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Kinderhilfswerk Plan : Heldinnen in der Not

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für Mädchen und junge Frauen können Katastrophen und Krisen ein viel höheres Risiko darstellen als für Männer. Die Folgen sind für sie besonders negativ, dabei sind sie in Extremsituationen der Schlüssel zur Lösung.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2013 | 09:29 Uhr

In dieser Geschichte sind die eigentlichen Helden die größten Verlierer. Die Menschen, um die es geht, halten die Gesellschaft zusammen – und werden von ihr zerstört. Es sind Mädchen und junge Frauen. Wie die 17 Jahre alte Haymanot aus Äthiopien oder ein Mädchen aus dem Niger, das in dieser Geschichte den Namen Ginikanwa trägt.

Ginikanwa ist ebenfalls 17 Jahre alt – und fünffache Mutter. Sie ist verheiratet. Doch das war nicht ihre Entscheidung. Es war die Entscheidung ihrer Familie, eine Zwangsehe. In einem Bericht des United Nations Children’s Fund rangiert Niger auf Platz Eins der Liste mit den Ländern, in denen Kinderhochzeiten am häufigsten vorkommen. Das Land gehört zu den zehn ärmsten in der Welt, Ginikanwa zu den Ärmsten in ihrem Land. Daher ist ihr Mann nach Togo migriert, um dort Arbeit zu finden und seine Familie zu ernähren. Eine Hoffnung, die sich nicht bewahrheitete. Ginikanwa muss sich alleine um ihre fünf Kinder kümmern.

Ginikanwa ist ein Beispiel für viele andere Mädchen und junge Frauen auf der Welt. Sie wirken oft im Schatten der Gesellschaft. Besonders hart trifft es sie in Katastrophensituationen. Das zeigt ein Bericht des Kinderhilfswerk Plan, der gestern zum Welt-Mädchentag bei einem Empfang im Hamburger Senat vorgestellt wurde.

Seit 2007 gibt Plan den Bericht „Because I am a girl – Die Situation der Mädchen in der Welt“ heraus. In diesem Jahr trägt er den Titel „Bedroht, bedrängt, benachteiligt – Mädchen und Katastrophen“. Fabian Böckler, Referent für Katastrophenvorsorge und humanitäre Hilfe: „Die Ergebnisse überraschen uns nicht wirklich. Allerdings sind einige Zahlen dabei, die uns die Augen geöffnet haben.“ So ist laut des Berichts die Wahrscheinlichkeit, in Folge einer Naturkatastrophe zu sterben, bei Frauen und Kindern im Schnitt 14-mal höher als bei Männern. „Das ist noch deutlicher als wir gedacht haben.“ Ebenso ergab eine Untersuchung der London School of Economics in 141 Ländern, dass Jungen bei Nothilfemaßnahmen in Bezug auf Ernährung und ärztliche Versorgung bevorzugt behandelt werden. Das Risiko der Mangel- oder Unterernährung ist demnach dreimal höher als bei Jungen.

Haymanot lebt in einer ländlichen Region Äthiopiens. Als sie zwölf Jahre alt war, wohnte sie bei ihrer Tante. So konnte sie die Schule in einer nahe gelegenen Stadt besuchen. Doch dann wurde ihre Mutter krank und Haymanot ging nach Hause, um sich um ihre Mutter und ihre Geschwister zu kümmern. Die Mutter konnte nicht mehr arbeiten, das Familieneinkommen sank, der Hunger stieg. Haymanot ging nachmittags in die Schule, am Morgen arbeitete sie. Dann wurde auch ihre Schwester krank. Zur gleichen Zeit herrschte Dürre in der Region. Die Ernte fiel aus. Der Hunger stieg weiter. Das Mädchen schmiss die Schule, arbeitete ganztags in einer Schotterfabrik. Haymanot bekam Malaria. Die Arbeitsbelastung zu Hause und in der Fabrik überforderte sie. Ihre Mutter und sie beschlossen, dass Haymanot heiraten sollte. Der Ehemann war Regierungsangestellter. Sie konnte aufhören in der Fabrik zu arbeiten.

In den Entwicklungsländern wird eines von drei Mädchen vor seinem 18. Geburtstag verheiratet. Das zeigen übereinstimmende Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Unesco. Zehn Millionen Mädchen werden irgendwo auf der Welt gegen ihren Willen zwangsvermählt – alle drei Sekunden eines.

Haymanots Biografie zeigt, wie hart das Leben in den ärmsten Regionen der Welt ist. Die Geschichte zeigt aber auch, welch harte Arbeit diese Mädchen leisten und wie sie sich aufopfern, um ihre Familien zu retten. „Ich weiß, dass ich ihre Zukunftschancen zerstöre, indem ich sie davon abhalte, zur Schule zu gehen“, wird ihre Mutter in dem Plan-Report zitiert. Sie sagt aber auch: „Einige Leute, die sahen, wie sie immerzu arbeitete, bewunderten sie und sagten: ‚Wie schafft sie es in ihrem Alter, so hart zu arbeiten und all dieses Leid auszuhalten?‘“

Die Zahl und Intensität von Katastrophen steigen stetig. Waren es vor 40 Jahren noch etwa 90 pro Jahr, sind sie im vergangenen Jahrzehnt auf etwa 450 pro Jahr angestiegen. 90 Prozent der Katastrophen treffen Länder, die die geringsten Mittel haben, schnell und gut darauf zu reagieren. Die Folgen haben vor allem Mädchen und junge Frauen zu tragen. „Geschlechtergerechtigkeit ist kein Luxus oder Privileg“ steht in einem Papier des European Interagency Security Forums, das auf internationalen Abkommen beruht. >>>
>>> Diese schließen UN-Menschen-, Frauen- und Kinderrechte ein. Die Realität sieht anders aus.

Erstes Beispiel: In Flüchtlingscamps werden jugendliche Mädchen häufig Opfer von Gewalt: Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti 2010 erhöhte sich die Schwangerschaftsrate in den Camps auf das Dreifache, zwei Drittel waren ungewollt.

Zweites Beispiel: Nach dem Tsunami 2004 gaben 90 Prozent der von der Flutwelle betroffenen Mädchen und Frauen in Indien an, Gewalt erfahren zu haben. In Sri Lanka waren es 60 Prozent der Mädchen und Frauen.

Drittes Beispiel: 85 Prozent der Obdachlosen in Pakistan nach der Jahrhundertflut 2010 waren Frauen und Kinder.

„Mädchen und junge Frauen sind nicht per se aus biologischen Gründen schneller in der Opferrolle, sondern aufgrund sozio-ökonomischer Faktoren“, sagt Prof. Dr. Martin Voss. Der Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin meint damit vor allem, dass Bildungsmöglichkeiten nicht zur Verfügung stehen, da die Bewältigung des Alltags Vorrang hat. Frauen haben weniger Macht und Einfluss.

Machtlos, ohne Einfluss – und doch die Retter in der Not. „Die Männer arbeiten auf dem Feld oder auch in den Minen. Die Frauen sind immer da. Im Falle einer Katastrophe retten sie die Kinder und die Schwachen. Sie sind die ersten Nothelfer“, sagt Entwicklungsexperte Böckler. Die Rolle der Mädchen und jungen Frauen müsse gestärkt werden. „Frauen definieren das Gemeindeleben. Daher sind sie in Extremsituationen der Schlüssel zur Lösung“, sagt der Fachmann für Not- und Katastrophenfälle. „Wir müssen zusehen, dass ihr Selbstwertgefühl steigt. Das geht nur über Bildung.“ Doch die ersten, die aus der Schule genommen werden, sind Mädchen. 66 Millionen Mädchen weltweit können nicht zur Schule gehen. Jedes dritte Mädchen wird nie eine weiterführende Schule besuchen können.

Katastrophensituationen sind Ausnahmesituationen. Auch für erfahrene Hilfsorganisationen. Meist arbeiten Organisationen der humanitären Hilfe separat. Das allerdings wirkt sich negativ auf die Bevölkerungsgruppen aus, deren besondere Bedürfnisse in der Nothilfe sowie in der Entwicklungszusammenarbeit leicht übersehen werden. Manchmal sind es ganz profane Beispiele. Lagerverwalter gaben nach einem Erdbeben in Indien meist Wasserbehälter von 20 oder sogar 50 Litern heraus. Dabei sind Frauen zumeist in den Familien für das Wasserholen zuständig. Die Behälter waren für sie viel zu schwer. „Wir müssen die spezifischen Bedürfnisse in der individuellen Situation beachten“, erklärt Böckler. In einem anderen afrikanischen Land wurde von Hilfsorganisationen Reis verteilt, aber nicht beachtet, dass er im Gegensatz zu dem in der Region üblichen Grundnahrungsmittel Bohnen viel schwieriger zu kochen ist. Neue Kochtöpfe waren notwendig, standen aber nicht zur Verfügung.

Die aus dem Niger stammende Ginikanwa konnte am Anfang an einer Lebensmittelverteilung partizipieren. Mittlerweile hat sie einen kleinen Job gefunden. Von ihrem Mann kommt keine Unterstützung. Haymanot aus Äthiopien sagt heute, dass ihr Leben besser geworden sei. Sie hofft, nächstes Jahr wieder zur Schule gehen zu können – wenn es ihr Mann erlaubt. Entwicklungsexperte Böckler: „Die jungen Frauen und Mädchen müssen immer mehr Verantwortung übernehmen, aber ihre Stimme gilt immer weniger.“ Mädchen wie Ginikanwa und Haymanot hätten es sicherlich anders verdient.

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