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Angeblich in Polen entdeckt : Hitlers „Nazi-Goldzug“: Das Geheimnis der Tunneltresore

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Experten streiten weiter über den angeblichen Fund eines NS-Panzerzuges. Erinnert wird auch an die „Hitler-Tagebücher“.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2015 | 11:07 Uhr

Reste von Hitlers Atombombe? Ein gigantischer Nazi-Schatz, bestehend aus geraubten Gemälden, Juwelen und Tonnen von Gold? Oder doch bloß das Wrack eines alten, höchstens historisch wertvollen Zuges? Was genau liegt in Schlesiens „Tunneltresoren“, von denen in diesen Tagen in Polen oft die Rede ist, wenn der Begriff „Zloty pociag“ fällt – Goldzug?

Die Dimension, um die es in dem Fall des angeblich in der Region Walbrzych (Waldenburg) entdeckten, verschütteten Panzerzuges aus der NS-Zeit geht, wird spätestens dann deutlich, wenn der Begriff „Hitler-Tagebücher“ fällt. Das schreibt der Geschichtsjournalist und Publizist Boguslaw Woloszanski. In seinem Blog rät er allen heute Beteiligten dazu, aus dem „Stern“-Skandal von 1983 um die gefälschten Handschriften des Führers zu lernen: „Das war (damals) einfach dumm. Was den Zug heute betrifft, habe ich noch nicht gehört, dass irgendeine wissenschaftliche Autorität die Existenz bestätigt hätte. Stattdessen gibt es viele Zweifel.“

Mit seinen Aussagen spricht Woloszanski nicht zuletzt Polens oberstem Denkmalschützer Piotr Zuchowski die Autorität ab. Denn es war Zuchowski, der den „Hype“ um den schlesischen „Nazi-Goldzug“ in der vergangenen Woche ausgelöst hat. Nach einer Durchsicht von Bodenradarbildern sei er „zu 99 Prozent sicher“, dass es sich bei dem angeblichen Fund nahe Walbrzych um einen „NS-Panzerzug“ handele.

Ein Deutscher und ein Pole hatten sich vor rund zwei Wochen über einen Anwalt bei den Behörden gemeldet. Die Männer, deren Identität öffentlich nicht bekannt ist, legten Georadaraufnahmen vor und behaupteten, damit belegen zu können, dass sie einen in 70 Metern Tiefe verschütteten NS-Zug von rund 150 Metern Länge entdeckt hätten. Polnische Medien kolportieren zudem, dass der Großvater des Deutschen seinem Enkel auf dem Sterbebett das Geheimnis des Goldzuges und die exakte Lage des Wracks anvertraut habe.

Überprüfen lässt sich das vorerst nicht. Eine plausible alternative Erklärung, was die Radarbilder sonst zeigen könnten, hat allerdings bislang niemand vorgetragen. Stattdessen schießen die Spekulationen ins Kraut und treiben die skurrilsten Blüten. Glaubt man der Warschauer Boulevard-Zeitung „Fakt“, dann „enthält der Zug (womöglich) Teile von Hitlers Wunderwaffen V2 und V3“. Das Blatt mutmaßte, der Raketeningenieur und SS-Major Wernher von Braun könnte in den Fall verwickelt gewesen sein.

Auch seriöse Historiker heizen die Spekulationen immer weiter an. Möglicherweise enthalte der Zug „Uran oder Reste von Chemiewaffen“, erklärte der Leiter des Warschauer Militärmuseums, Zbigniew Wawer – oder eben doch „einen Schatz“. Da passt es ins Bild, dass sich am Dienstag Polens Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak einschaltete und ankündigte, Experten mit eigenen Bodenradar- und anderen Spezialgeräten zur Fundstelle bei Walbrzych zu entsenden, über die öffentlich nichts Genaues bekannt ist. Kurz darauf verhängte Kulturministerin Malgorzata Omilanowska sogar eine Nachrichtensperre.

Omilanowska ist eben jene Ministerin, die den angeblichen Fund in Walbrzych zunächst selbstgewiss als „sehr wahrscheinlich“ bezeichnet hatte. Inzwischen ist die Unruhe in den Behörden mit Händen zu greifen. Das dürfte zuallererst mit dem Ansturm von Schatzsuchern und Schaulustigen auf die niederschlesische Bergbau-Region mit ihren zahllosen stillgelegten und verfallenen Stollen zu tun haben, in denen sich Amateure und Abenteurer leicht in Lebensgefahr begeben können.

Krzysztof Urbanski, Verwaltungschef auf dem nahen Schloss Fürstenstein, spricht bereits von einem „Loch-Ness-Tourismus“ in Niederschlesien. Vor diesem Hintergrund stellte der Jurist Piotr Lewandowski, der selbst eine Stiftung zur Denkmalpflege leitet, zu Wochenbeginn Strafanzeige gegen Chef-Denkmalschützer Zuchowski. „Er hat sich völlig unverantwortlich verhalten, ein unnötiges ‚Goldfieber‘ ausgelöst und den guten Namen Polens zum Gespött gemacht“, sagt Lewandowski und fügt hinzu: „Dieser Zug existiert nicht.“

Diese Behauptung allerdings ist mindestens ebenso spekulativ wie die Gegenthese. Lewandowski selbst räumt ein, dass in der Region durchaus Kunstschätze aus der NS-Zeit lagern könnten. Er verweist auf die unterirdische „Infrastruktur“ des alten Bergbau-Gebietes. Hinzu kommt ein von den Nazis gegen Kriegsende in Niederschlesien angelegtes Tunnelnetz mit dem Codenamen „Riese“. Unter und rund um das Schloss Fürstenstein ließ Hitlers Lieblingsarchitekt und Rüstungsminister Albert Speer 1944 ein weitverzweigtes Stollen- und Bunkersystem errichten – als alternatives Führerhauptquartier.

Mehr noch: Der „Komplex Riese“ diente angeblich auch als Waffen- und Munitionsfabrik, in der tatsächlich an einem Nachfolgemodell V3 der vermeintlichen Wunderwaffe V2 gearbeitet worden sein könnte. Erforscht ist Speers unterirdischer „Riese“ jedenfalls mehr schlecht als recht. Viele Stollen wurden noch im Krieg oder kurz danach gesprengt oder verschüttet – oder sie gerieten schlicht in Vergessenheit. Die Baupläne existieren nicht mehr.

All das macht die Region seit Langem zu einem El Dorado für Schatzjäger, zumal Niederschlesien, das von direkten Kriegshandlungen lange unbehelligt blieb, ein idealer Verbringungsort für geraubte Kunstschätze, Juwelen und Edelmetalle war, eben dies: ein riesiger Tunneltresor. Als gesicherte Erkenntnis gilt auch, dass Abzweigungen des Schienennetzes teilweise bis in die Tunnel hineinführten. Unstrittig ist allerdings vor allem dies: Einen real existierenden Goldzug oder einen anderen Schatz hat in der Region Walbrzych bislang niemand geborgen.

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