"Baarìa" : Hommage an Sizilien

Peppino schließt sich zu Beginn der 1940er Jahre den Kommunisten an. Seine Triebfeder ist der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Foto: tobis/dpa
Peppino schließt sich zu Beginn der 1940er Jahre den Kommunisten an. Seine Triebfeder ist der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Foto: tobis/dpa

Im Zentrum der Geschichte steht der stolze Sizilianer Peppino, der trotz aller politischen und persönlichen Irrungen und Wirrungen für Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit kämpft.

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27. April 2010, 02:19 Uhr

Sizilien, in den 1930er Jahren: Fasziniert blickt ein kleiner Junge (Giuseppe Garufi) auf die bunten Kreisel, die auf der steinigen Piazza in der Sonne tanzen. Aus diesem Spiel wird er jäh herausgerissen, als er an den Tisch der Karten spielenden Männern gerufen wird. Der kleine Knirps soll ihnen Zigaretten holen. Wenn er es schafft zurück zu sein, noch ehe die Spucke der Männer auf dem Boden trocken ist, winkt ihm eine Belohnung. Der ehrgeizige Junge setzt sich sofort in Bewegung und rennt immer schneller, bis er schließlich in der Luft zu schweben scheint. In seinem jüngsten Werk "Baarìa - Eine italienische Familiengeschichte" schildert der Oscar- gekrönte italienische Regisseur und Autor Giuseppe Tornatore ("Cinema Paradiso", "Die Legende vom Ozeanpianisten") in opulenten Kinobildern das Leben einer sizilianischen Familie über einen Zeitraum von drei Generationen.
Mit dieser liebevollen Hommage an seine sizilianische Heimat hat Tornatore im vergangenen Jahr die 66. Internationalen Filmfestspiele in Venedig eröffnet. Zudem war der Film, der mit einem Budget von rund 25 Millionen Euro als der bislang teuerste italienische Spielfilm gilt, Anfang des Jahres für einen Golden Globe als bester fremdsprachiger Film nominiert - unterlag schließlich aber Michael Hanekes "Das weiße Band".
"Ich habe das Drehbuch über viele Jahre im Kopf gehabt"
Im Zentrum der Geschichte steht der stolze Sizilianer Peppino (Francesco Scianna), der trotz aller politischen und persönlichen Irrungen und Wirrungen für Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit kämpft: engagiert, ehrlich, erbittert. "Ich habe das Drehbuch über viele Jahre im Kopf gehabt", erklärt Tornatore, der wie schon in "Cinema Paradiso" und "Die Legende vom Ozeanpianisten" auch in diesem Spielfilm die Welt aus den Augen eines Kindes betrachtet.
Sein Ansatz dabei war, einen Film über diese einzigartige und zeitlose Phase seines Lebens in Baarìa drehen, als das Universum in der Via Gioacchino Guttuso 114 begann, sich vom Piazza Madrice entlang der Allee des Corso Umberto I. entfaltete und am Kreisverkehr von Palagonia endete. "Es sind alles in allem nur ein paar hundert Meter", sagt der Filmemacher. "Aber wenn Du sie jahrelang auf- und abgehst, kannst Du Dinge lernen, die Dich die ganze Welt niemals lehren wird."
63 Schauspieler, 147 Laiendarsteller, 35.000 Komparsen
Da ein Großteil der Schauplätze im Film heute nicht mehr existiert, gehörte das Setdesign bei dieser Produktion zu den größten Herausforderungen. Als Drehort für diese aufwendige Familien-Saga wählte Tornatore Tunesien, wo bereits ein Jahr vor Drehbeginn mit dem Aufbau der Filmkulissen begonnen wurde. "90 Prozent sämtlicher Schauplätze in Baarìa sind Nachbauten", erläutert Tornatore. Die 350 Bühnen- und Kulissenbauer verarbeiteten dafür insgesamt 1200 Kubikmeter Bauholz. "Das Schwierigste war, diese Sets zum Leben zu erwecken", erzählt der Regisseur. Da die Geschichte über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten spielt, mussten sich die Kulissen gemeinsam mit den Figuren verändern.
Die 25-wöchigen Aufnahmen, die viermal wegen schlechtem Wetter und aus organisatorischen Gründen unterbrochen werden mussten, erstreckten sich über zehn Monate. Für die mehr als 2600 instellungen dieser Großproduktion holte der italienische Star-Regisseur 63 Schauspieler, 147 Laiendarsteller, 35.000 Komparsen sowie 1500 Tiere vor der Kamera. Als extrem aufwendig erwies sich auch die Nachbearbeitung mit mehr als 1100 visuellen Effekten und rund 3200 Filmschnitten. Als Filmkomponisten für den imposanten Score engagierte Tornatore den italienischen Oscar-Preisträger Ennio Morricone, der 27 Originalmusikmotive für diesen Film schrieb sowie 30 Repertoirestücke auswählte, die mit mehr als 1431 Musikern aufgenommen wurden.
Malerische Szenerie und attraktive Hauptdarsteller
Mit "Baarìa - Eine italienische Familiengeschichte" liefert Tornatore einen bildgewaltigen Monumentalfilm, der durch seine malerische Szenerie und attraktive Hauptdarsteller besticht, emotional jedoch längst nicht die Tiefe von "Cinema Paradiso" erreicht. Der kleine Junge, der in diesem Film als Tornatores Alter Ego fungiert, bildet dabei die Klammer für eine ausschweifende Historien-Saga, in der das Publikum aufgrund der vielen Figuren sowie der Kaleidoskop-artigen Struktur mit zahlreichen Brüchen und Wendungen zunehmend die Übersicht verliert.
Insofern bietet Tornatores neues Werk nicht mehr als ein touristischer Kurztrip nach Sizilien, bei dem pittoreske Panoramen am Betrachter vorbeiziehen: Die Besucher können die Schönheit des Landes genießen und die Anmut und den Stolz der Menschen bewundern, aber sie verstehen nicht, was diese in ihrem Inneren bewegt.

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