr schwierige Zeiten für mich. Ich steckte in einer tiefen Depression, während der ich sogar daran gedacht habe, mein Leben irgendwann zu beenden. Herausgekommen bin ich dadurch, dass ich zwei, drei Jahre nach meiner Comeback-Tour mein Team gewechselt habe…


Sie haben damals den Rat eines Psychologen in Anspruch genommen. Wie schwer ist Ihnen der Gang zum Psychologen gefallen?

Für mich ist ein Psychologe jemand, der genug Erfahrung besitzt, um über Probleme anderer zu sprechen – und ich habe damals den richtigen gefunden, der mir sehr geholfen hat. Und dass Menschen Hilfe suchen bei jemand anderem, das halte ich für völlig normal.

Selbst auf Ihrer Tour lassen Sie sich keine politischen Nachrichten entgehen.
Es bewegt mich sehr, was derzeit in unserer Welt passiert: Wie kann es sein, dass ein Menschenleben inzwischen so wenig bedeutet? Wir sind in einem Stadium, wo wir im Grunde die Welt anhalten und nachdenken müssten – irgendetwas stimmt hier nicht.


Allein, was kann der einzelne da schon ausrichten?
Ich sehe all diese Probleme und helfe dort, wo ich vielleicht etwas tun kann. In meinem Fall ist das eine immer engere Bindung an die Welthungerhilfe, wo ich mir persönlich als Ziel gesetzt habe, 300.000 Euro pro Jahr für diese Organisation zu sammeln.


Die Nachrichten über das Elend in der Welt lassen also auch Sie nicht unberührt?
Die Nachrichten bewegen mich schon sehr – und ich behaupte, der eigentliche Krieg in dieser Welt ist nicht einer der Kriege, von denen wir täglich hören, sondern das ist der Krieg zwischen Arm und Reich. Das sieht man auch an einer Sache wie jetzt bei VW: Das ist nichts anderes als Gier – es kann doch nicht sein, dass Menschen, die wie ich das Glück haben, auf der Sonnenseite zu leben, nur überlegen, wie sie noch reicher werden.


Aber ist nicht auch das irgendwo menschlich?

In Skandinavien zahlen die Menschen sehr viel höhere Steuern als wir, doch sie sehen die Steuern nicht als etwas Böses, das ihnen Geld klaut, sondern verstehen Steuern als eine Investition in die Zukunft ihres Landes. In den USA hingegen schützen gerade die sehr reichen Leute auch noch ihren letzten Cent gegen Steuern – diese Haltung muss man ändern.


Woher rührt denn diese andere Haltung gegenüber dem eigenen Land?

Das Problem ist, dass es weder in Deutschland noch in den USA mehr Vertrauen in die Politik gibt – die Skandinavier haben da offenbar ein besseres Verhältnis zu ihren Politikern. Ein unglaubliches Hindernis dabei ist die Political Correctness, die heute überall eingefordert wird, denn dadurch dürfen wir nicht ehrlich sein – und das finde ich katastrophal! Ich will meine Meinung sagen!


Sie leben derzeit in München. Warum?
Es gibt 35 Tage mehr Sonnenschein als in Hamburg… (lacht) Nein, es ist schon eine sehr internationale Stadt, in der sich deutschlandweit die meisten Menschen aus anderen Ländern niederlassen – und es gibt diese unmittelbare Nähe zu anderen Ländern. Ich mag diese Gegend einfach, auch wenn die Münchner Mentalität nicht unbedingt meine ist.


Hat sich Ihr Blick auf die USA verändert, seit Sie hier leben?
Ja, aber nicht erst, seit ich hier lebe. Schon in Amerika hatte sich bei mir eine zunehmende Skepsis entwickelt: Die USA sind in weiten Teilen kein sehr gebildetes Land, was große Gefahren mit sich bringt – und das sehe ich heute mehr denn je. Seit dem 11. September 2001 ist Amerika für mich eines der gefährlichsten Länder der Welt geworden: Von dort könnte ein neuer Weltkrieg ausgehen. Zumal die Menschen eben auch sehr leicht zu beeinflussen sind, wie ein Donald Trump zeigt; ein ideales Feld für einen kriegerischen Aggressor.


Woher rührt denn die Neigung der US-Amerikaner für solche Rattenfänger-Typen?
Die Amerikaner sind unendlich patriotisch. Gerade in diesen Zeiten, wo die USA in aller Welt immer mehr belächelt werden, sehnen sie sich nach einem Mann, der sagt: I make this country great again. Great sind sie zwar schon lange nicht mehr, aber es ist eine Aussage, die ihren Nerv trifft, denn sie spüren schon, dass sie international belächelt werden. Die Amerikaner sind zum Teil große Kinder, die sehr leicht zu begeistern sind – und das tut Trump.


Zweifellos ist die Politik auch in Europa überfordert, wie sich ja gerade in der Flüchtlingsproblematik zeigt.
Für dieses Problem gibt es nur eine Lösung: Wir müssen die anderen EU-Länder dazu bringen, ihren Pflichten nachzukommen. Martin Schulz…


…der EU-Parlamentspräsident…
… hat sehr treffend gesagt: Aufgeteilt auf die 28 EU-Staaten, wäre die große Flüchtlingszahl kein Problem – zur Krise wird diese erst, wenn sich die Verteilung auf vier Nationen beschränkt. Und da stehen wir momentan vor einem Gordischen Knoten – und ich frage mich, wer der erste ist, der diesen Knoten zumindest ein wenig löst.

 

Inzwischen stehen Sie seit 50 Jahren auf der Bühne – gibt es da noch unerfüllte Karrierewünsche?
Ich möchte meine Karriere in Würde beenden und nicht mehr allzu viele Fehler machen. Künstler streben nach Respekt: Die meisten von uns haben diesen Beruf nicht ergriffen, um Kohle zu verdienen, sondern es gibt ein sehr starkes Bedürfnis, Anerkennung zu ernten – als ich 2003 meinen Rücktritt erklärte, habe ich sehr viel Respekt erlebt. In den ersten Jahren nach meinem Comeback haben wir dann Fehler gemacht, das Ganze glitt zurück in die Schlagersänger-Ecke; doch nun durch die Änderungen bei mir wie auch in meinem Team gibt es da wieder einen sehr großen Respekt für meine Karriere…


… und den möchten Sie sich bewahren.

Ja – weshalb es auch nicht mehr mein Ziel ist, Fußballstadien zu füllen, sondern ich möchte sehr gerne vor 3000 Menschen meine Konzerte geben. Ich möchte nicht mit dieser Angst leben, unbedingt ein Stadion füllen zu müssen, sondern gute Konzerte machen für ein Publikum, das ich noch erreichen kann. Das möchte ich noch ein paar Jahre fortführen und dann ganz leise ohne großes Tamtam sagen: Dankeschön, das war’s.


Denken Sie dabei auch über das endgültige Ende des Lebens nach?

Ja – allerdings heißt das nicht, dass ich davor Angst hätte. Ich bin jemand, der sehr von der Sterbehilfe überzeugt ist: Es ist vollkommen in Ordnung, wenn ein Mensch selbst entscheidet, wann er sich von dieser Welt verabschieden möchte. Auch hier in Deutschland haben wir ein großes Problem mit der Pflege älterer Menschen, und eine gute Lösung für ein würdiges Ende des Lebens wäre da sehr wichtig – und dazu gehört die Sterbehilfe.


Glauben Sie, dass nach dem Tod noch etwas kommt?
Ich hoffe es – aber ich glaube es nicht, dafür bin ich ein zu pragmatischer Mensch. Wir sollten sehen, dass wir unsere 70, 80 Jahre auf Erden genießen, soweit wir es können, ohne dabei andere Menschen zu verletzen oder ihnen zu schaden. Und selbst wenn etwas käme: Wir würden es eh nie wissen. Zumindest erinnere ich mich aus meinem letzten Leben an nichts mehr, was da passiert ist…

Howard Carpendale live:

Freitag, 12. Februar, 20 Uhr, Kiel, Sparkassen-Arena; Karten: 0431/98210226
Sonnabend, 13. Februar, 20 Uhr, Hamburg, CCH; Karten: 01806/570070

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