Rheinhochwasser : Hochwasser im Süden Deutschlands – Erdrutsche im Schwarzwald

Wasser schwappt am Rheinufer in Köln auf eine Straße.

Wasser schwappt am Rheinufer in Köln auf eine Straße.

Tauwetter und Tief „Burglind“ sorgen im Süden Deutschlands für Wassermassen. Die Situation am Rhein bleibt angespannt.

shz.de von
05. Januar 2018, 08:18 Uhr

Nach dem Durchzug von Sturmtief „Burglind“ bleibt die Hochwasserlage in vielen Teilen Deutschlands angespannt. Besonders kritisch war die Situation in der Nacht zum Freitag im Schwarzwald-Städtchen St. Blasien, wo Regen und Tauwetter zu Überschwemmungen und Erdrutschen führten. Am Oberrhein wurde am Freitag die Schifffahrt gestoppt. An diesem Wochenende könnte es dann auch rheinabwärts bei Köln so weit sein. Im Kölner Süden wurden weitere mobile Schutzwände aufgebaut.

Woher kommt das viele Wasser?

Der Dezember war überdurchschnittlich verregnet. Schon damals stiegen die Flüsse in Nordrhein-Westfalen an. Doch der eigentliche Grund für das derzeitige Rhein-Hochwasser liegt laut Wetterdienst und Hochwasserzentrale weiter südlich: Das Tauwetter in der Schweiz und Baden-Württemberg hat großen Anteil an den steigenden Pegelständen.

Hinzu kommt Dauerregen, zurzeit vor allem am Oberrhein und in den Vogesen. Auf der Mosel ist der Schiffsverkehr schon seit Donnerstag wegen Hochwassers eingestellt – und die Wassermassen drängen rheinabwärts Richtung Nordrhein-Westfalen.

Weshalb ist Köln stets besonders betroffen?

Die Stadt Köln ist oft von Hochwasser bedroht, weil das Flussbett des Rheins dort sehr eng ist. Der Hochwasserschutz in der Metropole ist deswegen auch gut ausgebaut.

Wann werden die ersten Häuser überflutet? Wann wird es gefährlich?

Darauf möchte sich keiner der Experten festlegen. Die Frage ist immer: Was kommt von oben an Wasser nach? Wie sehr drückt das Grundwasser hoch? Ab einem Pegelstand von 10,70 Metern würde in Köln Katastrophenalarm ausgerufen, im rechtsrheinischen Porz-Zündorf würde das Wasser dann über die mobilen Wände schwappen. Auf mehr als zehn Meter stieg der Pegel zuletzt an Heiligabend 1993. Die Schutzwände in der Altstadt sind für Pegelstände von deutlich mehr als 11 Meter ausgelegt. Pegel jenseits der 11-Meter-Marke gab es seit über 250 Jahren nicht mehr.

Wie sieht die Lage in Bonn, Düsseldorf und Duisburg aus?

Die Stadt Bonn rechnete damit, dass am Freitag die 7-Meter-Marke geknackt wird. Dramatisch ist die Situation dann laut einer Sprecherin noch nicht. Ab einem Stand von 7,50 Metern würde die Rheinufer-Promenade überschwemmt – Häuser stehen dort aber keine.

In Düsseldorf liegen die Prognosen für Freitag nach Auskunft der Stadt derzeit bei etwa 7,20 Metern. Bei Prognosen von acht Metern und mehr wird das Tor am Alten Hafen geschlossen. Der Pegel in Duisburg überschritt am Donnerstag laut Hochwassermeldezentrum die acht Meter.

Der Wasserstand soll dort bis Freitagmittag weiter steigen und sich der Marke von neun Metern nähern.

Was macht die „Große Hochwasserschutzzentrale“, die am Freitag in Köln eingerichtet wird?

Der Name klingt spektakulär. Dahinter verberge sich aber Routine, heißt es bei den Stadtentwässerungsbetrieben (StEB): Die Stadt Köln und die wichtigsten am Hochwasserschutz beteiligten Institutionen wie die Feuerwehr, Polizei, DLRG und Rheinenergie entsenden einen Mitarbeiter ins Lagezentrum, das bei den Stadtentwässerungsbetrieben eingerichtet wird. Jeder arbeite an seinem pegelabhängigen Maßnahmenplan. „Im Notfall können aber auf dem kurzen Dienstweg schnell Dinge geregelt werden“, sagt StEB-Sprecherin Andrea Bröder.

Anfang nächster Woche droht die Einstellung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein bei Köln. Was bedeutet das für die Wirtschaft in der Region?

Sowohl Hochwasser als auch Niedrigwasser haben laut Ulrich Soénius, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Köln, dramatische Auswirkungen auf die gesamte Metropolregion entlang des Rheins. „Häfen können nicht mehr beliefert werden – und häufig sind Produkte und Teile dabei, die auf Zeit bestellt wurden.“ Betroffene Unternehmen werden seiner Einschätzung nach zwar keine kurzfristigen Probleme bei der Produktion bekommen.

Mit leichten Verzögerungen sei aber durchaus zu rechnen. Für Hafengesellschaften bedeute eine Einstellung der Schifffahrt immer finanzielle Einbußen.

Auf den Rhein-Nebenflüssen Neckar und Mosel war die Schifffahrt schon vorher eingestellt worden. An der Mosel stieg der Wasserstand am Pegel Trier in der Nacht über die kritische Acht-Meter Marke. In Heidelberg wurde die B37 an der historischen Altstadt gesperrt, weil der Neckar über die Ufer trat.

Eine Straße in Nordrhein-Westfalen wurde vom Rheinhochwasser überflutet.
dpa

Eine Straße in Nordrhein-Westfalen wurde vom Rheinhochwasser überflutet.

In St. Blasien im Hochschwarzwald drohte zwischenzeitlich Katastrophenalarm. An einigen Stellen rutschten Hänge ab. Etwa 150 Menschen wurden in der Nacht in eine Turnhalle gebracht, die meisten konnten bis zum Morgen in ihre Häuser zurückkehren. Verletzt wurde niemand. Einsatzkräfte waren mit einem großen Aufgebot vor Ort. Wie hoch der Schaden ist, war zunächst unklar. Ein Hubschrauberflug mit einem Geologen war geplant, um das Ausmaß der Schäden zu begutachten.„Wir müssen wissen, wie die Beschaffenheit der Berghänge aussieht“, sagte Bürgermeister Adrian Probst. Tagsüber entspannte sich die Lage in Baden-Württemberg dann.

<p>Ein THW-Fahrzeug steht in St. Blasien neben der Alb. Anhaltende Regenfälle und Tauwetter haben ein starkes Hochwasser verursacht.</p>
dpa

Ein THW-Fahrzeug steht in St. Blasien neben der Alb. Anhaltende Regenfälle und Tauwetter haben ein starkes Hochwasser verursacht.

Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) dankte den mehreren Tausend Helfern - etwa von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bergwacht - für ihren Einsatz. Das Ministerium warnte davor, dass es wegen durchnässter Böden und hoher Wasserstände auch in den nächsten Tagen noch zu Erdrutschen, umstürzenden Bäumen und volllaufenden Kellern kommen könne. Uferbereiche und Wälder sollten nicht betreten werden.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartete für Freitag Dauerregen im Schwarzwald mit stellenweise 70 bis 120 Liter pro Quadratmeter. Dazu kommt, dass Schneemassen in den Höhenlagen wegen der milden Temperaturen schnell wegschmelzen. Im Allgäu wurden Abflussmengen von 50 bis 100 Litern pro Quadratmeter bis Freitagabend erwartet. Die Schneefallgrenze steige auch an den Alpen bis auf etwa 1800 Meter. Am Freitag galten Unwetterwarnungen.

Für Samstag erwarteten die DWD-Meteorologen im Westen und in der Mitte Deutschlands Regen. Die Mengen erforderten jedoch keine Wetterwarnungen. Der Online-Dienst Kachelmannwetter sagte für Sonntag kälteres Wetter mit viel Sonne für den Norden und für die übrigen Teile Deutschlands mildes, oft graues Wetter voraus. Es gebe kaum noch Regen, was gut für die Hochwassergebiete sei, hieß es auf Twitter.

Am Pegel Trier lag der Stand in der Nacht zum Freitag fünf Meter über normal, wie Holger Kugel vom Hochwassermeldezentrum Mosel sagte. In Kürze werde das Wasser bei 8,50 stehen und über den Tag weiter leicht ansteigen, hieß es am Morgen. Mehrere Gemeinden entlang der Mosel sind dann von Hochwasser betroffen. Beim Hochwassermeldezentrum gingen zahlreiche Anrufe besorgter Bürger ein. Die Menschen wollten wissen, ob sie räumen sollten oder nicht, sagte Kugel. „Oft hängt das von 20 bis 30 Zentimetern ab. Ich sage immer: 'Räumt lieber!'“ In Saarbrücken blieb die zwischenzeitlich wegen möglicher Überflutung befürchtete Sperrung der Stadtautobahn aus.

Bei einer Hochwasserübung in Baden-Württemberg starb eine 28 Jahre alte Rettungsschwimmerin. Sie ertrank in der Nähe von Schwäbisch Hall im Fluss Kocher. Sie wurde von den Wassermassen mitgerissen, als ihr Boot am Donnerstagnachmittag kenterte. Die Frau hatte an einer Übung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) teilgenommen.

In Frankreich wurde bei Hochwasser ein Deutscher vermisst. Der Mann um die 70 sei vermutlich ins Wasser gefallen, sagte die Präfektin des Verwaltungsbezirks Haute-Marne, Françoise Souliman. Sein Grundstück in Rouvres-sur-Aube, etwa 60 Kilometer Luftlinie nördlich von Dijon, liege neben dem Hochwasser führenden Fluss Aube.

Tief „Burglind“ hatte am Mittwoch in Teilen Deutschlands orkanartige Böen und peitschenden Regen gebracht. Nach ersten Schätzungen hinterließ der erste Sturm des neuen Jahres dreistellige Millionenschäden. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) geht allerdings davon aus, dass „Burglind“ in Deutschland deutlich weniger als eine halbe Milliarde Euro Schaden verursacht hat. Damit wäre „Burglind“ zwar ein schwerer, aber kein Rekordsturm gewesen.

Das Ranking der fünf schwersten Winterstürme der vergangenen 20 Jahre wird noch immer von „Kyrill“ angeführt, wie der Verband mitteilte. Der verheerende Sturm hatte 2007 versicherte Sachschäden in Höhe von über zwei Milliarden Euro hinterlassen. Auf den Plätzen zwei und drei folgten „Lothar“ im Jahr 1999 mit umgerechnet 800 Millionen Euro und „Jeanett“ 2002 mit 760 Millionen Euro Schaden.

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