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Warnungen und Evakuierungen : Hurrikan „Irma“ verursacht erste Schäden in der Karibik

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Mit Geschwindigkeiten von fast 300 km/h zieht ein Tropensturm der höchsten Kategorie über die Kleinen Antillen.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 13:44 Uhr

San Juan | Als „Irma“ über die Karibikinsel Saint-Martin hinwegfegt, hält auch Präfektin Anne Laubiès nichts mehr an ihrem Schreibtisch. Mit zwei Dutzend Mitarbeitern flüchtet sich die Verwaltungschefin des französischen Überseegebiets in einen betonierten Schutzraum. Draußen tobt der Hurrikan. Die Präfektur wird teilweise zerstört, der Strom fällt aus, Dächer werden abgedeckt.

Das Wasser steht mindestens einen Meter hoch in den Straßen, Pflanzenteile, Holz und Müll treiben umher, Hütten versinken in den Fluten. Daniel Gibbs, der Präsident der Territorialrats von Saint-Martin, sagt: „So etwas haben wir in Saint-Martin noch nicht erlebt. Sogar die Wände wackeln.“ Die Nachbarinsel Saint-Barthélemy oder St. Barth ist sonst vor allem als exklusiver Ferienort des Jetsets bekannt. Jetzt liegt das Urlaubsparadies im Auge des Rekord-Sturms. Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist zunächst nicht abzusehen.

Experten gehen jedoch von dem Schlimmsten aus. „Irma“ ist ein Hurrikan der höchsten Stufe fünf und einer der schwersten jemals in der Region registrierten Tropenstürme. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 295 Kilometern pro Stunde zieht er am Mittwoch über die Kleinen Antillen im Südosten der Karibik hinweg.

Das Zentrum „Irmas“ überquerte am Mittwochmittag nach Angaben französischer Meteorologen die zu Frankreich und den Niederlanden gehörenden Inseln Saint-Barthélémy und Saint-Martin. Für die Inseln hatte Frankreich die höchste Alarmstufe ausgerufen. Einwohner sollten ihre Häuser oder Wohnungen nicht verlassen, twitterte das Innenministerium in Paris. Es sei unter Androhung von Strafen verboten, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs zu sein.

In Saint Martin und Saint Barthelemy sorgte „Irma“ für Verwüstungen, wie ein Twitter-Video und erste Bilder zeigen.

Ein Youtube-Video zeigt den Sturm am Maho Beach auf Saint Martin.

Erstmals traf „Irma“ am frühen Mittwochmorgen (Ortszeit) mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 255 Kilometern in der Stunde bei der kleinen Karibikinsel Barbuda auf Land. Der Wind riss die Dächer von einigen Häusern auf Barbuda, wie der „Antigua Chronicle“ auf Facebook berichtete. Am Mittag war die Lage dort völlig unklar.

 

„Bei einer solchen Geschwindigkeit könnten Sie im Grunde nicht mal mehr atmen, wenn Sie im Wind stehen - Sie würden eh wegfliegen“, sagt Tobias Schaaf vom Deutschen Wetterdienst. „Bei solchen Geschwindigkeiten fliegt nicht nur das Dach, sondern das ganze Haus weg. Es ist desaströs.“ Zunächst gibt es allerdings keine Berichte über Todesopfer oder schwere Schäden. Auch in Antigua und Barbuda werden einige Dächer abgedeckt, Bäume und Strommasten fallen um und mehrere Leichtverletzte werden im Krankenhaus behandelt, wie der Radiosender ABS berichtet.

„In den Vorhersagen hieß es, Antigua würde verwüstet, unsere Infrastruktur zerstört, Menschen getötet und unsere Wirtschaft vernichtet. Bei Tageslicht betracht zeigt sich ein anderes Bild“, schreibt Premierminister Gaston Browne in einer vom „Antigua Chronicle“ veröffentlichten Stellungnahme. „In Antigua ist niemand getötet worden. Alle haben überlebt. Den Urlaubern in den Hotels geht es gut. Sogar die Tiere haben wir vor dem schweren Sturm geschützt.“

„Irma“ zieht nun weiter Richtung Jungferninseln, Puerto Rico, Dominikanische Republik und Haiti. „Der Tag ist gekommen“, sagt Puerto Ricos Gouverneur Ricardo Rosselló. Die Bewohner der Küstenregionen sollten sich in Sicherheit bringen.

Behörden in der gesamten Karibik bereiteten sich auf „Irma“ vor. In Puerto Rico wurde der Notstand ausgerufen und die Nationalgarde aktiviert. Die Küstenregionen wurden evakuiert. Die Behörden richteten 456 Notunterkünfte für mehr als 63.000 Menschen ein. Die niederländische Regierung schickte rund 100 Soldaten auf die Inseln Sint Maarten, Sint Eustatius und Saba.

Auf seinem Zug könnte der Sturm auch die Dominikanische Republik, Kuba, Haiti und die Bahamas bedrohen. Die Regierung der Bahamas ordnete die Evakuierung mehrerer Inseln im Süden der Inselkette an. Urlauber müssten mit starkem Regen und Wind rechnen, in deren Folge es zu Überschwemmungen und Erdrutschen kommen kann, teilte das Auswärtige Amt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen für mehrere Karibikstaaten hin.

Voraussichtliche Zugbahn des Hurrikans „Irma“.
Voraussichtliche Zugbahn des Hurrikans „Irma“. Foto: dpa

Besonders hart könnte der Hurrikan das bitterarme Haiti treffen. „Das Land ist schlecht auf so einen Sturm vorbereitet. Vor allem an der Nordküste erwarten wir erhebliche Schäden“, sagt Georg Dörken von der Welthungerhilfe, der von der Hauptstadt Port-au-Prince die Hilfsmaßnahmen organisiert. „Wir werden 300 Kubikmeter Lebensmittel sowie Hygiene-Kits und Haushaltsgegenstände in die Region schaffen.“ Im Oktober vergangenen Jahres war Hurrikan „Matthew“ über Haiti hinweggezogen und hatte weite Teile des Südens zerstört. Über 540 Menschen kamen damals ums Leben, Zehntausende verloren ihr Hab und Gut.„Wir wissen aus der Vergangenheit, dass schon deutlich weniger schwere Stürme auf Kuba, der Dominikanischen Republik und Haiti das Leben und die Existenzen abertausender Menschen zerstört haben“, sagt Claudio Moser von Caritas international. „Wir bereiten uns deshalb angesichts der Vorhersagen auf das Schlimmste vor.“

Als immer wahrscheinlicher gilt zudem, dass „Irma“ auf Florida treffen könnte. Meteorologen betrachten den Zeitraum von Freitagabend (Ortszeit) bis Montag als kritisch. Touristen wurden aufgefordert, die Südwestspitze Floridas einschließlich der Inselkette Florida Keys zu verlassen. Nach Angaben der Behörden sollte die Abreise für Besucher von Mittwochmorgen an (Ortszeit) verpflichtend werden. Später sollten auch Einwohner zum Verlassen des Gebietes aufgefordert werden. „Wenn es jemals in den Keys einen ernstzunehmenden Sturm gegeben haben sollte, dann diesen“, sagte Martin Senterfitt vom Katastrophenschutz des Bezirks Monroe County am Dienstag. „Je eher die Leute gehen, desto besser.“

Hintergrund: Wie funktionieren die Hurrikan-Vorhersagen?

Wie lässt sich vorhersagen, welchen Weg ein Hurrikan nimmt?

Für die Vorhersage werden mehrere Simulationen aus aktuellen Beobachtungen erstellt. Daten wie der Luftdruck am Boden, die Windrichtung, Windstärke, Temperatur von Luft und Wasser, Luftfeuchte und Wellenhöhen werden aufgezeichnet. „Je genauer die Ist-Situation beobachtet wird, desto eher sind auch Simulationen stimmig“, sagt Tobias Schaaf, maritimer Wetterberater beim Deutschen Wetterdienst.

Die Simulationen würden verglichen, dann würden Gemeinsamkeiten sichtbar: „Am Ende hat man dann eine Zugbahn, die wahrscheinlicher ist als andere Zugbahnen.“

Wie genau sind diese Vorhersagen?

Die Daten auf See sind natürlich spärlicher als an Land, „und das macht eine Prognose immer etwas unsicherer“, sagt Schaaf. Außerdem fehlten oft Daten wie der Druck im Zentrum eines Hurrikans: „Der wird nämlich seltenst gemessen.“

Was bedeutet die Sturmstärke fünf?

Das ist die höchste Stufe mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 251 Stundenkilometern. „Es ist eine unvorstellbare Gewalt“, sagt der Wetterexperte. Wind mit solchen Geschwindigkeiten könne ganze Häuser wegreißen. Selbst in Europa würde bei Windgeschwindigkeiten von etwa 300 Kilometern pro Stunde einiges nicht mehr stehen, dies sei „die höchste Gewalt“, die Wind erreichen könne. „Es ist desaströs.“

 

„Irma“ ist ein Hurrikan der höchsten Stufe 5 und einer der stärksten Tropenstürme, der je in der Region registriert wurde. „Bei einer solchen Geschwindigkeit könnten Sie im Grunde nicht mal mehr atmen, wenn Sie im Wind stehen - Sie würden eh wegfliegen“, erklärte Wetterexperte Tobias Schaaf vom Deutschen Wetterdienst. Bei solchen Geschwindigkeiten fliegt nicht nur das Dach, sondern das ganze Haus weg. „Es ist desaströs.“

Vergleichbare Windgeschwindigkeiten wurden bislang nur bei Hurrikan „Wilma“ 2005 und Hurrikan „Allen“ 1980 gemessen, wie der US-Fernsehsender CNN berichtete.

Hintergrund: Tropische Unwetter und ihre Stärken

Tropische Wirbelstürme entstehen über dem Meer, wenn das Wasser mindestens 26 Grad warm ist und stark verdunstet. Je nach Stärke unterscheiden Meteorologen zwischen tropischen Depressionen (schwacher Wind, „Depression“ im Sinne von Tiefdruckgebiet), tropischen Stürmen (mittel) und tropischen Orkanen (stark). Letztere werden im westlichen Atlantik und im östlichen Pazifik Hurrikans genannt.

Ihre Stärke wird nach der von den Meteorologen Herbert Saffir und Robert Simpson entwickelten Skala eingeteilt. Demnach ist in den USA bei einer maximalen Windgeschwindigkeit unter 63 Stundenkilometern von einem Tropentief die Rede. Bei Tempo 63 bis 118 gilt es als Tropensturm, darüber wird Hurrikanstärke erreicht.

Ein Hurrikan der Kategorie 1 reicht bis Tempo 153. Stufe 2 gilt bis 177, Stufe 3 bis 208 und Stufe 4 bis 251 Stundenkilometern. Besonders verheerende Schäden richten Hurrikans der höchsten Kategorie 5 ab einer Windgeschwindigkeit von 252 Kilometern pro Stunde an.

Hurrikans erzeugen zwar enorme Windgeschwindigkeiten, bewegen sich aber oft nur mit etwa 15 Kilometern in der Stunde vorwärts. Das ist verheerend, weil Niederschläge dann stunden- oder tagelang fast auf dasselbe Gebiet niederprasseln.

Oft nehmen Wirbelstürme bei ihrem Zug über das Meer an Stärke zu. Über Land verlieren sie schnell an Kraft, da der Nachschub feuchtwarmer Luftmassen fehlt. Bei Windgeschwindigkeiten unter 120 Stundenkilometern wird ein Hurrikan zu einem Tropensturm herabgestuft.

Unabhängig von den Entwicklungen in der Karibik braute sich am Mittwoch im benachbarten Golf von Mexiko ein weiterer Tropensturm namens „Katia“ zusammen. Für den Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 65 Kilometer in der Stunde gab es bisher noch keine Warnungen.

Die Auswirkungen der Naturgewalt „Irma“ machten derweil auch dem Oberhaupt der katholischen Kirche einen Strich durch die Rechnung. Die Flugroute des Fliegers, in dem Papst Franziskus von Rom nach Kolumbien unterwegs war, musste geändert werden.

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