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Hölle im Netz: Was Eltern bei Cybermobbing tun können

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Hamburg (dpa/tmn) - Ätzende Sprüche, peinliche Videos: Manchmal bekommen Eltern erst nach einer Weile mit, dass ihr Kind im Internet gemobbt wird. Wichtig ist dann, dem Nachwuchs Mut zu machen - ohne ungefragt einzugreifen.

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erstellt am 29.Mai.2013 | 11:33 Uhr

Hamburg (dpa/tmn) - Ätzende Sprüche, peinliche Videos: Manchmal bekommen Eltern erst nach einer Weile mit, dass ihr Kind im Internet gemobbt wird. Wichtig ist dann, dem Nachwuchs Mut zu machen - ohne ungefragt einzugreifen.

Es muss nicht das üble Handyvideo sein, das ins Internet gestellt wird. Manchmal ist eine SMS der Anfang, gesendet von einer unterdrückten Nummer aus. Eine E-Mail oder ein Eintrag im sozialen Netzwerk - gespickt mit Beleidigungen und unwahren Behauptungen. Cybermobbing, das «Sich-fertig-machen-im-Netz», ist unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Zwar halten manche Experten das Mobbing im Netz nur für eine Verlagerung des herkömmlichen Psychokriegs in der Schulpause. Doch ganz gleich, in welcher Form es auftrifft: Betroffene Kinder brauchen Unterstützung und sollten nicht alleine damit fertig werden müssen.

Laut einer aktuellen Studie hat fast jeder fünfte Schüler in Deutschland schon einmal Mobbing im Internet erlebt. Das Bündnis gegen Cybermobbing hat am Donnerstag die Ergebnisse seiner repräsentativen Befragung in Köln vorgestellt. Dabei gaben 19 Prozent der Schüler zu, selbst einmal Täter gewesen zu sein. Als Motive nannten die Jugendlichen «Langeweile» oder «Spaß». 7 Prozent der Eltern gaben an, dass ihre Kinder Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht haben. Doch nur 19 Prozent der Erwachsenen sagten, dass sie die Internetnutzung ihrer Kinder regelmäßig kontrollieren.

«Cybermobbing hat grundsätzlich ähnliche Muster wie Offlinemobbing - nur, dass es sich anderer Werkzeuge bedient», erläutert der Hamburger Medienpädagoge Jöran Muuß-Merholz. Zur Definition gehöre, dass die Angriffe über einen längeren Zeitraum stattfinden und sich mehrere gegen einen einzelnen oder zumindest gegen eine Minderheit verbünden. Wie beim Mobbing auf dem Schulhof kommen die Täter meist aus dem Umfeld des Opfers, häufig kennen sie sich sogar gut.

«Der größte Unterschied zum Offlinemobbing ist, dass Cybermobbing rund um die Uhr stattfinden und der Täter seine Identität verbergen kann», erklärt Muuß-Merholz. Schikanen auf dem Schulweg seien örtlich und zeitlich begrenzt. Außerdem sehe man, mit wem man es zu tun hat. Cyberattacken dagegen können zu jeder Tages- und Nachtzeit stattfinden. Sobald Handy oder Computer angeschaltet werden, poppen die Nachrichten auf.

«Die Opfer reagieren wie andere Mobbingopfer auch: häufig verängstigt, manchmal depressiv. Sie wollen nicht in die Schule gehen, zeigen psychosomatische Beschwerden», sagt Heinz Thiery, Leiter der virtuellen Beratungsstelle bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke).

Niemand ist hundertprozentig vor Cybermobbing gefeit - prinzipiell kann jeder zum Opfer werden. Allerdings lässt sich das Risiko verringern. So könnten Eltern ihrem Kind erklären, warum es grundsätzlich keine persönlichen Kontaktdaten im Internet preisgegeben sowie Fotos und Videos nur sehr zurückhaltend veröffentlichen sollte, erklärt Kristine Kretschmer, die die Seite mobbing-schluss-damit.de betreut.

Für den Umgang mit Passwörtern, deren Weitergabe Jugendliche gern als Vertrauensbeweis ansehen, rät Jöran Muuß-Merholz zu einer einfachen Regel: «Benutze Passwörter wie Zahnbürsten: Teile sie mit niemandem und wechsele sie regelmäßig.» Nicht selten gehörten nämlich gerade die ehemals engsten Vertrauten zu den späteren Mobbern.

Wissen oder ahnen Eltern, dass ihr Kind im Internet oder per Handy attackiert wird, sollten sie die Vorfälle ernst nehmen und ihr Kind ohne Schuldzuweisungen unterstützen. Dabei sollten sie aber gut abwägen - nicht immer ist es sinnvoll, sofort einzuschreiten. «Manchmal überschätzen Eltern das, was abgeht», sagt Muuß-Merholz. Eine überzogene Reaktion der Eltern könne für die Kinder dann zusätzlich peinlich werden.

Was Kinder als Mobbing empfinden, kann sehr unterschiedlich sein. Wichtig sei, dass Eltern ihnen klarmachen: «Sobald du ein schlechtes Gefühl bei irgendetwas hast oder dich über einen Kommentar ärgerst, kannst du mir Bescheid sagen», rät Kretschmer. Auf keinen Fall dürften Mutter und Vater dann aber mit einer vermeintlich einfachen Lösungen daherkommen, wie «Dann lösch doch dein Profil». Denn das gehe komplett an der Lebensrealität von Sohn oder Tochter vorbei.

Wenn die Situation allerdings wirklich als ernst eingestuft wird, sollten Eltern ihrem Kind gegebenenfalls neue Daten wie Handynummer oder E-Mailadresse besorgen. Außerdem sollten sie mit Sohn oder Tochter vereinbaren, dass sie nicht auf die Online-Attacken reagieren. Denn: «Der Täter lebt von einer Rückmeldung», sagt Heinz Thiery. Also: ignorieren und keinesfalls zurückpöbeln, auch wenn der Drang noch so groß ist.

In Foren und Chats könnten Eltern beim Betreiber der Seite darauf dringen, dass die Einträge über ihr Kind gelöscht werden. «Wenden Sie sich in der Schule an den Klassen- oder Vertrauenslehrer», rät Jöran Muuß-Merholz. Manchmal helfe es auch, den direkten Kontakt zum Täter - sofern er bekannt ist - zu suchen. Gerade wenn man weiß, dass die anderen Eltern das Verhalten keinesfalls billigen würden, kann dies ein Mittel zur Konfliktlösung sein.

Im äußersten Fall können Eltern die Polizei einschalten: Beleidigungen, Erpressungen und massive Drohungen sind Straftatbestände. Dafür sollten die entsprechenden Nachrichten als Beweise gesichert werden. Bei Einträgen in Foren kann ein Screenshot weiterhelfen. Bei allem aber gilt: «Keine Aktion ohne Zustimmung des Kindes», rät Thiery. Das Kind müsse das Vorgehen mittragen können.

Nicht immer ist der Nachwuchs aber Opfer: Um zu verhindern, dass er pöbelnd im Netz unterwegs ist, sollten Eltern früh über Umgangsformen sprechen. Dabei müsse klar werden: «Alles, was ich dir beigebracht habe, gilt genauso im Internet», sagt Kretschmer. Ertappe man sein Kind beim Schreiben böser Kommentare, sollte man ihm die Frage stellen: «Stell dir vor, jemand würde so etwas über dich schreiben: Wie würdest du dich dann fühlen?» Nachhaltig wirke es außerdem, wenn sich das Kind bei dem Betroffenen entschuldigen müsse. Das mache deutlich: Was ich im Internet mache, hat Konsequenzen in der realen Welt.

Service:

- Thomas Pfeiffer/Jöran Muuß-Merholz: Mein Kind ist bei Facebook. Tipps für Eltern, Addison-Wesley, 208 Seiten, 19,80 Euro, ISBN-13: 9783827331533 - Die Broschüre «Cyber-Mobbing ? Medienkompetenz trifft Gewaltprävention», 116 Seiten, kann für 10 Euro bei der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen bestellt werden.

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