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100 Jahre Schlacht im Skagerrak : Gorch Fock: Der Mann hinter dem Schiff

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Gorch Fock verbinden die meisten mit dem Segelschulschiff der Marine. Die wenigsten kennen den Schriftsteller, nach dem es benannt wurde. Vor 100 Jahren fiel er im Skagerrak.

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erstellt am 28.Mai.2016 | 20:20 Uhr

Kiel/Hamburg | Der junge Johann Kinau hat ein Problem. Er liebt das Meer. Er liebt die Fischerei. Und er liebt seinen Vater, der Fischer ist und in dessen Fußstapfen er so gerne treten würde. Aber der Junge, 1880 auf Finkenwerder geboren, hat zwei harte Gegner: einen schmächtigen Körper, der der harten Arbeit als Fischer nicht gewachsen ist, und die tückische Seekrankheit. Wunsch und Wirklichkeit. Zwei Pole, die sich häufig ausschließen – und die sich durch Johann Kinaus Leben ziehen. 

Aus Johann Kinau wird im Laufe seines Lebens der niederdeutsche Schriftsteller Gorch Fock. In seinen Büchern kann er seine Wünsche zur Wirklichkeit werden lassen. Seine Geschichten erzählen vom harten Überlebenskampf auf hoher See. Auch wenn der eigene Traum vom Fischerleben früh platzt, nimmt das Meer einen entscheidenden Platz in seinem Leben ein. Bis in den Tod. Vor 100 Jahren stirbt Johann Kinau alias Gorch Fock in der größten Seeschlacht aller Zeiten im Skagerrak.  

Wenn man heute den Namen Gorch Fock hört, geht der Gedanke an das Segelschulschiff der Marine. Die Botschafterin in Blau, weltweit bekannt. Doch wer war der Mensch, der hinter diesem Namen steht?

Der Kieler Literaturwissenschaftler Rüdiger Schütt. Im Hintergrund das Cover des Buches „Fahrensleute“ von Gorch Fock.
Der Kieler Literaturwissenschaftler Rüdiger Schütt. Im Hintergrund das Cover des Buches „Fahrensleute“ von Gorch Fock. Foto: Michael Ruff
 

Will man sich der Person Gorch Fock nähern, ist Rüdiger Schütt ein guter Ansprechpartner. Schon zu Studentenzeiten arbeitet er Mitte der 90er in der Uni-Bibliothek in Hamburg am Nachlass des Schriftstellers, liest Briefe und Tagebücher und versucht, den Menschen hinter dem Mythos zu erkunden. Jetzt hat der promovierte Literaturwissenschaftler, der mittlerweile in der Uni-Bibliothek in Kiel arbeitet, eine Biographie über Gorch Fock veröffentlicht. Pünktlich zum 100. Todestag. 

In seinem Büro hängt ein Plakat an der Wand. Es zeigt das Cover des Buches „Fahrensleute – Neue Seegeschichten“ von Gorch Fock. Darunter ein Schild des IC 605, der früher von Hamburg-Altona nach Koblenz fuhr. Der Name des Zuges: Gorch Fock. Schütt berichtet auch über eine amerikanische Avantgarde-Heavy-Metal-Band aus Austin (Texas) mit dem Namen: Gorch Fock. Bei der Marine selbst spielt die Person Gorch Fock „heute nur noch eine untergeordnete Rolle“, wie Kapitänleutnant Felix Kloke, Leiter des Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrums an der Marineschule Mürwik in Flensburg, berichtet. 

Die Kadettin ertrank vor sechs Jahren in der Nordsee
Das Segelschulschiff „Gorch Fock“. Foto: Carsten Rehder
 

Literaturwissenschaftler Schütt hingegen ist vom Leben, Schaffen und der Wirkung des Schriftstellers fasziniert, sieht die Person und den Nachlass aber auch kritisch. „Das Leben von Gorch Fock ist die Geschichte eines Menschen mit vielen Gesichtern“, sagt Schütt. Als er sich durch die handschriftlichen Tagebücher arbeitet, überkommen ihn „Schatzsuchergefühle“, wie er sagt. Das Abenteuer des Literaturwissenschaftlers sind die Aufzeichnungen, das Abenteuer der Leser Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Traumwelt Johann Kinaus, der mehr und mehr mit der Kunstfigur Gorch Fock verschmilzt. „Was Karl May im Wilden Westen, ist Gorch Fock auf dem Meer“, sagt Schütt. Aber der Mann, der die Abenteuer schreibt, ist hinter der Fassade des Künstlernamens so gar kein Abenteurer. Vielmehr ist er ein Zweifler. In seinem Buch schreibt Schütt:


„Gorch Fock war eine Kunstfigur, ein Ideal, zum Leben erweckt von ihrem Schöpfer Johann Kinau. Ego und Alter Ego, zwei Seiten ein und derselben Medaille zwar, aber auch zwei Seiten einer Persönlichkeit, wie sie gegensätzlicher kaum denkbar sind. Auf der einen Seite der selbstbestimmte, heroische Schriftsteller, auf der anderen der angepasste Buchhalter aus kleinbürgerlichem Milieu. Es ist keine Heldenbiografie. Es ist die Biografie einer zutiefst widersprüchlichen Persönlichkeit, eines Menschen aus Fleisch und Blut, der zum Mythos wurde.“


Johann Kinau ist ein stilles Kind, er wird als introvertiert beschrieben, als ein Träumer, der seine Heimat Finkenwerder liebt. Als er zwölf Jahre alt ist, nimmt sein Vater ihn und den zwei Jahre jüngeren Bruder Heinrich mit an Bord des Familien-Ewers. Es ist eine Probefahrt. Die Jungen sollen während der Fangfahrt zeigen, ob sie das Zeug zum Fischer haben. Heinrich besteht die Prüfung, Johann nicht. Er darf den Beruf des Vaters nicht ergreifen. Das Trauma wird ihn lange begleiten. Er selbst scheitert, stattdessen stilisiert er später seine Romanfiguren zu Ikonen der Seefahrt. Stark, heroisch, ohne Fehler. 

Johann Kinau mit seiner Frau Rosa. Drei Kinder bekommt das Paar, von denen aber nur zwei das Erwachsenenalter erreichen.
Johann Kinau mit seiner Frau Rosa. Drei Kinder bekommt das Paar, von denen aber nur zwei das Erwachsenenalter erreichen. Foto: Universitätsbibliothek Hamburg
 

Statt auf See zu sein, macht Johann Kinau 1895 eine Kaufmannslehre in Geestemünde bei Bremerhaven. Anschließend arbeitet er als Buchhalter und Kontorist in Meiningen (Thüringen), Bremen und Halle (Saale). 1904 kehrt er nach Hamburg zurück und arbeitet bei der Zentraleinkaufsgesellschaft deutscher Kolonialwarenhändler (heute Edeka). Ab Anfang 1907 wechselt er zur damals größten Reederei der Welt, der „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“ Hapag. Er ist Buchhalter und Briefführer in der Abteilung Personenverkehr, zuständig vor allem für die Bearbeitung von Frachtbriefen. Nebenher macht er sich langsam als Schriftsteller, Theater-Autor und Schreiber für mehrere Hamburger Zeitungen einen Namen.

Von den Hapag-Kollegen im Schreibsaal weiß lange Zeit niemand von der zweiten Seite des zurückhaltenden Mannes. Für das Schreiben bleibt ihm nicht viel Zeit, nur die frühen Morgenstunden und spät am Abend. Zwischen halb drei und halb vier steht er morgens auf, um zu schreiben. Im Winter sogar in Wolldecken gehüllt.

Der Name Gorch Fock wird bekannter. Der Vorname ist die niederdeutsche Form von Georg. Er soll auf die bäuerlichen Wurzeln von Seiten seiner Mutter verweisen. Der Nachname entstammt der Familie seiner Großmutter väterlicherseits. Zudem ist das Focksegel zentraler Bestandteil eines jeden Segelschiffes.

Mit seinem Werk „Seefahrt ist not!“, das er im November 1912 veröffentlicht, steigt Johann Kinau unter dem Namen Gorch Fock  in die Reihe der Superstars auf. Das Feuilleton feiert ihn für seine plattdeutschen Dialoge. Er wird zum Bestseller-Autor.

Gorch Fock, um 1913
Gorch Fock, um 1913 Foto: Universitätsbibliothek Hamburg
 

Die Handlung spielt in seiner Heimat Finkenwerder. Klaus Mewes  ist der  Sohn eines Hochseefischers, der unbedingt seinem Vater folgen will. Die Bemühungen des Jungen haben Erfolg und er darf ihn zum Fischfang auf die Nordsee begleiten. Eines Tages kommt der Vater nicht mehr von der Fangfahrt zurück, doch Klaus  lebt den Traum, Fischer zu werden, weiter. Er ist erfolgreich, zuletzt wird er Eigentümer des schönsten Austernkutters an der Elbe. Lokalkolorit, Fernweh, der Überlebenskampf auf See. Das ist die Welt des Gorch Fock. Oder die des Johann Kinaus?

Die Marine und ihre Vergangenheit ist die Welt von Jann M. Witt. Er ist Marinehistoriker beim Deutschen Marinebund in Laboe. Es ist sein Thema, seine Passion. Das merkt man ihm an. Stundenlang kann er über die Marine und all ihre Facetten referieren.

„Das ist schon spannend“, sagt er. Und weiter: „Gorch Fock ist einer der herausragenden maritimen Schriftsteller.“ „Seefahrt ist not!“ lohne sich zu lesen. Dabei werde der Titel oftmals missverstanden. Das Wort „not“ stehe nicht für den Fall, dass in einer Situation Hilfe benötigt werde, sondern für den Begriff „notwendig“. Ergo: „Seefahrt ist notwendig.“

Der Erfolg tut Gorch Fock gut. Allerdings verschwimmt der Mensch Johann Kinau vermehrt mit der Kunstfigur Gorch Fock. Nicht ohne Konsequenzen. „Schrecklich ist für mich zu sehen, wie dieser Mensch zwischen der Kunstfigur Gorch Fock und dem seekranken, eher kleinen und schmächtigen Johann Kinau steht. Das ist dies Tragik dieser Figur“, sagt Literaturwissenschaftler Schütt. „Ich finde Johann Kinau sympathischer.“ Denn: „Das Zweifeln und das Zerbrechliche ist doch menschlich.“ Letztendlich ließen sich Johann Kinau und Gorch Fock aber „auch nicht ganz auseinanderdividieren.“

1914 entfacht im deutschen Kaiserreich die Kriegseuphorie, die auch Gorch Fock erfasst. Patriotismus ist der Nährboden der Begeisterung. „Gorch Fock war Patriot, keine Frage“, berichtet Schütt. Allerdings zeigen die Kriegstagebücher auch eine andere Seite. Diese allerdings liegt lange im Verborgenen. Die Teile der Tagebücher, die nach dem Tod des Autoren von seiner Muse Aline Bußmann und seiner Familie veröffentlicht werden, halten den Mythos Gorch Fock lebendig. „Er hatte aber auch eine andere Seite. Wenn man diese unterdrückt, ergibt sich ein schiefes Bild“, kritisiert Schütt. Ein Bild, das vor allem die Nationalsozialisten im Dritten Reich nutzen, um ein Vorbild für die Nazi-Jugend zu stilisieren. Er sei aber auch ein großer Zweifler gewesen, sagt der Literaturwissenschaftler. „Bis hin zu Selbstmordgedanken. Das hat man allerdings in den Veröffentlichungen der Tagebücher rausgelassen.“

Gorch Fock 1916 als tapferer Matrose auf dem Kreuzer „Wiesbaden“.

Gorch Fock 1916 als tapferer Matrose auf dem Kreuzer „Wiesbaden“.

Foto: Universitätsbibliothek Hamburg
 

Den Ersten Weltkrieg erlebt Gorch Fock, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet,  zunächst 1915 als Infanterist in Russland und Serbien, 1916 dann zwei Monate an der Westfront in Frankreich, bevor er durch die Hilfe einflussreicher Männer zur Marine wechseln kann. Am 18. April geht es für Gorch Fock an Bord des Kleinen Kreuzers SMS „Wiesbaden“. Etwa 600 Mann bilden die Besatzung, 120 Seeminen sind an Bord. Für Gorch Fock geht einerseits ein Traum in Erfüllung. Er ist Seemann, ganz in der Familientradition der Kinaus. Tagsüber arbeitet er als Beobachter im vorderen Mastkorb, dem „Krähennest“, nachts ist er am Leitstand beim 1. Artillerieoffizier tätig. Andererseits ist Johann Kinau schwer traumatisiert – und noch immer ständig seekrank. Um durchzuhalten, verklärt er das Erlebte. In der Schütt-Biographie heißt es:


„Anstelle von Johann Kinau lässt er sein mutiges Alter Ego Gorch Fock weitermarschieren. Sein Schriftsteller-Ich nimmt er inzwischen als einen ,Prediger der Furchtlosigkeit’ wahr, als ein Ideal, das es für ihn, den sensibel-introvertierten Menschen, unter allen Umständen zu erreichen gilt. Nur durch die Überwindung seiner Angst, so seine Überzeugung, könne diese Metamorphose gelingen.“


In seinem Tagebuch schreibt Gorch Fock am 29. April 1916, einen Monat vor seinem Tod:


„Furcht habe ich verloren, je mehr ich Gorch Fock geworden bin; de lütte Jan Kinau wür een Bangbüx, aber Gorch Fock, der Prediger der Furchtlosigkeit, muss selbst schwindelfrei sein.“


Vom 21. bis 28. Mai hat er noch einmal Urlaub. Die Zeit verbringt er in Hamburg bei seiner Familie. Es wird das letzte Mal sein, dass er sie sieht. Denn drei Tage später beginnt die Schlacht im Skagerrak, in der insgesamt 8645 Soldaten ihr Leben verlieren. Auch die „Wiesbaden“ steht unter schwerem Feuer. Gegen 2.45 Uhr in der Nacht versinkt der Kreuzer im Meer – und mit ihm Gorch Fock. Nur eines der 589 Besatzungsmitglieder überlebt. Die genauen Todesumstände Gorch Focks – wie und wann er über Bord ging, ob lebend, verletzt oder tot – sind unbekannt.

Die Versenkung der „Wiesbaden“, auf der Johann Kinau eingesetzt war.

Die Versenkung der „Wiesbaden“, auf der Johann Kinau eingesetzt war.

Foto: Deutscher Marinebund
 

Der Tod Johann Kinaus stärkt den Mythos Gorch Fock. Ein Mythos, hinter dem ein Mann mit mehreren Gesichtern steht.

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