zur Navigation springen

Nach Ausschreitungen in Sachsen : Häme für Imagefilm: Jetzt reden die Heidenauer Darsteller

vom

In „Mein Heidenau“ wird die gegenseitige Hilfe besungen. Nach den rechten Krawallen wirkt diese Aussage wie Hohn, fanden deutsche Medien. shz.de sprach mit Heidenauern über ihre Sicht.

Heidenau | „Ich kann meiner eigenen Stadt meine Stimme geben“, sagt Andre Seifert, wenn man ihn fragt, warum er in dem Imagefilm für die Stadt Heidenau mitgesungen hat. Jene Stadt, die wegen Krawallen und rechtsradikalen Ausschreitungen seit letzter Woche in den Medien ist. Und jenes Imagefilms, der nach den Ausschreitungen wegen seiner positiven Darstellung der Stadt deutschlandweit mit Häme überschüttet wurde.

Aber tut man damit den Darstellern nicht unrecht? Einen Film komplett aus seinem eigentlichen Zusammenhang zu reißen und sich darüber lustig zu machen? shz.de sprach mit einigen Beteiligten.

Heidenau hat 16.000 Einwohner und liegt knapp 15 Kilometer südöstlich von Dresden im Oberen Elbtal. Am vergangenen Wochenende randalierten dort Rechtsextreme vor einem Flüchtlingsheim. Sie bedrohten Asylbewerber und griffen Polizisten an. Über 30 Beamte wurden verletzt.

Nach den rechtsextremen Krawallen besuchten Sigmar Gabriel und Bundeskanzlerin Angela Merkel  das Flüchtlingsheim. Merkel wurde ausgebuht und ausgepfiffen.

Das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hatte ein Versammlungsverbot für das Wochenende verhängt. Dies ist nach Ansicht des Verwaltungsgerichts Dresden unzulässig. Die entsprechende Allgemeinverfügung sei „offensichtlich rechtswidrig“, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Eilentscheidung des Gerichts.

Für Freitagnachmittag war ein Willkommensfest für Flüchtlinge geplant - mit Grillfest, Fußballspielen und anderen Aktivitäten mit den in einem früheren Baumarkt untergebrachten Flüchtlingen.

Parallel dazu wollten auch rechte Gegner der Flüchtlingsunterkunft erneut auf die Straße gehen: Die Bürgerinitiative Heidenau hatte im Internet zu einer Demonstration aufgerufen. Sie wird dabei von anderen rechten Gruppen wie der Bürgerwehr Freital und der Meißener Initiative Heimatschutz unterstützt.

Wie ist der Film 2012 überhaupt entstanden? 2004 wurde Heidenau vom Sächsischen Sozialministerium  als familienfreundliche Gemeinde ausgezeichnet. „Für uns ist die Familienfreundlichkeit gelebte Praxis“, sagt Sylvia Schröder, Amtsleiterin für Schule und Familie. Es gab verschiedene Projekte, wie zum Beispiel den auch im Lied besungenen „Märchenlebenspfad“ oder „Spätaussiedler kochen mit Grundschulkindern“, die die Familienfreundlichkeit betonen. Diese wollte man in einem Imagefilm darstellen.

„Der Song ist eine Zusammenfassung von den Aktionen, die gelaufen sind“, sagt Röder. Der Text stammt von der Liedermacherin Karina Ziegler aus Baden-Württemberg. Alle Darsteller im Film sind Heidenauer. Die Schlagwörter der Projekte und des Films seien „Toleranz, Achtung und Gemeinsamkeit“ gewesen. Bei der Veröffentlichung 2012 habe es überwiegend eine positive Resonanz gegeben.

Das Bild, das aktuell in den Medien von Heidenau entstehe, sei nicht das wahre Heidenau. Mittlerweile habe die Polizei bestätigt, dass viele Krawallmacher gezielt aus anderen Städten nach Heidenau gekommen seien. „Wir haben uns unser Image über Jahre aufgebaut und durch die aktuelle Situation hat es einen großen Schaden erlitten“, sagt Röder.

Überlegungen, den Imagefilm aus dem Internet zu entfernen gibt es laut Röder nicht. „Wir stehen zu dem Inhalt.“ Heidenau gebe nicht klein bei. Es stehe nach wie vor für Zusammenhalt und Gastlichkeit. „Vielleicht kommt sogar eine neue Strophe hinzu.“

Anna-Lena Röder würde allerdings bei einem neuen Einsingen nicht mitmachen. Die 16-Jährige wurde 2012  im Musikunterricht von ihrem Lehrer gefragt, ob sie dabei sein wolle. „Ich fand es eine schöne Idee, einen Song von Heidenauern für Heidenauer zu machen“, sagt sie. Sie stehe hinter dem Song und der Idee, wie er damals gedacht war. Anna-Lena plädiert dafür, lieber ein neues Projekt zu machen.

Von den Krawallen am Wochenende hat sie nichts mitbekommen. „Ich sehe nur die verstärkte Polizeipräsenz.“ Wenn sie den Randalierern etwas sagen könnte, was würde das sein? „Sie sollen mit den Flüchtlingen reden. Und nicht das Leid anderer ausnutzen, um sich selber darzustellen.“

Ihre Freunde machten sie auf die Berichterstattung in den Medien aufmerksam. „Ich habe den Fernseher eingeschaltet und auf einmal laufen wir bei RTL aktuell. Die Berichte findet sie beschämend, besonders das Video, in dem das Lied mit Bildern von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gezeigt wird. „Die haben es sich gedreht, wie sie es haben wollten.“

Andre Seifert erfuhr über Facebook von der Häme über den Film. „Ich habe gesehen, dass wir in aller Munde sind. Leider mit einem bitteren Beigeschmack“, sagt er. Die negativen Kommentare lassen ihn kalt. Das sei keine wirkliche Kritik und niveaulos. Er hat bei dem Film gemacht, weil er gern singt und seine Stadt zeigen wollte, wie sie ist. „Was wir singen, leben wir.“

Für die Krawallmacher hat er klare Worte: „Es geht um Menschen. Die Asylpolitik kann jeder finden, wie er will. Aber ein freundliches Entgegenkommen kann jeder verlangen.“

Andre Seifert wäre sofort bei einer Neuauflage des Liedes dabei. Er wünscht sich, dass das Lied dann erneut in den Medien präsentiert wird. Allerdings mit einer neuen Überschrift: „Heidenau singt und lebt seine Gastfreundschaft.“

 

zur Startseite

von
erstellt am 28.Aug.2015 | 14:13 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen