Fährunglück in der Adria : Havarie der „Norman Atlantic“: Was Sie jetzt wissen müssen

Bei der Aufklärung des Fährunglücks in der Adria herrscht ein heilloses Durcheinander. Fragen und Antworten.

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02. Januar 2015, 14:10 Uhr

Rom | Verschwundene Gerettete, Chaos bei den Passagierlisten und gegenseitige Schuldzuweisungen: Fast eine Woche nach dem Brand auf der Adria-Fähre „Norman Atlantic“ stellen sich immer mehr Fragen zu dem Unglück. Fünf Tage nach dem Fährunglück in der Adria ist das Wrack des Schiffes in den Hafen von Brindisi in Italien geschleppt worden, meldeten italienische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf die Behörden.

Die Ermittler wollen unter anderem die Blackbox suchen, um Aufschluss über die Unglücksursache zu bekommen. In dem ausgebrannten Schiff könnten zudem noch weitere Opfer gefunden werden. Auf der Fähre war am Sonntag ein Feuer ausgebrochen.

Die Staatsanwaltschaft der süditalienischen Stadt Bari ermittelt nun gegen vier weitere Besatzungsmitglieder und Verantwortliche der Schifffahrtsgesellschaft. Bisher wurde gegen den Kapitän und den Besitzer der italienischen Reederei Visemar, die das Schiff an die griechische Anek Lines verchartert hatte, unter anderem wegen mehrfacher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung ermittelt.

Warum gibt es so ein Durcheinander bei der Zahl der Vermissten?

Erstens stimmte die Zahl der Fahrgäste und Besatzungsmitglieder an Bord nicht mit den Passagierlisten überein. Zudem waren blinde Passagiere auf der Fähre von Patras nach Ancona, die nirgends erfasst waren. Drittens waren verschiedene Behörden in Italien, Griechenland und Albanien an der Rettung beteiligt, weil das Schiff im Meer zwischen den drei Ländern in Brand geriet. Die Griechen beschwerten sich zum Beispiel über Schreibfehler und falsche Übertragungen auf den Listen der Italiener, die das Kommando bei der Rettung hatten.

Welche Zahlen stehen im Raum?

Bestätigt sind 13 Tote, unter ihnen zwei Einsatzkräfte. Die Zahl der Geretteten gibt die italienische Küstenwache mittlerweile mit 477 an - das sind 50 mehr als vor einigen Tagen. In Italien heißt es, dass mindestens 499 Menschen an Bord waren. Die griechische Schifffahrtsgesellschaft Anek Lines gibt dagegen 474 an. Die Staatsanwaltschaft in Italien hatte am Mittwoch von 98 Menschen gesprochen, von denen es noch keine Nachrichten gebe. Unklar ist, ob das alles Überlebende sind, die mit anderen Schiffen gerettet wurden und von denen es noch keine Nachrichten gibt, oder ob es sich um mögliche Opfer handelt. Die griechische Küstenwache ging unter Berufung auf italienische Behörden von 18 Vermissten aus - allerdings wurde diese Zahl in Italien nicht bestätigt.

Was ist mit den deutschen Passagieren?

17 Deutsche wurden bislang gerettet. Aber nach zweien wird immer noch gesucht. Die Botschaften in Italien, Griechenland und Albanien bemühten sich „intensiv“ um Aufklärung, hieß es im Auswärtigen Amt.

Waren Flüchtlinge an Bord?

Die Behörden gehen davon aus, dass blinde Passagiere auf der „Norman Atlantic“ waren. Drei Migranten wurden gerettet. Befürchtet wird, dass sich mehr in dem Schiff versteckt hatten und dem Feuer zum Opfer fielen. Einwanderer versuchen regelmäßig, sich auf Mittelmeer-Fähren zu verstecken, um so von Griechenland nach Italien beziehungsweise in andere EU-Länder zu gelangen.

Was ging an Bord schief?

Passagiere haben ausgesagt, dass es keinen Feueralarm gegeben habe. Auch sollen Rettungsboote geklemmt haben. Andere sprachen davon, dass nur etwa 50 Menschen in einem Boot waren, in das eigentlich 150 passten. Ein anderes Boot wurde angeblich leer ins Wasser gelassen. Augenzeugen beklagten, dass die Besatzung keinerlei Anweisungen gegeben habe. Auch sollen sich viele Besatzungsmitglieder noch vor den Passagieren in Sicherheit gebracht haben.

Was wird dem Kapitän vorgeworfen?

Der italienische Kapitän Argilio Giacomazzi hat zwar als letzter das Schiff verlassen und wird in Italien dafür gefeiert. Er muss sich dennoch wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführens einer Havarie verantworten. Er soll den Alarm etwa eine Stunde zu spät ausgelöst haben. Giacomazzi sagte aus, erst die Besatzung und - um Panik zu vermeiden - danach den Alarm im ganzen Schiff aktiviert zu haben. Er muss sich genauso wie die Reederei Anek Lines für eine Überbuchung rechtfertigen, also dass mehr Menschen an Bord waren als erlaubt. Das sollen mindestens 18 Menschen gewesen sein. Giacomazzi verwies auf die Besatzung. Medien zitierten den Kapitän, wonach die Besatzung seine Befehle missachtet habe und sich mehr Crewmitglieder in die Rettungsboote setzten, als er angeordnet hatte.

Gegen wen wird sonst noch ermittelt?

Bisher gegen den Eigentümer der italienischen Reederei Visemar, die das Schiff an Anek ausgeliehen hatte. Zu klären ist unter anderem, ob die Fähre Mängel hatte. An Bord soll schon vor einem Monat ein Feuer gemeldet worden sein. Zudem hatten mehrere Passagiere angegeben, dass sie ein anderes Schiff gebucht hatten und die Fähre kurz vor der Abfahrt ausgewechselt wurde. Daneben wird gegen zwei Crewmitglieder und zwei Vertreter der Anek Lines ermittelt.

Was ist der Grund für den Brand?

Auch hier wird vor allem spekuliert, weil die Ermittler das Schiff noch nicht untersuchen konnten. Wenn das Feuer tatsächlich im Fahrzeugdeck ausgebrochen ist, was wahrscheinlich ist, dann hat es sich vermutlich schnell ausgebreitet. Denn viele Laster hatten Olivenöl geladen, das schnell brennt. Dazu kommen die Tanks der Fahrzeuge mit brennbarem Benzin und Diesel. Wenn sich wirklich viele blinde Passagiere an Bord versteckt hatten und Lastwagenfahrer in ihren Fahrzeugen schliefen, dann hatten sie in den Decks kaum Chancen zu entkommen, als das Feuer mitten in der Nacht ausbrach. Sobald das Wrack untersucht werden kann, wird es auf diese Frage vielleicht eine Antwort geben.

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