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Warnung vor Sturmfluten : Hurrikan „Irma“ wütet über Florida: Hunderttausende ohne Strom

vom

„Irma“ erreicht Windstärken von bis zu 210 Kilometern pro Stunde und sorgt für Überschwemmungen.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2017 | 18:00 Uhr

Miami/Tampa/Key West | Hurrikan „Irma“ hat mit Windgeschwindigkeiten von 209 Stundenkilometer den Florida Keys und den Süden der Halbinsel erreicht. Der schwerste Tropensturm seit 57 Jahren bedroht jetzt die Ballungszentren an der Westküste des Bundesstaates.  

„Irma“ hält die Region bereits seit mehreren Tagen in Atem. Bei seinem Zug durch die Karibik hatte der Sturm nach inoffiziellen Schätzungen mehr als 20 Menschen das Leben gekostet, einige Gebiete gelten als unbewohnbar.

Maggie Howes lässt sich von Mutter Natur so schnell nicht einschüchtern. Sie gehört zu den offiziellen Einsatzkräften, die auf der Inselkette an der Südspitze Floridas zurückblieben. Doch was Howes kurz nach neun Uhr am Sonntagmorgen erlebte als das Auge des Hurrikans „Irma“ in „Cudjoe Key“ auf Land traf sprengt selbst die Vorstellungen der erfahrenen Rettungshelferin.   

„Das ist der schlimmste Sturm, den ich je erlebt habe“, berichtet sie über ihr Mobiltelefon live im US-Fernsehen. „Sie riskieren ihr Leben“, hatte der Polizeichef von Key West, Donald Lee, die Bewohner der schmalen Inseln gewarnt, gen Norden zu evakuieren. „Ihnen kann niemand helfen“.

Der Boot-Kapitän Brian Cone gehört zu den wenigen der 70.000 Einwohner, die sich der Evakuierung-Anordnung widersetzten. „Ganz Florida ist in Gefahr“, erklärt Cone sein Kalkül, „Irma“ in seinem zu einer Festung ausgebauten Zement-Bunker auszusitzen.

Heftiger Wind in Florida kündigt Hurrikan „Irma“ an.
Bereits am Samstag brachten die Ausläufer des Hurrikans starke Winde und heftige Regenfälle in den Süden Floridas. Die Inselgruppe der Florida Keys wurde von ersten orkanartigen Böen getroffen. Der nationale Wetterdienst registrierte Windgeschwindigkeiten von bis zu 215 Kilometern pro Stunde. Foto: dpa

Neben den Sturmfluten, die bis zu fünf Meter über dem Meeresspiegel anschwollen, galt die größte Sorge den 42 Brücken, die die Keys über mit Miami verbinden. „Wenn wir nur eine verlieren, stecken die Menschen südlich davon fest“, warnte Gouverneur Rick Scott, der mit aufgekrempelten Ärmeln und „Navy“-Baseballkappe den Macher gibt.

Gouverneur Scott mobilisierte 7000 Mitglieder der Nationalgarde. Florida sei insgesamt gut auf den Hurrikan vorbereitet, sagte er. Man dürfe den Sturm jedoch auf keinen Fall unterschätzen. Scott rief alle Menschen in den Evakuierungszonen erneut eindringlich dazu auf, sich in Schutzräume zu begeben.

Insgesamt ordneten die Behörden die Evakuierung von über 6,5 Millionen Menschen aus Gefahrenzonen im Süden Floridas an. Das entspricht rund 30 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates. Das führte zu Verkehrschaos auf den beiden Hauptverkehrsschlagadern, den Interstate 95 und 75 sowie zu massiven Engpässen bei der Benzinversorgung.

Der Monster-Sturm, der bereits eine Schneise der Zerstörung durch die Karibik und Kuba gezogen hat, Milliardenschäden anrichtete und schon mindestens 25 Menschenleben forderte, drehte erst ein wenig nach Westen und dann abermals Richtung Norden ab. Damit blieb Miami und die östliche Küste von dem Allerschlimmsten verschont.

Übersichtskarte mit voraussichtlichem Verlauf des Wirbelsturms.
Übersichtskarte mit voraussichtlichem Verlauf des Wirbelsturms. Foto: dpa

Dafür droht nun den Tourismus- und Bevölkerungszentren rund um Fort Myers, Cape Coral, Sarasota und St. Petersburg eine potentiell verheerende Katastrophe. Die Region um Tampa hat sein mehr als Hundert Jahren keinen großen Hurrikan mehr erlebt, gilt wegen ihrer geografischen Lage aber als extrem gefährdet. Manche Experten vergleichen die Situation dort mit der von New Orleans. 

Tampa liegt in einer Bucht des Golfs von Mexiko. In der Region münden mehrere Flüsse ins Meer, das macht sie noch anfälliger für Überschwemmungen. Experten gehen davon aus, dass die Stadt und die umliegenden Bezirke schlecht gerüstet sind für einen Hurrikan.

„Es sieht so aus, als sei unsere Stunde gekommen“, ahnt  Bürgermeister Bob Buckhorn Ungemach für die Einwohner der von Traumstränden, Lagunen und Flüssen umgebenen Region. Wegen des Anstiegs des Meeresspiegels in Folge des Klimawandels und der enormen Überflutungsgefahr schossen die Versicherungsprämien hier in den vergangenen Jahren in astronomische Höhen. Tampa und St. Petersburg ordneten wegen der enormen Gefahr und aus Sorge vor Plünderungen ab Sonntag Spätnachmittag eine Ausgangssperre an.

Auf dem falschen Fuß verwischten die Vorhersagen für „Irma“ die Counties „Collier“ und „Lee“, wo die Behörden in letzter Minute Notunterkünfte eröffneten. Insgesamt haben überall in Florida 385 Schutzzentren geöffnet, in denen vor allem die arme Bevölkerung Unterkunft findet. Mehr als 115.000 Menschen harrten in der Nacht zu Sonntag bereits in Notunterkünften aus.

Die Germain Arena in Estero, Florida (USA) ist eine von zahlreichen Notunterkünften. Rund 6,3 Millionen Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen.
Die Germain Arena in Estero, Florida (USA) ist eine von zahlreichen Notunterkünften. Rund 6,3 Millionen Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Foto: dpa

Für Miami und andere Gebiete auf dieser Seite gilt keinerlei Entwarnung, nur weil „Irmas“ Zug auf der Halbinsel weiter westlich liegt als zunächst angenommen. Fernsehbilder aus Miami zeigten Reporter, die sich im Wind kaum auf den Beinen halten konnten.

Erste Bilder zeigen den Sturm in Miami Beach.

 

Bereits innerhalb weniger Stunden nachdem die ersten Vorboten „Irmas“ das Festland erreichten waren mehr als 1,3 Millionen Haushalte in Florida ohne Strom. Das sind etwa 30 Prozent der Kunden von „Florida Power and Light“, das vor allem den Süden des Bundesstaates mit Strom beliefert.

Mit gewaltiger Zerstörungskraft hat Hurrikan „Irma“ am Sonntag die Südspitze Floridas erreicht.
Mit gewaltiger Zerstörungskraft hat Hurrikan „Irma“ am Sonntag die Südspitze Floridas erreicht. Foto: dpa

„Das ist eine der schlimmsten Situationen, die wir je erlebt haben“, sagt der Stadtdirektor des vornehmen Naples, Bill Moss, der damit rechnet, dass es „über Tage“ keinen Strom geben wird.

Größenvergleich: Wäre Hurrikan „Irma“ über Europa hinweggezogen, wären mehrere Länder gleichzeitig betroffen gewesen.

US-Präsident Trump, dessen Golfclub Mar-a-Largo von Palm Beach von „Irma“ gestreift wird, telefonierte mehrfach mit Gouverneur Scott und verfolgt das Geschehen vom Weißen Haus aus. Senator Marco Rubio aus Miami äußerte sich besorgt über die Konsequenzen für den Bundesstaat. „Das ist eine verheerende Kette von Ereignissen“.

Auch in den benachbarten Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen. Für einige Gebiete im Süden von Georgia galten Hurrikan-Warnungen. In Alabama mobilisierte Gouverneur Kay Ivey vorsorglich die Nationalgarde.

Verstört sind auch viele Kunden der großen amerikanischen Airlines, die in der Not nicht helfen, sondern Kasse machen. „Das Leben von Menschen ist bedroht und die Fluggesellschaften verlangen 1.500 Dollar für ein Einweg-Ticket um #IrmaHurricane zu entkommen“, twittert einer der empörten Floridianer. „Schande über sie“. 

Die für die Aufsicht der Airlines zuständige Generalstaatsanwältin Pam Bondi bestätigte, dass bis Montag bereits 7.000 schriftliche Beschwerden über Preiswucher der Luftfahrtgesellschaften eingegangen seien. 

Schwere Schäden durch „Irma“ auch in Kuba

Starke Wellen schlagen am späten Samstagabend an den Malecon, die berühmte Uferpromenade in Havana, Kuba.
Starke Wellen schlagen am späten Samstagabend an den Malecon, die berühmte Uferpromenade in Havana, Kuba. Foto: dpa

Besonders schlimm erwischte es unter anderem die Provinz Villa Clara auf Kuba. In dem Fischerort Caibarién wurden reihenweise Hausdächer abgedeckt, Bäume entwurzelt und es kam zu schweren Überschwemmungen, berichtete ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur vor Ort. Über die Hälfte der 40.000 Einwohner wurde in sieben Notunterkünften in Sicherheit gebracht, vor allem Kinder, schwangere Frauen und alte Menschen. „Irma“ hatte beim Eintreffen in Kuba wieder an Fahrt gewonnen und wurde erneut zu einem Sturm der höchsten Kategorie fünf.

Die Hilfsorganisation Caritas International befürchtet große Schäden, auch Ernteverluste durch Überschwemmungen. „Im Jahr 2012 hatte Hurrikan ,Sandy‘ einen fast identischen Weg über Kuba genommen und 200.000 Häuser zerstört oder beschädigt“, teilte der Kuba-Referent von Caritas International, Kilian Linder, mit. „Damals waren Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern gemessen worden, diesmal waren es bis zu 260 Stundenkilometer. Wir vermuten deshalb, dass die Schäden bei diesem gigantischen Sturm deutlich schwerer ausfallen werden“, erklärte Linder. Hoffnung mache aber, dass der Katastrophenschutz auf Kuba gut funktioniere und die Menschen in Notunterkünften in der Regel relativ gut Schutz fänden.

Die Parteizeitung „Granma“ meldete schwere Sachschäden, Stromausfälle und Überschwemmungen in den Küstengebieten. Wellen erreichten eine Höhe von neun Metern oder mehr, Sturmfluten spülten Meerwasser 500 Meter landeinwärts, berichtete der staatliche Wetterdienst. Hunderttausende Menschen hatten sich vor dem Sturm in Sicherheit gebracht.

(mit dpa)

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